Rehberg: Was der Confed-Cup über die Zukunft der...

Fußball: Confederations Cup, Finale, Chile - Deutschland am 02.07.2017 im Saint Petersburg Stadium in St. Petersburg, Russland. Deutschlands Shkodran Mustafi (r) macht zusammen mit Julian Draxler ein Selfie. Bundestrainer Joachim Löw (l) schaut zu. Foto: Marius Becker/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ urn:newsml:dpa.com:20090101:170702-90-024444

Der Bundestrainer hat mit den Spielen beim Confed-Cup genau das erreicht, was ihm vorgeschwebt ist: Die Stars der Nationalmannschaft sollten eine ruhige Sommerpause haben,...

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. Dieses Turnier der Kontinentalmeister in Russland hat Spaß gemacht. Wider Erwarten. Die Mannschaften spürten nicht diesen ganz großen Erfolgsdruck. Was, wie man gesehen hat, nicht wie so oft Spiele produziert für die Taktikgelehrten, sondern überwiegend muntere und unterhaltsame Kicks. Die deutsche B-Elf unter Führung von Jogi Löw hat den Pokal gewonnen. Eine Überraschung. Auch für diese edle Hinterbänkler-Auswahl, die Löw da nach dem Saisonende noch eilig eingesammelt hat. Erfrischend, wie ausgelassen und natürlich sich die deutschen Spieler nach dem 1:0 im Finale gegen Chile gefreut haben.

Der Bundestrainer hat nach dem Gewinn des WM-Titels 2014 und ein Jahr vor dem nächsten Weltturnier in Russland genau das erreicht, was ihm vorgeschwebt hat mit der Nominierung dieses Erweiterungskaders: Die gestressten Weltmeisterheroen sollten endlich mal wieder eine Sommererholung genießen können – und sie sollten darüber hinaus an den Fernsehgeräten vorgeführt bekommen, dass ein paar fähige und meist jüngere Spieler Druck ausüben auf die Stars.

Stand heute hat Löw da eine sehr kluge Entscheidung getroffen. Was nicht zwangsläufig abzusehen war, das ist eingetreten. Beim Confed-Cup haben sich einige deutsche Profis aus der zweiten Reihe in den Vordergrund gespielt. Zwei Spieler haben ihren DFB-Marktwert extrem in die Höhe geschraubt. Leon Goretzka und Timo Werner.

Goretzka und Werner haben Riesenpotenzial

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Goretzka ist ein zentraler Mittelfeldspieler, der für sein Alter schon erstaunlich reif ist. Spielerisch und taktisch. Auch als Persönlichkeit. Die Sololäufe des technisch starken und torgefährlichen Schalkers, der zudem ein glänzendes Passspiel hat, stechen heraus. Dazu kommt seine Kampfkraft und Willensstärke. Da wächst ein Mann heran, den man sich schon bald gut neben dem international bewährten Spielgestalter Toni Kroos vorstellen kann. Sami Khedira und Ilkay Gündogan werden das registriert haben. Sprintstürmer Werner hat den Vorteil, dass er seine grandiose Geschwindigkeit verbindet mit großem Potenzial im Torabschluss. Der junge Kerl aus Leipzig hat in diesem Turnier den gut gestarteten Mittelstürmerriesen Sandro Wagner auf der Bank festgenagelt. Wenn man bedenkt, dass Löw ein Fan von flexiblen Stürmern ist, dann hat nun auch der reine Strafraumstürmer und Torjäger Mario Gomez einen Konkurrenten im Nacken.

Als Allroundspieler hat sich auch der schon 29 Jahre alte Lars Stindl ins Licht gestellt. Der Gladbacher kann mit seiner Laufstärke, mit seinen spielerischen Fähigkeiten und mit seinem taktischen Knowhow im Mittelfeld und im Angriff nahezu jede Position mit Leben füllen. Eine Spätentdeckung. Eine enorme Steigerung muss man auch bei Innenverteidiger Antonio Rüdiger konstatieren, der gemeinsam mit Niklas Süle die etablierteren Benedikt Höwedes und Shkodran Mustafi unter Spannung halten wird. Dass Julian Draxler in Russland zum besten Spieler des Turniers erwählt worden ist, das hatte wohl auch damit zu tun, dass er beim Turniersieger die Kapitänsbinde trug. Der Ex-Schalker ist ein brillanter Solokünstler, doch er streut nach wie vor zu viele Kunstpausen ein.

Löw hat bereits erklärt, dass sein Maßstab die absolute Weltklasse bleibt. Ein wichtiger Hinweis. Diesen Weg müssen die genannten Spieler erst noch gehen. Wir konstatieren, dass sich Löws Auswahl in der Breite enorm erweitert hat, in der Qualitätsspitze (noch) nicht. Für Breite bürgt auch der Europameistertitel, den die deutsche U21-Nationalmannschaft fast zeitgleich errungen hat. Einen überragenden Individualisten hat das Team von Stefan Kuntz (noch) nicht angeboten.

Extrem kurze Ballkontaktzeiten

Aber, und das ist ein Fingerzeig für die anstehende Bundesligasaison: Beide deutsche Teams haben als Mannschaft überzeugt, als verschworene Gemeinschaften, in denen sich keiner wichtiger genommen hat als er ist, in denen jeder für den anderen aufopferungsvoll gerannt ist, den Ball gejagt und den Gegner bekämpft hat. Noch etwas war in beiden Turnieren erkennbar: Das schnelle und konstruktive Flachpassspiel, immer wieder auch garniert mit extrem kurzen Ballkontaktzeiten in der Einleitung von Angriffszügen, gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die Mondballbolzer haben keine Konjunktur mehr.

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Und was halten wir vom erstmals auf die große Bühne gehobenen Videobeweis? Das ist eine gesonderte Betrachtung wert. Eines ist absehbar. Die Profis bekommen bei strittigen Szenen auf dem Feld ein neues Spielzeug in die Hand: Sie werden schon bald bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit mit beiden Händen ein rechteckiges Viereck in die Luft malen - und den Schiri damit auffordern, umgehend das Überwachungspersonal im Videoraum anzurufen. Das könnte auf Dauer nerven. Und zwar extrem.