Rehberg: Weniger Theatralik - Handball im Vergleich mit Fußball

Training der deutschen Handballer. Foto: dpa

Unser Fußball-Experte ist zum Handball-Fan geworden - wie viele andere Deutsche während der gerade laufenden WM. Reinhard Rehberg hat sich Gedanken gemacht, was sich...

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. Diese Handball-WM in Deutschland/Dänemark macht Spaß. Man kann sich als Sportfan selbst am Fernsehen der Faszination kaum entziehen. Die Leistungen der deutschen Mannschaft, die Bereitschaft, die Emotionalität und Willenskraft der Nationalspieler im Zusammenwirken mit der Stimmung, mit der Begeisterung in den Hallen in Berlin und Köln, diese Symbiose ist beeindruckend, mitreißend. Das Team von Trainer Christian Prokop hat eine Welle erzeugt, die Spieler haben sich draufgesetzt - und jetzt wird mit einer Mischung aus Spaß, Ehrgeiz und Konsequenz auf der Welle geritten.

Top-Job von Prokop

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das DHB-Team gehörte vor diesem Turnier nicht zu den drei, vier Topfavoriten. Da hat ein junger Anführer, der nach der missglückten EM im Vorjahr öffentlich gerupft und zerlegt worden ist, in der Folgezeit sehr viel richtig gemacht. Taktisch, in der Spielerauswahl, in der Gruppenbildung, in der Gruppenführung, im Spielcoaching. Wie auch immer am Freitagabend das Halbfinalspiel gegen Norwegen enden mag, das ist schon jetzt ein prächtiger Erfolg für den 40 Jahre alten Prokop und seine ebenso begeisterungsfähige wie willensstarke Mannschaft.

Was ein wenig nervt, das ist zum einen die permanente Betonung der „Euphoriewelle“ und zum anderen die um sich greifenden Vergleiche mit dem Fußball. Beginnen wir mit der Euphoriewelle. Manchem Hallensprecher und manchem Kommentator würde man etwas mehr Distanz, einen Tick mehr Sachlichkeit empfehlen. Zuschauer auf den Rängen, die bedingungslos bereit sind, ihre Mannschaft zu stützen, nach vorne zu peitschen, muss ein Hallensprecher nicht zwangsläufig minütlich mit aufgeregter Stimme zusätzlich befeuern. Das gebietet auch schon der Respekt vor den Gegnern, vor den Gästen aus anderen Ländern. Und der ein oder andere TV-Kommentator könnte die Sache ein wenig journalistischer angehen, ruhiger, erklärender, weniger parteiisch – gerade auch dann, wenn es um strittige Schiedsrichter-Entscheidungen geht.

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Handballer nur bei großen Turnieren im Fokus

Die Vergleiche mit dem Fußball führen in vielen Fällen in die falsche Richtung. Die Atmosphäre in einer engen Halle ist nicht vergleichbar mit der Stimmung in einer riesigen Fußballarena. Die Aktionsdichte nebst Toranzahl im Handball ist nun mal eine andere als im Fußball. Handballprofis stehen im Gegensatz zu Fußballprofis bundesweit nur bei den großen Turnieren im Blickpunkt der breiten Öffentlichkeit, das mag dazu führen, dass diese jungen Männer noch etwas nahbarer sind, weniger abgeschliffen von Medien- und Imageberatern. Wozu sicher auch beiträgt, dass sich einige der Handballstars parallel zum Sport auch schon beruflich orientieren.

Einen gravierenden Unterschied dürfen wir festhalten, und davon könnten die Fußballprofis zweifellos lernen: Körperliche Härte gehört zu beiden Sportarten – aber Handballer neigen nach Fouls und Rangeleien zu weit weniger Theatralik. Da wird am und vor dem Kreis geschoben, gehalten, geklammert, am Trikot gerissen, auch wuchtig gestoßen. Doch kaum einer bleibt länger am Boden liegen, kaum einer prüft aus Gewohnheit, ob am Kopf schon das Blut in Strömen fließt oder Gehirnmasse austritt, kaum einer täuscht übelste Schmerzen vor. Kaum einer reklamiert wütend bei den Schiedsrichtern. Selten kommt es zu Gruppenzusammenstößen nebst aggressiven Männlichkeitsposen. Aufstehen, die Hand reichen, weiter geht's. Das ist wohltuend. Zur Nachahmung empfohlen.