Rehbergs Analyse: Beruhigungssieg mit überragenden Matchwinnern

Matchwinner: Pablo de Blasis (l.) nach seinem Treffer zum 3:0 und Yunus Malli. Foto: dpa

Tonnenschwere Eisbrocken rumpelten am Samstag von den Seelen aller Beteiligten. Und doch war es nicht der große Befreiungsschlag, den Mainz 05 da abgeliefert hat beim 5:0 gegen...

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. Der Befreiungsschlag ist das noch nicht gewesen, dafür geht es in der Bundesliga zu eng zu. Nennen wir es einen Beruhigungssieg. Der dienen kann als Grundlage für eine Befreiungswoche. "Oh, wie ist das schön", sangen die 05-Fans nach dem 5:0-Erlebnis gegen den SC Paderborn glückselig. "So was hat man lange nicht gesehn…!" Selten passte diese Liedzeile aus dem Hofsänger-Hit besser. Exakt 105 Tage hat es gedauert. Der erste Drei-Punkte-Ertrag seit dem 8. Spieltag. Lawinenartig rumpelten am Samstag im dichten Schneetreiben in der Coface Arena tonnenschwere Eisbrocken von den Seelen aller Beteiligten.

Unter Druck die Nerven bewahrt

Die 05-Profis haben in einer Drucksituation die Nerven bewahrt und eine beachtliche Leistung abgerufen zum Rückrundenstart. Die 05-Profis haben ihrem Spiel ein Element hinzugefügt, das in der Vorrunde nahezu gar nicht wirksam war: Zielstrebige Konterzüge mit intelligenten Laufwegen im Sprinttempo, Chancen nach wenigen und kurzen Ballkontakten. Das war der Beleg dafür: In der Bundesliga lassen sich Tore leichter erzielen mittels Balleroberungen und schnellen Umkehrbewegungen als mittels passintensiver Ballbesitzpassagen. Im Idealfall macht es die situationsangemessene Mischung. Das 5:0 der Mainzer war nach einer aggressiven und dominanten Anfangsphase mit der frühen 1:0-Führung: ein Kontersieg.

Im Duell mit einem Gegner, der ab dem 0:2 auseinanderbrach, naiv, unstrukturiert nach vorne rannte und die defensiven Räume nicht mehr geschlossen bekam, offenbarten die Gastgeber eine Konterstärke, die in dieser Qualität nicht zu erwarten war. Wieder gesundes, neues und erstarktes Personal war dafür verantwortlich. Grundlage für diese Überfallszenen ist die Balleroberung. Da tat sich der lange verletzt fehlende Julian Baumgartlinger hervor, der unermüdlich die Signale setzte mit seiner aggressiven Zweikampfführung, in den ersten 20, 25 Minuten auch im Gegenpressing.

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Taktische Anarchie und zwei überragende Matchwinner

Und dann braucht es diese abgestimmten hochintensiven Läufe und Sprints. Die kamen von Winterzugang Christian Clemens, ein körperlich stabiler Schnelligkeitsstürmer mit direkten Zug in die torgefährlichen Räume. Die kamen vom beeindruckenden Argentinier Pablo de Blasis, ein Rumtreiber, ein Dauersprinter mit der Taktung eines Fastnachtstrommlers und den Haken eines Hasen auf der Flucht, dessen Anflüge von taktischer Anarchie den auf Normverhalten abgerichteten Gegner verrückt machten. Die kamen von Yunus Malli, dem begnadeten Techniker und Tempodribbler, dessen Ballverarbeitungen und Drehungen in Richtung des geöffneten Raumes eine Augenweide sind. Eine außergewöhnliche Zielstrebigkeit und Effektivität kamen hinzu. Yunus Malli: zwei Tore, eine Torvorlage. Pablo de Blasis: ein Tor, zwei Torvorlagen. Die überragenden Matchwinner, die sich die Bälle gegenseitig auflegten, teilweise brillant. Einwechselstürmer Sami Allagui: ein Tor, einen Strafstoß rausgeholt. Auch gut.

Okazaki mit Topspiel ohne Treffer

Shinji Okazaki ohne Treffer, das ist eine Seltenheit. Dabei lieferte der gestresste und nach dem Asien-Cup angeschlagene Japaner ein Topspiel ab. Ein Muster stach heraus: Der sich permanent bewegende Torjäger kam im Zentrum dem Aufbau entgegen, er nahm an, leitete sicher weiter, Malli überholte Okazaki im Vollsprint und machte sich anspielbar in der Tiefe. Aus diesem automatisierten Ablauf heraus resultierte zum Beispiel das wichtige 2:0 direkt nach Wiederanpfiff.

Wir halten fest: Wenn die Offensivspieler in den Räumen, die bespielt werden sollen, nicht schon beim Anspiel stehen, sondern wenn die Offensivspieler in hohem Tempo in diese Räume einlaufen, dann kommt Dynamik in die Angriffe.

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20 passive Minuten vor der Halbzeitpause

Wären da nicht die problematischen 20 Minuten bis zum Pausenpfiff gewesen, als die 05er passiv wurden, als sich zwischen der Offensivreihe und den defensiven Mittelfeldspielern immer wieder ein Riesenloch auftat, dann hätte der Trainer kaum mehr Kritikpunkte gefunden. Am Dienstagabend in Hannover sollte diese Phase vermieden werden. Denn dort könnten diese großen Abstände zwischen den Linien gefährlich werden.

Die 05er begannen sehr aggressiv. Die Abwehrreihe verteidigte extrem hoch. Baumgartlinger stach nach vorne raus und leitete das Pressing ein, Johannes Geis sicherte dahinter ab. Die perfekte Abstimmung zwischen den beiden Sechsern verlieh der Mannschaft Stabilität. Nach etwa 20 Minuten passierte das, was in der Hinrunde häufig zu beobachten war: Sobald die Mannschaft öfter tief verteidigt hat, weil der Gegner mehr Leute in die gegnerische Hälfte bringt, lässt der Pressingdruck nach. Die 05er verloren den scharfen Zugriff auf die Paderborner, die immer häufiger ohne nennenswerte Gegenwehr die ersten beiden Linien überspielten.

Wäre der feine Schuss von Lukas Rupp statt an die Latte ins Netz geflogen, oder hätte Moritz Stoppelkamp den Abpraller verwandelt, dann hätte sich nach einem 1:1 womöglich ein ganz anderer Spielverlauf entwickelt. Da wurde deutlich, dass Clemens und de Blasis noch nicht die nötigen taktischen Gewohnheiten auf der Festplatte haben für die rückwärtigen Läufe zur Verstärkung des Mittelfeldes. Auch nach einem 5:0 lässt sich resümieren: Die 05er könnten noch aggressiver spielen, die 05er könnten vor allem konstanter aggressiv spielen. Wobei anzumerken bleibt: Auch in dieser schwächeren Phase hatten die 05er über sehenswerte Konter ihre Torchancen. Das ist ein Fortschritt.

Starker Zugang in der Abwehr

Ein echter Gewinn für diese Mannschaft ist Linksverteidiger Pierre Bengtsson. Der Winterzugang weiß in sämtlichen Zonen und Situationen, was er zu tun hat. Auffällig sind seine geschulte Vorwärtsverteidigung, seine Ruhe am Ball, seine Passsicherheit, seine gut getimten Vorstöße die Linie lang mit abschließenden gefährlichen Flanken. Und sein seitlicher Freistoßball zum 4:0 durch Sami Allaguis Kopfball hatte eine ganz erlesene Qualität. Im Vergleich mit dem großen Kämpfer Junior Diaz macht der Schwede diese Mannschaft spielerisch stärker.

Hoch oben auf der Pressetribüne saß in der letzten Reihe Rob Reekers. Der Kotrainer von Hertha-Coach Jos Luhukay schrieb sich die Finger wund. Die Berliner sind der nächste 05-Gegner in der Coface Arena. Ab und zu nickte Reekers, zu seiner aktiven Zeit ein rustikaler Vorstopper, anerkennend, wenn Malli an der Technik- und Temposchraube drehte. Aber Reekers schüttelte auch ab und zu den Kopf ob der desaströsen Leistung des SC Paderborn in der zweiten Halbzeit.