Rehberg: Wie reagiert Löw auf Süles Kreuzbandriss?

Niklas Süle (re.) und Torhüter Manuel Neuer bei der Deutschen Nationalmannschaft.  Foto: dpa

Der langfristige Ausfall von Niklas Süle ist nicht nur für den FC Bayern ein Schlag. Bundestrainer Löw gerät damit acht Monate vor der EM in eine Notlage. Reinhard Rehberg...

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. Kreuzbandriss. Niklas Süle wird dem FC Bayern München und der deutschen Nationalmannschaft mindestens sechs Monate fehlen. Frühestens im April wird der Hüne, der im September 24 Jahre alt geworden ist, wieder auf dem Platz stehen. Profil: antrittsschnell, robust, konsequent im Zweikampf, kopfballstark, stellungssicher, passsicher, sehr gutes Antizipationsvermögen, klar im Kopf. Wir reden vom einzigen deutschen Innenverteidiger, der internationale Klasse verkörpert. Abgesehen von den Weltmeistern Mats Hummels und Jerome Boateng. Doch dazu später.

Die Bayern sollten den Ausfall verkraften. Im Kader stehen die französischen Weltmeister Benjamin Pavard und Lucas Hernandez. Die Verantwortlichen werden sich zudem dafür beglückwünschen, dass sie im Sommer den abwanderungsbereiten Routinier Jerome Boateng gehalten haben. Der erfahrene Mittelfeldspieler Javi Martinez kann jederzeit im Abwehrzentrum einspringen. Ein gesunder, motivierter, wertgeschätzter und konzentrierter Boateng mit ausreichend Spielpraxis ist sicher nicht schwächer einzustufen als Süle.

Ein größeres Problem hat jetzt Joachim Löw. Der Bundestrainer wird Süle bis zur EM-Vorbereitung die Tür offenhalten. Löw weiß, dass er beim kontinentalen Turnier zu kämpfen hätte, müsste er sich auf eine Abwehrabteilung mit Jonathan Tah, Antonio Rüdiger, Niklas Stark und Robin Koch verlassen. Da geht es um fehlende Erfahrung in internationalen Wettbewerben. Da geht es noch mehr um (noch) nicht nachgewiesene internationale Klasse. Was darüber hinaus auch gilt für die Außenverteidiger Nico Schulz, Marcel Halstenberg und Lukas Klostermann.

Hummels als Alternative?

Natürlich stellt sich die Frage nun ganz neu: Sollte Rekonvaleszent Süle es nicht schaffen, auf dem Weg zur EM eine verlässliche Wettkampfform aufzubauen, müsste Löw dann nicht doch an eine Rückkehr des in Dortmund zuweilen fahrigen, manchmal aber auch überragenden Mats Hummels denken? Der Bundestrainer wird sich schwer tun mit dieser Entscheidung. Insbesondere dann, wenn er das Gefühl hat, von Medien und TV-Experten gedrängt zu werden.

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Dass Hummels in Topform nach wie vor ein Weltklassemann ist, der einer Abwehr Stabilität verleihen und das Aufbauspiel beleben kann, daran gibt es keine Zweifel. Als meinungsstarke Persönlichkeit würde der 30-Jährige im DFB-Team natürlich auch wieder einen Führungsanspruch erheben, das liegt in seinem Naturell. Möglich, dass Löw ein solches Machtzentrum in seiner „neuen“ Nationalmannschaft nicht mehr haben will.

Von daher wäre es denkbar, dass ein beim FC Bayern womöglich neu aufblühender Boateng kurz vor dem EM-Turnier auch noch mal in die Verlosung kommt. Boateng, nur ein Jahr älter als Hummels, kann auf dem Platz führen; in der Kabine ordnet er sich bereitwillig ein und unter. Abzusehen ist: Löw wird sich sehr viel Zeit lassen mit diesen Planspielen.

Für Niklas Süle wird es ein Wettlauf mit der Zeit. Sehr große, muskuläre, schwergewichtigere Spieler brauchen im Formaufbau zuweilen etwas länger. Und der 24-Jährige hatte im Alter von 19 Jahren schon mal einen Kreuzbandriss. Bei Antritten, Stoppbewegungen, Drehungen und Wendungen lastet bei dem 1,95 Meter großen und 95 Kilo schweren Hünen viel Gewicht auf den Gelenken, Bändern und Sehnen. Risiko-Manöver sind da nach einer schweren Verletzung nicht angebracht. Drei, vier, fünf aussagekräftige Bundesligaspiele wären wünschenswert vor dem EM-Turnier.