Rehberg: Wie DFB-Pokalsieger Thomas Tuchel tickt

Sieger mit Pokal: Thomas Tuchel nach dem Finale in Berlin. Foto: dpa

Gerade auch als Mainzer rätselt man: Was ist eigentlich los mit diesem Thomas Tuchel? Am Samstagabend hat der schräge Typ aus dem fränkischen Krumbach nun seinen ersten...

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. Gerade auch als Mainzer rätselt man: Was ist eigentlich los mit diesem Thomas Tuchel? Am Samstagabend hat der schräge Typ aus dem fränkischen Krumbach seinen ersten großen Titel gewonnen. DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund. 2:1-Finalsieg in Berlin gegen die Frankfurter Eintracht.

Die Hessen haben tapfer gekämpft. Das Team von Niko Kovac hat nach einer problematischen Anfangsviertelstunde die eigenen Grenzen gesprengt, groß aufgespielt, dem BVB zwei Stuhlbeine weggehauen und bis zur Pause an der Siegchance geschnuppert. In der zweiten Halbzeit waren die Dortmunder besser, da konnte die Eintracht mit ihren Umschaltmitteln den individuell deutlich überlegenen Gegner nicht mehr erschüttern.

Und nun zu Thomas Tuchel. Den Umschwung in den zweiten 45 Minuten hat der Taktikmeister in der Halbzeitpause vorbereitet. Der Trainer ersetzte nicht nur den angeschlagenen Vize-Kapitän Marco Reus durch den jungen Christian Pulisic, Tuchel nahm auch noch den Mann mit der Spielführerbinde vom Feld: Für Linksverteidiger Marcel Schmelzer kam der zentrale Mittelfeldspieler Gonzalo Castro. Machen wir es kurz. Mit Castro und ein paar Verschiebungen im Raum eroberte sich die Borussia die Dominanz im Mittelfeldzentrum zurück – und Pulisic holte mit seiner enormen Schnelligkeit den Strafstoß heraus, den Pierre-Emerick Aubameyang zum Siegtreffer nutzte.

Thomas Tuchel - der immer lacht

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Die Szenen danach. Umarmung auf dem Rasen zwischen Tuchel und seinem „Dissens-Vorgesetzten“ Hans-Joachim Watzke. Die gegenseitigen Rückenklopfer fielen so innig aus, das man fürchtete, jeder könnte dem Pflichtkumpel eine Schultereckgelenkssprengung zufügen. Danach hat man die Führungs-Diva Watzke nicht mehr oft lachen gesehen. Tuchel nur noch.

Der Fußballnerd ist in der Lage, persönliche Differenzen in diesem Moment wegzulegen. Nach einem Titeltriumph wird gefeiert. Also aktiviert Tuchel auf seiner Festplatte das Party-Programm. Und dann hüpft er strahlend umher, umarmt den DFB-Präsidenten, quetscht dem Bundespräsidenten die Hand, zupft Spieler ausgelassen an den Ohren und stemmt den Pokal in die Höhe. Seine Helfer Arno Michels, Reiner Schrey und Benni Weber immer hinterher. War und ist da nicht etwas mit einem möglichen Rauswurf in der kommenden Woche?

Tuchels Medienberater Olaf Meiking, ein in Hamburger ansässiger Anwalt mit netter Kanzlei an der Außenalster, hat kürzlich der FAZ verraten: Beim Anschlag auf den Dortmunder Mannschaftsbus saß der Cheftrainer auf jener Seite, auf der die Explosion erfolgte; knapp 50 Zentimeter von Tuchels Beinen entfernt habe ein zehn Zentimeter großer Metallsplitter im Sitz gesteckt – ein potenziell tödliches Geschoss. Watzke hat nicht in diesem Bus gesessen. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass sich die beiden ausgesprochen intelligenten Hauptdarsteller tatsächlich verkracht haben sollen wegen der Ereignisse an diesem dramatischen Abend. Ein unversöhnlicher Kampf um die Deutungshoheit? Nicht nachvollziehbar.

Für manche Spieler war das damals zu viel

Wahrscheinlich ist an jenem Abend etwas kulminiert, was sich auf beiden Seiten über Wochen und Monate aufgestaut hatte. Tuchel wusste darum, dass es menschlich nicht passt. Watzke wusste darüber hinaus, dass viele Spieler mit dem emotional unberechenbaren Trainer über Kreuz liegen. Bis heute hat nicht ein einziger BVB-Profi in der Öffentlichkeit den Chefcoach verteidigt, da war nicht ein einziges gutes Wort zu vernehmen. Dennoch bleibt der Eindruck: Die Kampfmittel, die Watzke eingesetzt hat, sind moralisch fragwürdig.

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Fünf Jahre hat Tuchel in Mainz gewirkt. Der Abend in Berlin erinnerte an Tuchels letzten 05-Tag. Keiner der Spieler wusste, dass der Trainer sein letztes Vertragsjahr nicht erfüllen würde. Die Mannschaft zog am letzten Spieltag in die Europaliga ein. Und der eher selten menschelnde Chefcoach tanzte mit seinen Kindern auf dem Rasen herum. Die abendliche Abschlussfeier verließen einige der Profis sehr frühzeitig. Thomas Tuchel nach Verkündung seines selbst gewählten Abschieds in ausgelassener Feierstimmung – da kamen einige Spieler emotional nicht mit.