Rehbergs Analyse: Der magische Moment des Julian B.

Jubel ohne Grenzen: Julian Baumgartlinger nach seinem ersten Bundesliga-Treffer, dem Siegtor für Mainz 05 über den FC Schalke 04. Foto: Sascha Kopp

Die ganz große Bühne hat sich 05-Kapitän Julian Baumgartlinger für sein erstes Bundesligator ausgewählt, schreibt Reinhard Rehberg in seiner Analyse des Freitagsspiels in...

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. Im März werden die 05er 111 Jahre alt. Die erste Bundesligasaison in der Klubgeschichte ließ sich einst zufällig verbinden mit der 100-Jahr-Feier. An jenem 3. März 2005 feierten die 05er ihr Jubiläum fußballerisch am choreographisch eindrucksvoll geschmückten Bruchweg mit einem 2:1-Sieg gegen den Tabellenführer FC Schalke 04. Mit dem ersten Angriff erzielte Fabian Gerber das 1:0. Das umjubelte Siegtor im historischen Jubiläumsspiel, das die alten Bruchwegsteine zum Beben brachte, markierte Michael Thurk. Elf Minuten vor dem Abpfiff.

Mögen es noch gut drei Wochen sein bis zur 111-Jahr-Feier. Der 2:1-Triumph in der Coface Arena am Freitagabend gegen den FC Schalke 04 wird in die Vereinsgeschichte eingehen als das zweite große Jubiläumsspiel. Und noch in vielen Jahren werden sich die Fans daran erinnern: An jenem 12. Februar 2016 erzielte Julian Baumgartlinger das 2:1-Siegtor. Elf Minuten vor dem Abpfiff.

In seinem 112. Bundesligaspiel schaffte der 05-Kapitän sein erstes Bundesligator. Ein magischer Moment für den charakterlich beeindruckenden Vollblutprofi. Der sich für diesen emotionalen Premierenaugenblick die ganz große Bühne ausgewählt hat in seinem fünften Jahr in Mainz. Und das war kein Allerweltstreffer. Ein Spielzug wie an der Schnur gezogen. Die Linksflanke von Yunus Malli in den Rücken der zentralen Abwehrspieler, Baumgartlinger war aus dem Rückraum entschlossen durchgesprintet, ein fulminanter Kopfballaufsetzer. Und die 30.000 Mainzer in der Coface Arena feierten ihren Tageshelden. Der Österreicher inszenierte später eine Humba, die lange nicht mehr derart inbrünstig zelebriert worden ist wie nach diesem hochwertigen Erfolg gegen den Tabellenvierten, der am kommenden Dienstag einen internationalen Auftritt in Donezk hat.

Besonders wertvoller Erfolg gegen Schalke 04

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Noch eine Geschichte. Das Jubiläumsspiel 2005 stand unter dem Eindruck des Streits zwischen Christian Heidel und der Schalker Manager-Legende Rudi Assauer. Es ging um den Transfer des verletzten Mimoun Azaouagh zu S04. Nach dem Jubiläumsspiel 2016 hat Heidel vor der Sky-Kamera zwischen den Zeilen seinen Wechsel nach Gelsenkirchen verkündet: Der 05-Manager erzählte, dass die Entscheidung in Kürze öffentlich werde, ein Schalker Gremium müsse noch tagen – und sein möglicher Nachfolger in Mainz müsse noch mit seinem aktuellen Arbeitgeber sprechen. Dass es sich da um Rouven Schröder handelt, der zweite Mann hinter dem Bremer Sportgeschäftsführer Thomas Eichin, das pfeifen die Spatzen von den Dächern.

Was den Heimsieg der 05-Elf am Freitagabend besonders wertvoll machte, das war die Leistung der Schalker. Die Mannschaft von Martin Schmidt hat kein versagendes Spitzenteam niedergerungen, sondern einen läuferisch, kämpferisch und spielerisch sein aktuelles Potenzial auslotenden Champions-League-Aspiranten. Eine Klassepartie. Wahrscheinlich die beste in dieser Arena seit der Ära Thomas Tuchel. Zwei Mannschaften, die unerbittlich im Sprintmodus nach vorne und hinten Tempo bolzten. Zwei Mannschaften, die jeden Zweikampf führten, als wäre es der entscheidende. Zwei Mannschaften, die taktisch diszipliniert ihre Matchpläne durchzogen. Zwei Mannschaften, die gewillt waren, Fußball zu spielen. Letzteres kommt eher selten vor in der Bundesliga. Die Schalker traten individuell filigraner auf. Die 05er verteidigten nahezu perfekt organisiert – und die Schmidt-Elf zeigte einen Tick mehr Entschlossenheit, mehr Willen, mehr Enthusiasmus. Dieser Erfolg war kein Zufall, der hatte eine Logik.

Bussmanns Duelle mit Sané gehörten zu Höhepunkten der Partie

Und dazu gehörte Gaetan Bussmann. Kein großer Techniker, kein Passwunder. Aber ein überragender Zweikämpfer, Läufer und extrem geradliniger und zielstrebiger Antreiber. Die atemberaubenden Duelle des Mainzer Linksverteidigers mit dem Schalker Rechtsaußen Leroy Sané gehörten zu den Höhepunkten dieser aufregenden Partie. In der Startphase kam der S04-Jungstar mit seinen Dribblings nach innen ein paar Mal durch. Und dann begann der athletische Franzose, dem hoch veranlagten Schalker Außenstürmer einen Ball nach dem anderen vom Fuß zu stehlen. Großartig. Und dann schoss Bussmann in einer klassischen Pari-Pari-Phase auch noch das 1:0. Und das mit dem rechten Fuß - den der Mann aus Metz, so Martin Schmidt, eigentlich nur für den aufrechten Gang benötigt.

Die zweite Halbzeit begann der Favorit mit einem aggressiven Angriffspressing. 31 Sekunden nach Wiederanpfiff das 1:1. Der beeindruckende Debütant Jounes Belhanda traf. Die Gäste machten jetzt Druck. Die 05er kämpften sich nach dem Ausgleichsschock und den folgenden zehn Problemminuten wieder zurück. Behauptungswille. Die Außenverteidiger pressten weit nach vorn verschoben, nun drehte rechts auch Guilio Donati auf. Der gesamte Laden schob nach Balleroberungen nach vorne nach. Die offensiven Umschaltzüge über Jairo, Malli, Christian Clemens und den hart schuftenden Jhon Cordoba erzielten Wirkung.

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Ein großer Schlagabtausch. Baumgartlinger und Danny Latza nahmen im Zentrum den Strategen Johannes Geis aus dem Spiel. Mit dem leichtfüßigen und technisch glänzenden Leon Goretzka hatte der 05-Maschinenraum mehr Mühe. Aber das Schalke-Talent litt darunter, dass Mittelstürmer Jan-Klaas Huntelaar als Anspielstation bei den kompromisslos nach vorn verteidigenden Stefan Bell und Leon Balogun abgemeldet war. Und Sané begann zu resignieren gegen den giftigen Bussmann.

Und dann kam der magische Moment des Julian Baumgartlinger. Dessen Mannschaft nach dem 21. Spieltag 33 Punkte auf dem Konto hat. Die weite Entfernung zu den Abstiegsrängen verleiht Flügel