Rehbergs Analyse: Der Hamburger SV ist reif wie Fallobst

Peter Knäbel. Foto: dpa

Beim SV Werder Bremen und beim FSV Mainz 05 haben die Notmaßnahmen, den U23-Coach zum Cheftrainer zu befördern, gegriffen. Beim Hamburger SV ist diese Lösung gescheitert. Joe...

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. Die 05er punkten. Mit Leidenschaft und Leistung. Das Projekt "Zurück zu den Wurzeln und damit zurück in die Zukunft" unter dem neuen, im Klub ausgebildeten Cheftrainer Martin Schmidt funktioniert. Gescheitert ist der Hamburger SV mit der Lösung, den U23-Coach in den Chefsessel zu hieven. Joe Zinnbauer, der einstige Mainzer Zweitligastürmer, ist am Sonntag beurlaubt worden.

Nun soll der dritte Trainer in dieser Saison die Wende managen. Dem Sportdirektor Fußball, der vor 15 Jahren mal einen Schweizer Drittligisten als Spielertrainer betreut hat, nun die Rettungsschlüssel in die Hand zu drücken, ist sehr verwunderlich.

Spielerische, taktische Defizite

Zinnbauer definierte sich als Motivator, ein bedingungsloser Anheizer, ein Scharfmacher. Zinnbauer kam rüber wie ein Fußballverkäufer. Seine Mannschaft rannte bis den Spielern die Lunge brannte. Seine Mannschaft grätschte derart heftig, dass gegnerische Trainer Wutausbrüche bekamen; das Zweikampfgebaren ging unter Zinnbauer bis an die Grenzen der Regelauslegung, und manchmal auch darüber hinaus. Spielerisch und taktisch trat der HSV eher unbedarft auf. Da hatte der eloquente Jungtrainer unübersehbare Defizite. Hätte man das nicht auch schon bei seiner U23-Arbeit erkennen können? Schwer zu beurteilen.

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Schaute man sich am Montag die Liveübertragung der Pressekonferenz in Hamburg an, dann muss man feststellen: Peter Knäbel ist der leise Gegenentwurf zum forschen Zinnbauer. Der bisherige Sportdirektor bekam kaum die Zähne auseinander, er wirkte gebremst, schüchtern, unsicher, als hätte man ihn in diese Position hinein geschubst.

Anhänger entsetzt

Knäbels mit dünner Stimme und emotionslos vorgetragene Botschaft: Die unter Zinnbauer gelebte Aggressivität in geregeltere Bahnen lenken, die unter Zinnbauer erarbeitete defensive Stabilität erhalten - und mehr Tore schießen. Nun, denn. Die Mannschaft habe "Defekte", erklärte Oberboss Dietmar Beiersdorfer, der sich durch die Medienfragen kämpfte, als habe er gegen die Einnahme von zwei Packungen Valium anzukämpfen. Knäbel kenne die Mannschaft, sagte Beiersdorfer, Knäbel wisse, wo er da anzusetzen habe. Na ja, der 48-Jährige steht an der Alster auch erst seit dem 1. Oktober 2014 auf der Gehaltsliste.

Die TV-Umfrage bei den HSV-Fans am Trainingsgelände ergab ein eindeutiges Bild: Die Anhänger sind entsetzt, keiner traut dem bisherigen Sportdirektor die Rettung zu. Der komme ja gar nicht aus dem Trainergeschäft, und gewonnen habe er auch noch nie etwas…

Nichts gewonnen? Stimmt nicht!

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Letzteres stimmt nicht. Knäbel war als talentierter Spielmacher mal Europameister mit der deutschen U16-Nationalmannschaft. In jener Elf aus dem Jahr 1984 spielten auch die späteren Weltmeister Bodo Illgner und Stefan Reuter. Übrigens auch Denni Strich, der Sohn des einstigen Erfolgstrainer Horst Dieter Strich, der die 05er 1987 nach einer elfjährigen Durstsrecke in die Zweite Liga zurückgeführt hat. Denni Strich, der in der Jugend für Wormatia Worms und für den 1.FC Kaiserslautern kickte, hat später in Mainz BWL studiert, heute ist er beim DFB ein einflussreicher und hoch angesehener Marketingdirektor.

Zurück zu Peter Knäbel. Der kam aus der Jugend von Borussia Dortmund, spielte als Profi in Bochum, fünf Jahre beim FC St. Pauli, in Saarbrücken, bei 1860 München, in Nürnberg und in Winterthur. Trainererfahrung? Von 1995 bis 98 in der Nachwuchsabteilung des 1.FC Nürnberg, von 1998 bis 2000 beim FC Winterthur. Ende. Danach hat er nur noch am Schreibtisch gearbeitet. Unter anderem beim Schweizer Fußballverband in einer Art "Bierhoff-Funktion". Mag sein, dass er in dieser Zeit gut zugehört hat bei den taktischen Analysen von Ottmar Hitzfeld.

Mutige Entscheidung

Aber reicht das aus, um eine hoch problematische Mannschaft in einen hoch problematischen Umfeld in acht Spielen vor dem ersten Bundesligaabstieg in der Klubgeschichte zu bewahren? Ein stiller Schreibtischmann ohne nennenswerte Trainererfahrung soll in einer Notsituation zum fachlich überzeugenden, nach Innen und Außen führungsstarken Schlachtenlenker avancieren? Eine mutige Entscheidung. Respekt. Man hat mittlerweile das Gefühl: Der HSV lässt nichts aus. Vielleicht übernimmt ja drei Spieltage vor Schluss als vierter Trainer noch HSV-Nachwuchschef Bernhard Peters. Der hat mal Hockeyspieler zu Olympiasiegern gemacht und zu Weltmeistertiteln geführt, danach hat er ein Buch geschrieben mit dem Titel "Führungs-Spiel".

Da kommt einem in Erinnerung, dass Dietmar Beiersdorfer in seiner ersten Managerzeit beim HSV die einmalige Gelegenheit hatte, Jürgen Klopp zu verpflichten. Investigativ wurde Klopp vor Ort ausgeleuchtet, dabei kam heraus: Klopp rauche in der Öffentlichkeit, Klopp zeige sich in der Stadt mit zerschlissenen Jeans und Klopp komme zu spät zum Training. Beiersdorfer entschied: Den nehmen wir nicht.

Reif wie Fallobst

Klopp heuerte bei der finanziell am Stock gehenden Dortmunder Borussia an, irgendwann erschien er im dunklen Anzug, mit Krawatte und mit schwarzen Lackschuhen an den Füßen pünktlich zum Anpfiff (und mit einer Zigarettenschachtel in der Hosentasche) im Wembleystadion zum Champions-League-Finale. Der HSV holte damals Martin Jol. Seitdem hat der Klub weitere elf Trainer und diverse Vorstandsmannschaften verschlissen.

Streng genommen müsste man sagen: Hamburg, meine Perle - ihr seid eigentlich reif wie Fallobst. Aber wir wissen, dass der HSV in der Vorsaison unter Mirko Slomka, dem Nachfolger von Bert van Marwijk, mit mickrigen 27 Punkten in die Relegation gestolpert ist und dort mit einem 0:0 und 1:1 gegen den Zweitligadritten SpVgg Greuther Fürth heldenhaft überlebt hat. Die berühmte Digitaluhr im Volksparkstadion tickte weiter. Und niemand wusste, womit der HSV das verdient hatte.

Verdammt lang her

Angeblich bemüht sich Beiersdorfer ("In der nächsten Saison ist Peter Knäbel wieder unser Sportdirektor") für den Sommer mal wieder um den Ex-Mainzer Thomas Tuchel. Der raucht nicht (und trinkt nur ganz selten Alkohol), der trägt ordentlich gebügelte Studentenklamotten und er ist extrem diszipliniert in seinem Zeitmanagement. Das einzige Problem: Tuchel, der gerade von Mainz nach München umzieht, hat nach seiner Absage im September womöglich immer noch keine Lust auf diesen Chaosklub.

In Mainz leben die Ideen von Klopp und Tuchel weiter. Martin Schmidt musste zum Amtsantritt spielerisch und taktisch nicht bei Adam und Eva anfangen. Der bis heute letzte Trainer, der beim HSV über einen längeren Zeitraum eine unverwechselbare Spielkultur geprägt hat, war von 1981 bis 87 der Wiener Grantler Ernst Happel. Verdammt lang her.