Rehberg: Wenn Vereinsmitglieder mitentscheiden

Stimmung im Q-Block nach dem letzten Heimspiel von Mainz 05 gegen Hertha BSC Berlin. Foto: Sascha Kopp

Es geht um die Neustrukturierung des Klubs – es geht um die Vorbereitung einer neuen Vereinssatzung. Da sind viele Fragen weiterhin offen, findet Kolumnist Reinhard Rehberg....

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. Zwei Gespräche haben 05-Präsident Harald Strutz und sein Vize Jürgen Doetz nun geführt mit den Mainzer Journalisten. Das Thema ist bekannt: Es geht um die Neustrukturierung des Klubs – es geht um die Vorbereitung einer neuen Vereinssatzung. Da sollen die Mitglieder stark eingebunden werden. Aber völlig unabhängig vom Personal, das die künftigen Positionen mit Leben füllen muss. Was bei der Informationsveranstaltung für die Mitglieder am 19. Juni in der Coface Arena also diskutiert werden soll, das sind nicht Köpfe und deren Kompetenz und deren inhaltliche Ausrichtung. Gesprochen wird ausschließlich über die Hülle: Es soll künftig einen ehrenamtlichen Aufsichtsrat geben, der einen hauptamtlichen Vorstand berät, kontrolliert, eventuell auch Entscheidungen trifft oder zumindest abzusegnen hat. Erst die Struktur, sagt Doetz. Dann das Personal.

Bei den Strukturentscheidungen soll das Stimmungsbild unter den Anhängern eine gewichtige Rolle spielen. Wie groß soll der Aufsichtsrat werden? Welche Kompetenzen soll der Aufsichtsrat bekommen: Soll es eher einen starken Aufsichtsrat geben mit vielfältigen Entscheidungsbefugnissen - oder eher einen sogenannten schwachen Aufsichtsrat, der sich auf Kontrollbefugnisse beschränkt? Soll der Aufsichtsrat komplett von der Mitgliederversammlung gewählt werden? Soll der Aufsichtsrat den Vorstand bestimmen – und im Problemfall auch abberufen können? Soll der Aufsichtsrat auch einen Vorstandsvorsitzenden bestimmen dürfen? Oder soll auch der Vorstandsvorsitzende von den Mitgliedern gewählt werden? Das sind die zu diskutierenden Fragen. Und viele mehr. Die Planung einer neuen Satzung auf eine breite demokratische Basis zu stellen, das ist prinzipiell löblich. Davon abgesehen: Am Abstimmungstag braucht es ja in der Mitgliederversammlung eine Zweidrittelmehrheit für das Modell der Zukunft.

Kann ein Fan beurteilen, welche Vereinsstruktur die beste ist?

Zu kurz kommt in dieser Diskussion, dass da eine Hülle gestrickt wird für einen eingetragenen Verein, der in seiner inhaltlichen Ausprägung ein hoch komplexes Fußballunternehmen ist, das Millionen umsetzt. Kann ein 05-Mitglied beurteilen, welche Vereinsstruktur für dieses sehr spezielle Fußballbusiness die beste ist? Oder anders ausgedrückt: Kann das Stimmungsbild einer Informationsveranstaltung maßgebend sein für die Planung/Strukturierung unternehmerischer Entscheidungsgremien? Diese Frage ist unbequem.

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In der Privatwirtschaft käme sicher niemand auf die Idee, zum Beispiel die Mitarbeiter abstimmen zu lassen über die Organisations- und Führungsstruktur eines Unternehmens. Der Zwiespalt „Vereinsstruktur versus unternehmerische Tätigkeiten im Millionengeschäft Profifußball“ lässt sich über eine Mitgliederdiskussion nur schwerlich auflösen. Aber noch mal gesagt: Der Versuch ist löblich – und in einem e. V. eben auch notwendig. Und dennoch bleibt das ein merkwürdiges Konstrukt.

Der eingetragene Verein VfB Stuttgart hat zur Beteiligung der Anhänger/Mitglieder an der Zukunftsgestaltung Regionalkonferenzen veranstaltet. Mitten hinein in die Meinungsbildung ist der Klub aus der Bundesliga abgestiegen. Das lag weniger an der vielleicht nicht mehr zeitgemäßen Struktur, das lag an den diversen Fehlentscheidungen der handelnden Personen. Zu deutsch: In der Wirtschaft erfolgreiche, im Fußball aber unerfahrene oder nur bedingt kompetente Personen in Vorstand und Aufsichtsrat, die sich in Sportfragen ein wenig haben beraten lassen vom nicht in der Verantwortung stehenden Ex-Profi Karl Allgöwer, haben die beiden Schlüsselstellen – Trainer und Sportdirektor – über mehrere Jahre hinweg nicht gut besetzt. Daraus lernen wir: Die Diskussion der Hülle ist wichtig – noch elementarer ist die kompetente Besetzung der Gremien.

Fachwissen auf der Entscheider- und Kontrollebene notwendig

Es braucht in Mainz auf der Entscheider- und Kontrollebene Persönlichkeiten, die fußballspezifisches Fachwissen einbringen in den Schlüsselbereichen dieses Millionengeschäfts: Sport, Finanzen, Marketing, Kommunikation/Medien, Recht, Organisation – da sind auch neue Ideen, neue Impulse, Kreativität gefragt. Auch diese am Bruchweg überfälligen personellen Überlegungen sollten transparent sein. Wer aus der bisherigen Führungsriege hat welche Ambitionen? Wer traut sich die Tagesarbeit in welchem Ressort zu? Sollten kompetente/erfolgreiche Geschäftsführer in den hauptamtlichen Vorstand aufrücken? Für welches Ressort existiert aktuell keine kompetente Person im Verein? Braucht der Klub deshalb eventuell noch externe Unterstützung aus dem Profifußballgeschäft? Wer wird im Verein der erste Ansprechpartner von Sportdirektor Rouven Schröder? Wer wird in diesem „Mediengeschäft“ das neue, das kompetente und führungsstarke Gesicht des Vereins? Diese Diskussion zu verlagern auf die knapp bemessene Zeit zwischen Strukturentscheidung und Personalwahl ist kein guter Weg.

Wer die Pferde sattelt, der sollte auch die Reiter kennen. Und nennen. Diese Köpfe werden die Zukunft des Vereins und vor allem die Zukunft der Geschäftssparte Profifußball bestimmen. Das erledigt nicht die zur Wahl stehende Hülle.