Rehberg: Wer bestimmt die Fußball-Meinung?

Dortmunds Trainer Lucien Favre. Foto: dpa

Die Meinung der TV-Experten ist oft klar und deutlich - und meistens endet sie darin, dass eine Mannschaft oder der Trainer versagt hat. Für Reinhard Rehberg fehlt es immer...

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. Der Einfluss der TV-Experten auf die veröffentlichte Meinung wächst stetig. Nach dem 0:2 von Borussia Dortmund bei Inter Mailand gab Lothar Matthäus am Champions-League-Tisch bei Sky die Richtung vor. Die Darbietung des BVB habe nicht den Ansprüchen eines Spitzenklubs genügt. Danach war es nicht mehr wichtig, wie Trainer Lucien Favre die Umsetzung seines Matchplans einstufte. Danach war es nicht mehr wichtig, welches Gefühl die Spieler nach den 90 Minuten hatten. Bis in die Abend- und Morgennachrichten setzte sich die Darstellung durch: Die Dortmunder waren schlecht.

Differenziert wird dann gar nicht mehr diskutiert. Als ob der BVB in seiner aktuellen Verfassung nach Mailand fahren und ein unter Trainer Antonio Conte neu ausgerichtetes, emotionalisiertes und mit vielen Millionen Transfergeld verstärktes Inter so einfach aus den Strümpfen spielen könnte. Diese Partie hätte nach den gezeigten Leistungen und nach dem speziellen Spielverlauf auch leicht 0:0 oder 1:1 enden können. Doch das interessierte nicht. Schwarz oder weiß. The result rules, sagen die Engländer. Das Ergebnis stellt die Regeln auf. In diesem Fall also schwarz für die Dortmunder. Rabenschwarz.

Nach dem 3:2 der Bayern bei Olympiakos Piräus gab Sky-Experte Dietmar Hamann die Richtung vor. Die Bayern rettete in der Analyse von Hamann nicht mal mehr das positive Ergebnis. Gewonnen, ja. Aber ansonsten alles schlecht. Keine Spielkontrolle, so Hamann, keine Laufwege in die Tiefe, kein defensives Bollwerk im zentralen Mittelfeld, schon wieder zwei Gegentore. Das kann man so sehen. Aber da fehlt (auch) der Respekt vor einem wie entfesselt rennenden, technisch guten, leidenschaftlich kämpfenden, mit Geschwindigkeit konternden griechischen Meister in einer wilden Stadion-Atmosphäre. Die Nachberichterstattung: Das war nicht Bayern-like, das genügt den Ansprüchen nicht, das war schlecht, die Bayern haben sich zum Sieg gezittert.

Didi Hamann ist ein glänzender Analytiker. Aber der unbestechliche Bayer macht einen Fehler: Er gleicht jede Spielleistung der Bayern ab an der qualitativ optimalen Option einer favorisierten Spitzenmannschaft. Wie viele Fußballspiele laufen nach dem Muster „Favorit zerlegt den chancenlosen Außenseiter nach Belieben“ tatsächlich ab? Wenige. Das ist das Schöne und Spannende an diesem Sport.

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Auch Liverpool ist nicht unumstritten

Schauen wir nach England. Warum hat das über drei, vier Jahre gewachsene Topteam des FC Liverpool aktuell in der Liga als Tabellenführer sechs Punkte Vorsprung? Eine absolut begeisternde und in allen Details überzeugende Leistung haben die „Reds“ noch gar nicht mobilisiert. Aber die Mannschaft von Jürgen Klopp gewinnt, oft genug mit einem Tor Vorsprung, oft genug erzielt in den letzten Spielminuten. Da hat sich in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung festgesetzt: Liverpool gewinnt – also alles gut und alles in Ordnung, normal, dass sich Auftritte bei einem bis an die Zähne bewaffneten Außenseiter mal schwierig gestalten.

Natürlich verleiht einer mit großem Vorsprung an der Tabellenspitze enteilten Mannschaft der Dauererfolg sehr viel Überzeugung, Selbstvertrauen und Zusammenhalt. Das fehlt in diesen Tagen sowohl den Dortmundern als auch den Bayern. Wenn dann wichtige Spieler noch ausfallen, dann potenziert sich der Verlust an Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit. Und dann macht es Sinn, diese Umstände in eine Spielbewertung mit einzubeziehen. Genau das sollte man von ehemaligen - international sehr erfahrenen, in der Welt rumgekommenen - Profis wie Matthäus und Hamann erwarten. Beide geben eine Meinung vor, Fußballschreiber galoppieren bereitwillig hinterher, Nachrichtenstudios schließen sich dem Zug an.

Gut, dass bei Hamanns Totalverriss René Adler mit am Tisch saß. Der einstige Mainzer Torhüter verteidigte zumindest Coutinho. Hamann attestierte dem Brasilianer eine Nullleistung; man müsse erwarten können, dass der teure Star den Unterschied ausmacht, und zwar immer. Adler gab zu bedenken, dass Coutinho neu in Deutschland ist, neu in einer im Umbruch befindlichen und nicht zuletzt deshalb wackligen Bayern-Mannschaft, neu in einem extrem anspruchsvollen und hyperkritischen Umfeld. Auch ein Weltstar benötige Anpassungs- und Entwicklungszeit, so Adler. Das war wohltuend.

Versagen oder Pech?

Insbesondere die TV-Experten frönen dem neuen Modesport: Analyse von Gegentoren. Schon wieder haben die Bayern zwei Gegentore kassiert. Hamann stürzte sich auf das 2:3-Anschlusstor von Piräus. Thomas Müller habe falsch auf eine simple Körpertäuschung seines Gegenspielers reagiert. Wo geschah das? Mehr als 30 Meter vor dem eigenen Kasten. Und dann wurde der im Prinzip harmlose Fernschuss für Manuel Neuer unhaltbar abgefälscht. Dieses Gegentor heranzuziehen als Beleg für die Defensivschwächen der Bayern, das kann man machen. Man kann es aber auch einsortieren unter dem, was Mannschaften, die in schwierigen Phasen stecken, immer wieder erleben. Pechmomente.

Und am Ende hat auch das noch der Trainer zu verantworten. In München Niko Kovac, in Dortmund Lucien Favre. Kovac verstand in der vergangenen Saison angeblich nichts von Offensive, inzwischen bekommt er die Defensive nicht mehr in den Griff. Und Favre strahlt angeblich zu wenig Erfolgsmentalität aus. Die Negativ-Atmosphäre, die rund um die beiden deutschen Spitzenklubs ausgebrochen ist, grenzt zuweilen an Hysterie. Und das schon im Oktober.