Rehberg: Wegweisendes Derby in Dortmund

Die Dortmunder Fans halten im Signal Iduna Park ein Banner mit der Aufschrift "Am Samstag zählt zählt es: Alle für den Derbysieg" in die Höhe. Foto: dpa

Borussia Dortmund gegen Schalke 04. Das Revier-Derby elektrisiert. Die Dortmunder „Pöhler“ wackeln und wanken. Die Profis von Peter Bosz hinterlassen gerade den Eindruck,...

Anzeige

. Borussia Dortmund gegen Schalke 04. Das Revier-Derby elektrisiert. Die Dortmunder „Pöhler“ wackeln und wanken. Die Profis von Peter Bosz hinterlassen gerade den Eindruck, als seien sie seelisch und körperlich nachhaltig angeschlagen. Als hätten sie in den vergangenen Wochen zusätzlich zum Training noch Nachtschichten schieben müssen im Kohlebergbau. Und als ob die Niederlagenserie nicht schon genug auf die Stimmung drücken würde, schneidet auch noch der Blick auf das Tabellenbild tiefe Wunden in das Dortmunder Selbstverständnis: Das Schalker Grubenlämpchen leuchtet direkt unterhalb des bayrischen „Mia-san-mia“-Etiketts.

Man wäre gerne mal dabei, wenn sich die Freunde Christian Heidel und Hans-Joachim Watzke bei zwei, drei Gläsern Bier austauschen über die aktuelle Situation im Pott. Vielleicht sagt der Schalker Sportvorstand Heidel zu seinem Kumpel: „Aki, ich kann für euch nicht ständig einen neuen Trainer erfinden, da müsst ihr jetzt auch mal selbst ein wenig kreativer werden.“ Und der Dortmunder Vorstandsboss antwortet dann: „Christian, sei mir bitte nicht böse, aber wir würden euch gerne den Tedesco abwerben…“ Keine Ahnung, ob das so läuft. Denkbar wäre es. Zumindest nach dem siebten Glas Bier.

Bingo. Bingo. Bingo.

Heidel hatte zu seiner Mainzer Zeit den ins Alter gekommenen Spieler Jürgen Klopp zum Jungtrainer befördert. Bingo. Als Klopp dann nach einigen Jahren den berühmten nächsten Schritt machte, in Dortmund einen wirtschaftlich und sportlich am Boden liegenden Trümmerhaufen übernahm, da begann für die Borussia eine glorreiche Zeit. Zweimal Deutscher Meister, DFB-Pokalsieger, Champions-League-Finalist. In dieser Zeit beförderte Heidel in Mainz den U19-Coach Thomas Tuchel zum Bundesligatrainer. Bingo. Und als sich Klopp in Dortmund verabschiedete, da bediente sich Watzke erneut im Heidel-Revier.

Anzeige

Tuchel kam. Der Mainzer Hungerhaken legte in seinem zweiten Jahr die nach Punkten beste Bundesligasaison hin in der Geschichte der Borussia, er gewann den DFB-Pokal und er zog ins Viertelfinale der Champions League ein. Aber: Die Spieler beschwerten sich beim Vorstand über den ständig fordernden Ernährungsexorzisten, der hart trainieren ließ und in einem einzigen Spiel auch schon mal fünf verschiedene Systeme anordnete, Watzke und sein Kaderplaner Michael Zorc waren eh auf der zwischenmenschlichen Ebene nie warm geworden mit diesem genialen Sonderling – also musste Tuchel wieder gehen.

In dieser Zeit war Heidel von Mainz nach Schalke gewechselt. Dort scheiterte der Trainer-Erfinder mit der teuren Installation von Markus Weinzierl. Als Heidel danach einen schmalbrüstigen 30-jährigen Fußballlehrer aus der Grubenstadt Aue ausbuddelte, da dürfte Kumpel Watzke milde gelächelt haben. Ein paar Monate später ist S04 an den Dortmundern vorbeigezogen. Bingo. Der Pott-Rivale spielt keinen berauschenden Fußball, aber der einstige Musterschüler Domenico Tedesco zieht mit taktischem Geschick ein schönes Ergebnis nach dem anderen. Die Schalke-Profis loben ihren kommunikativen Chef über den grünen Klee. Und der zwischenzeitlich unter Druck geratene Sportvorstand ist glücklich.

Wegweisendes Derby

Parallel dazu erleben die Dortmunder ihre düstersten Tage seit dem Absturz mit Klopp auf den letzten Tabellenplatz. Und sollte der Tuchel-Nachfolger, der angenehm nette und entspannte Holländer Peter Bosz, auch noch das Pott-Derby verlieren, dann wird sich Watzke wohl erneut auf die Suche machen nach einem neuen Vordenker und Übungsleiter.

Heidel wird da nicht mehr helfen können. Sein dritter „Mainz-Schützling“, der Schweizer Martin Schmidt, hat schon in Wolfsburg angeheuert. Und darüber hinaus hat man das Gefühl, dass dem Dortmunder Kader auch Typen fehlen und individuelle Qualität in der Defensive. Und es mag sein, dass dieser Mannschaft - nach dem von Führungsspielern aktiv angekurbelten Rauswurf von Tuchel - zu viel Macht zugestanden worden ist. An diesem Samstag erleben wir ein extrem spannendes, weil wegweisendes Derby im Kohlenpott.