Rehberg: Zwei Retro-Aktionen entscheiden Top-Duell - ein Wink...

Robert Lewandowski erzielt das 3:1. Foto: dpa

Die Köpfe der Fußballprofessoren Guardiola und Tuchel rauchten vor dem Topspiel der Bundesliga. Aber die Partie zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund wurde...

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. Trainer, die ein Spiel noch akribischer vorbereiten, gibt es wahrscheinlich gar nicht. In Büchern über Pep Guardiola wird beschrieben, wie sich der Katalane vor einer Wochenendpartie spätestens ab Donnerstag in die innere Emigration begibt. Ab diesem Zeitpunkt spricht der Vordenker des FC Bayern kaum mehr mit seiner Familie, immer weniger mit seinen Mitarbeitern, er nimmt nur noch sehr spärlich Nahrung zu sich, außerhalb der Trainingszeiten brütet der Welttrainer dann nur noch über seinem Laptop. Und dann hat der Fußballfanatiker mindestens zehn Varianten im Kopf, welche Aufstellung und Taktik der Gegner wählen könnte – und er hat 20 Varianten im Kopf, wie man dem wirkungsvoll begegnen könnte. Und für alle diese Optionen denkt Guardiola diverse geometrische Anordnungen in der Raumaufteilung und 30 bis 40 mögliche Spielzüge voraus.

Am Küchentisch das Laptop angeworfen

Thomas Tuchel kennen wir aus seinen fünf Bundesligajahren in Mainz. Ähnliches Profil. Auch dieser Fußballprofessor brütet über Startelf, Bankbesetzung und Matchplan, bis ihm die Rübe glüht. Der Vordenker von Borussia Dortmund hat sich des Nachts auch schon öfters aus dem Ehebett geschlichen, am Küchentisch das Laptop angeworfen und noch eine letzte neue Idee als Planskizze durchgespielt. Und zuweilen hat er zwei Stunden vor Spielbeginn wieder alles umgeworfen.

Das Ergebnis des Spitzenduells vom vergangenen Sonntag in der Münchner Allianz-Arena kennen wir. Der FC Bayern hat den Verfolger aus dem Ruhrpott mit 5:1 gedemütigt und in der Tabelle auf sieben Punkte Rückstand distanziert. Und nun urteilen viele Experten: Guardiola hatte einen genialen Matchplan, Tuchel lag mit seinem Ansatz völlig daneben. Ob das stimmt, das lässt sich gar nicht gesichert herleiten. Denn Guardiola hat schon nach zehn Minuten seinen rechten Innenverteidiger Jerome Boateng ins Zentrum der Dreierabwehrreihe beordert. Und nicht viel später hat Tuchel aus seiner 4-3-3-Grundordnung ein 4-2-3-1 gemacht. Da hatten beide ursprünglichen Pläne schon nur noch eine bedingte Gültigkeit.

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Banale Ideen überragender Einzelspieler

Der Verdacht liegt nahe, dass diese Partie relativ weit entfernt von möglicherweise genialen Gedankengänge der beiden Trainerstrategen in diese einseitige Richtung gelenkt worden ist. Auf den Punkt gebracht: Die entscheidenden Momente an diesem denkwürdigen Abend waren gespeist aus sehr banalen, fast schon läppischen Ideen und Handlungen überragender Einzelspieler. Und das waren die beiden simplen Hoch-weit-Flugbälle von Passgeber Boateng sowie die beiden ebenso simplen Laufwege und technisch gekonnten Abschlussaktionen von Thomas Müller und Robert Lewandowski bei den wegweisenden Toren zum 1:0 und 3:1.

Die beiden hoch intelligenten Lehrmeister mögen Schach gespielt haben in ihren Köpfen, auf dem Feld haben Weltklassespieler intuitiv Instrumente ausgepackt, die aus der Zeit „Als die Bilder laufen lernten“ stammten. Wenn am Darmstädter Böllenfalltor dem Nostalgiefußball gefrönt wird, dann war das Spitzenspiel in München in diesen beiden Augenblicken ein Retro-Kurs. Der, und das wollen wir nicht ausschließen, in die Zukunft weist.

Es gilt als ein modernes Erfolgsmodell, eine aggressive Nachvorneverteidigung zu praktizieren. Das hatte Tuchel schon in Mainz eingeführt. Noch extremer nun in Dortmund. Die Abwehrreihe der Borussia verteidigte in der Allianz-Arena immer wieder auf Höhe der Mittellinie. Das schneidet dem Gegner, wenn diese Variante gut funktioniert, die Hälfte des Spielfeldes ab für seine Offensivhandlungen. Dann muss sich der Gegner noch in der eigenen Hälfte mit seinem Passgewerk durch ein vielbeiniges Dickicht arbeiten – und die Stürmer rennen permanent ins Abseits. Tatsache ist aber auch: Im Rücken dieses Defensivblocks liegt ein 30, 40, bis zu 50 Meter langes Freigelände brach. Wer es also schafft, den letzten Sperrzaun am Mittelkreis mit seinem Mondball zu überwinden und einen nicht aus dem Abseits startenden Sprintertypen auf die Reise zu schicken, der hat nahezu zwangsläufig einen freien Zugang zum gegnerischen Heiligtum.

Boateng hat das Timing

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Klingt in der Theorie einfacher als in der Praxis umgesetzt. Aber der Hüne Boateng hat das Timing für diese unterschnittenen Flugbälle über 30, 40 Meter – und Müller sowie Lewandowski können mit der Abseitslinie spielen, die Lücke erspähen und den richtigen Startzeitpunkt wählen, beide sind sehr schnell, beide haben eine exzellente Ballannahme, beide haben auch in höchstem Tempo eine herausragende Köper- und Kugelkontrolle und beide haben diese perfekte Mischung aus Abschlusstechnik und Torgier. Bingo.

Müllers 1:0 raubte den Dortmundern den ersten Schuss an Überzeugung, Lewandowskis 3:1 unmittelbar nach der Pause schickte die Borussia mental und emotional in die Hölle. Mittels zweier Aktionen, die definitiv nicht auf dem Speiseplan des feingeistigen Passfanatikers Guardiola stehen. Thomas Müller hat das nach dem Abpfiff vor den Fernsehkameras bestätigt. Herrlich.

Der lange Ball als Mittel?

Mag sein, dass der lange Flugball gegen kettenverschiebende und weit nach vorn orientierte Defensivbollwerke wieder ein modernes Mittel wird. Denn man kann sich die Nase blutig passen vor einer dieser perfekt organisierten Abwehrwände. Man kann offensichtlich aber auch mit einem einzigen Wolkenball und tauglichen Sprintwegen einbrechen in diese unbemannte Weite und Tiefe im Rücken des weit vorne aufgebauten Sperrgitters. Wer keinen Boateng in der Innenverteidigung stehen hat, der kann das auch mit einem in die Spieleröffnung zurückgezogenen, im Langpassspiel begabteren Mittelfeldspieler versuchen. Der Neu-Schalker Johannes Geis hat diese Variante schon in seiner Mainzer Zeit zelebriert. Das geht. Nicht durchgängig, aber situationsbezogen. Die Trainerköpfe von Pep Guardiola und Thomas Tuchel werden davon unabhängig weiter rauchen.

Noch ein Hinweis auf die Darmstädter Nostalgie-Spielweise: Die Lilien zielen mit ihren hohen Schlägen ab auf den mit dem Rücken zum Tor stehenden Mittelstürmer, der dann per Kopf weiterleiten soll. Das hat mit den Flugbällen, die einen Turbosprinter mit dem Gesicht zum Tor in die Tiefe jagen, gar nichts zu tun. In knapp 14 Tagen erwarten die 05er Borussia Dortmund in der Coface Arena. Ob und in welcher Form der Langpass dann eventuell auch für die 05er mit ihren Geschwindigkeitsspielern in der vordersten Reihe eine Bedeutung haben kann, das diskutieren wir in den nächsten Blogs.