Rehberg: Welches Geld darf Rouven Schröder ausgeben?

Rouven Schröder kommt als Nachfolger von Manager Christian Heidel an den Bruchweg. Archivfoto: imago Sportfotodienst

Ab dem 16. Mai tritt Rouven Schröder bei den 05ern offiziell in Erscheinung und kann sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Kaderplanung, Transferwesen, Scouting,...

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. Ab dem 16. Mai also tritt Rouven Schröder bei den 05ern offiziell in Erscheinung. Die Funktionsbeschreibung des 40-jährigen Nachfolgers von Manager Christian Heidel wird wohl Sportdirektor lauten. Und als solcher wird Schröder, so ist es zumindest angedacht, nach der Neustrukturierung der Führungsebene nicht in den künftig erheblich verkleinerten, aber hauptamtlich arbeitenden Vorstand einziehen. Der Sauerländer kann sich damit voll und ganz auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: Kaderplanung, Transferwesen, Scouting, Nachwuchsentwicklung. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei Transfers (Ablöse, Gehalt, Vertragslaufzeit) wird Schröder dann immer mit dem Vorstand, in dem mindestens ein Fußballfinanzexperte sitzen soll, abstimmen.

Clemens betreibt kräftig Eigenwerbung

Wie komplex diese anstehenden Entscheidungen gelagert sind, das lässt sich jetzt schon aufzeigen an den Fällen Christian Clemens und Jhon Cordoba. Zwei Millionen Ablöse werden fällig für den vom FC Schalke 04 ausgeliehenen Flügelstürmer, der mit seinen beiden Toren beim 4:2 gegen den FC Augsburg kräftig Eigenwerbung betrieben hat. Stramme 5,5 Millionen Euro sind an den FC Granada zu überweisen, ziehen die 05er auch die Kaufoption für den kolumbianischen Mittelstürmer, der sich auf dem Weg zum Publikumsliebling befindet. 7,5 Millionen Euro wären dann schon mal verbucht auf der Ausgabenseite – für Spieler, die dann gar keine Neuzugänge sind, sondern schon zum Kader gehören. Da könnte sich Schröder fragen: Und mit welchem Geld darf ich nach meinen Vorstellungen einkaufen gehen?

Unabhängig davon, dass ja niemand weiß, ob diese 7,5 Mio. für das Paket Clemens/Cordoba aus dem Etat für die Saison 2016/17 bestritten werden können. Eher nicht. Transferausgaben in dieser Größenordnung müssen am Bruchweg in der Regel in hohem Maße gegenfinanziert werden durch entsprechende Transfereinnahmen. Wenn wir davon ausgehen, dass Yunus Malli im Sommer wechselt und dem Klub rund 9,5 Mio. beschert, dann hätte Schröder für einen neuen Zehner zumindest noch ein wenig Spielgeld übrig. Oder Martin Schmidt müsste für diese Position den Ballbesitz-Spielmacher Philipp Klement (23) aus der U23 und/oder den aktuell an den FSV Frankfurt ausgeliehenen Besar Halimi (21) zügig zu belastbaren Bundesligaspielern entwickeln. Oder der anerkannte Scoutingfachmann Schröder hat schon eine ebenso talentierte wie preisgünstige Option auf dem Zettel.

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Oder die 05er haben noch Kohle im Archiv aus den Transferüberschüssen vom vergangenen Sommer. Aber da ist zu bedenken, dass aus diesen Rücklagen ja schon Giulio Donati, der Winterzugang und Vorgriff auf die kommende Saison, finanziert worden ist. Der italienische Außenverteidiger, gekommen von Bayer Leverkusen, dürfte in Mainz zu den Spitzenverdienern gehören. Karim Onisiwo, der zweite Winterzugang, war ablösefrei, auch im Gehalt müsste der junge Mann vom SV Mattersburg verkraftbar gewesen sein.

Im 05-Schaufenster stehen Malli, Karius und Jairo

Günstig ist, dass der Kader insgesamt in den Vertragslaufzeiten gerade gut abgesichert ist. Und darüber hinaus qualitativ, auch in der Breite und auf nahezu allen Positionen, sehr gut dasteht. Wenn ab Juni die Millionen aus England auf das europäische Festland zurollen, dann müssen sich die 05er keine großen Sorgen machen. Ins Schaufenster gestellt haben sich neben Malli noch Torhüter Loris Karius und wahrscheinlich auch Topscorer Jairo. Sicher auch Julian Baumgartlinger, aber der Kapitän mag mit seinem fortgeschrittenen Alter von 28 Jahren vielleicht schon weniger Interesse wecken auf dem Markt. Aber wer weiß das schon so genau. In allen diesen Fällen können die Mainzer aber auf Vertragseinhaltung pochen – oder stattliche Ablösesummen einstreichen.

Sollten tatsächlich Europapokalaufgaben auf die 05er zukommen, dann wäre es für den Trainer natürlich wünschenswert, könnte er dieses bekanntlich recht knifflige Abenteuer Bundesliga/DFB-Pokal/Europapokal mit einer weitgehend eingespielten Mannschaft und einem bewährten/homogenen Kader angehen.

Gerade die Mainzer gehen mit teuren Verpflichtungen immer eine Wette ein. Ziel ist dann grundsätzlich eine Wertsteigerung mit Weiterverkaufs- und Gewinnperspektive. Das muss nicht in jedem Fall funktionieren. Siehe Ja-Cheol Koo. Das war der Wunschspieler von Thomas Tuchel. Gigantische fünf Millionen Ablöse. Der Koreaner hatte seine Einsätze binnen eineinhalb Jahren, aber so richtig gezogen hat er nicht am Bruchweg. Engländer haben nicht angeklopft mit ihren großen Scheinen. Heidel war glücklich, als der sportlich in Not geratene und finanziell gerade gut betuchte FC Augsburg im vergangenen Spätsommer kurz vor Transferschluss noch zugeschlagen hat. Die 05er erhielten ihre fünf Mio. zurück.

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Ähnlich verhält es sich nun bei Jhon Cordoba. Der Kolumbianer kann in ein, zwei Jahren 15 Millionen wert sein – mit seiner wuchtigen Spielweise ist er gerade für den englischen Markt hoch interessant und Mittelstürmer sind immer gefragt –, aber sportliche Entwicklungen und Verletzungsresistenz sind nicht auf den Punkt kalkulierbar.

Die neue Mittelstandsbewegung „Team Marktwert“

Die neue Mittelstandsbewegung „Team Marktwert“, ein Zusammenschluss von sechs (abgesehen von Hertha BSC) vor sich hindümpelnden Bundesligaklubs, will sich diesem von Heidel erfundenen Mainzer Modell „Möglichst günstig einkaufen – möglichst teuer verkaufen“, was mühsam ist und auch nicht ohne sportliches Risiko, entziehen. Die Forderung lautet: Mehr Fernsehgeld für die Traditionsklubs. Nach dem Motto: Wer mehr Mitglieder hat, wer mehr Auswärtsfahrer hat, wer für mehr Aufregung sorgt in den sozialen Medien und wer beim Bezahlsender „Sky“ höhere Einschaltquoten erzielt, der sollte besser bedient werden aus dem TV-Kohle-Topf. Popularität und Tradition sollen im Belohnungsverfahren auf eine Stufe gestellt werden mit exzellenter sportlicher Arbeit und seriösem Wirtschaftsgebaren. Was im Umkehrschluss hieße: Vereinen wie dem FSV Mainz 05 oder dem FC Augsburg und allen weiteren Klubs ohne große Vergangenheit und ohne große Werks- oder Mäzenatenunterstützung soll das Leben noch schwerer gemacht werden.

Der mögliche Aufsteiger 1. FC Nürnberg, Deutscher Meister von 1967, würde sich dem „Marktwert-Team“ sicher sofort anschließen. Und womöglich auch der von einem milliardenschweren Goldesel getragene Büchsenklub RB Leipzig – aus dieser Stadt stammt der erste Meister im deutschen Fußball. Das war 1903. Da gab es die 05er noch gar nicht. Insgesamt drängt sich da der Verdacht auf: Mit dem Marktwert-Gedanken sollen Knowhow-Defizite im sportlichen Bereich und jahrelange Misswirtschaft kompensiert werden.