Rehberg: Was Fußballer vom Biathlon lernen können

Biathlon: Weltcup, Staffel, (4 x 6 km), Damen am 10.12.2017 in Hochfilzen (Österreich). Die Siegerin Laura Dahlmeier aus Deutschland freut sich über ihren Sieg. (zu dpa «Dahlmeier bringt Staffel-Sieg nach Hause: «Gibt Selbstvertrauen»» vom 10.12.2017) Foto: Kerstin Joensson/AP/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ urn:newsml:dpa.com:20090101:ap:cb1b516e3705457c99617321922ea7b2

Es ist ein bekanntes Phänomen. Verlieren Fußballer mal zwei Spiele hintereinander, fällt das Team oft in eine Negativspirale. Jüngste Beispiele liefern beispielsweise...

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. Jetzt beginnt wieder die Zeit der stundenlangen TV-Übertragungen von Wintersport. Ich liebe Biathlon. Wer sich mit Fußball beschäftigt, der kann von dieser Ski-Langlauf-Disziplin mit Schießeinlagen sehr viel lernen. Ein Thema: Wie schaffen es die Spitzenathleten, die immer zum engeren Favoritenkreis zählen, in ein, zwei oder drei Wettkämpfen jeweils drei, vier, fünf Fahrkarten zu schießen, im Hinterfeld platziert zu sein – und eine Woche später wieder fehlerfrei zu zielen und aufs Podest zu springen?

Wenn Fußballer zweimal hintereinander verloren haben, dann ist damit häufig schon eine längere Misserfolgsserie eingeläutet. In Extremfällen, siehe der 1. FC Köln, geht auch mal eine komplette Vorrunde rein gar nichts: Da gewinnt ein Europapokal-Teilnehmer in der Liga über mehrere Monate hinweg nicht ein einziges Spiel. Ein Phänomen. Borussia Dortmund hat sich mit dem zweifellos zweitbesten Kader der Bundesliga – und nach einem Start mit 19 von 21 möglichen Punkten - eine wochenlange Auszeit geleistet. Ein Phänomen.

Wir wollen hier nicht auf etwaige kommunikative oder taktische Versäumnisse von Trainern oder mögliche Planungsfehler von Sportdirektoren eingehen. Die Frage lautet: Warum bekommen speziell Fußballer nach zwei, drei Misserfolgen oft keinen Zugang mehr zu ihrem Leistungspotenzial – individuell nicht und erst recht nicht als Gruppe? Offenbar hat bei Fußballern das Gefühl des Scheiterns grundsätzlich negativere Folgeerscheinungen als zum Beispiel bei den Biathleten.

Diese Ski-Jäger lernen Demut. Eine kleine Windböe – vorbeigeballert, Strafrunde, mindestens 25 Sekunden verloren. Zwei Fehler, fast eine Minute verloren. Aus und vorbei, oft schon keine Chance mehr auf einen Top-Ten-Rang. Aber es geht immer weiter. Die ziehen ihr Rennen dennoch voll durch. Und die gehen das nächste Rennen wieder an mit der Zuversicht: Neuer Wettkampf, neue Herausforderung, neue Chance, meine vorhandenen Fähigkeiten zu mobilisieren. Platz 33 am einen und Rang drei am nächsten Tag: Das ist bei Biathleten keine Seltenheit. Diese Spitzensportler haken Misserfolge schneller und nachhaltiger ab, eine Tagesenttäuschung löst nicht sofort grundsätzliche Zweifel an der Wirksamkeit des eigenen Könnens aus. Und: Wer ein längst chancenloses Rennen unbeirrt mit einer 100-Prozent-Bereitschaft durchzieht, der eignet sich Wettkampfhärte an – Härte im Kampf gegen sich selbst. Diese Mentalität ist erlernt.

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Im Umgang mit Enttäuschungen ist noch ordentlich Spielraum

Möglicherweise hat diese Form der Wettkampfverarbeitung und Wettkampfhärte bei Fußballern einen nicht ganz so hohen Stellenwert. Negative Erlebnisse nisten sich im Kopf schneller ein, erzeugen negative Bilder, negatives Denken und Fühlen. Folge: Ein Misserfolg zieht den nächsten an - Misserfolg blockiert den Zugang zum Erfolgsdenken, das erschüttert das Vertrauen in das eigene Können. Man könnte zu dem Schluss kommen: Fußballer haben im Erlernen eines konstruktiven Umgangs mit Enttäuschungen Spielraum nach oben.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Einzel- und Mannschaftssportlern. Nicht umsonst sprechen Biathleten häufig darüber, dass sie sich in Staffelrennen mehr unter Druck fühlen als in einem Einzelrennen. Weil ein Schießfehler unmittelbar Auswirkungen hat auf die gesamte Gruppe. Fußballer kennen gar kein anderes Gefühl. Auf der anderen Seite leben Fußballer auch davon, dass sie an individuell schwächeren Tagen von der Mannschaft oft genug aufgefangen werden. Aber wenn sich in der gesamten Mannschaft mal Zweifel, negative Glaubenssätze, wankelmütige Erwartungshaltungen festgesetzt haben, dann werden Fußballer gerne zu Serientätern.

Dann fällt es dem Trainer von Woche zu Woche schwerer, das nächste Spiel als die nächste Erfolgschance in die Profiköpfe zu brennen. Auch, weil es nur sehr begrenzt möglich ist, 16, 17, 18 Spielern speziell das zu vermitteln, was der Einzelne mental/emotional nötig hat für die Rückkehr zu einer zuversichtlichen Grundhaltung.

Vielleicht ist es eine Idee, in der Sommer-Vorbereitung einer Fußballmannschaft mal einen Biathleten einzuladen. Thema des Vortrags: Wie erarbeite ich mir Wettkampfhärte über die konstruktive Verarbeitung von Misserfolgserlebnissen – wie schaffe ich es, dass mir eine missliche Momentaufnahme nicht auch noch die nahe Zukunft kaputt macht! Die These lautet: Das ist erlernbar! Wenn man die Bereitschaft hat, sich mit diesem Thema zu beschäftigen.