Rehberg: Von Tottenham lernen, wie es nicht geht

Marco Reus (M) jubelt über das 1:0. Torhüter Hugo Lloris von Tottenham holt den Ball aus dem Tor. Foto: dpa

Eigentlich wollten die 05-Profis vor dem Fernseher studieren, wie Tottenham Hotspurs die Dortmunder ärgert. Die Spurs haben beim 0:3 ausschließlich eine Vorlage dafür...

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. Da haben also an diesem Donnerstagabend die 05-Profis auf ihrer Wohnzimmercouch vor dem Fernseher gesessen. Um zu studieren, was man vom englischen Tabellenzweiten eventuell lernen kann. Wenn man die Absicht hat, Thomas Tuchel und seine – wie eine digital gesteuerte Maschine von Erfolg zu Erfolg eilenden – Dortmunder zu ärgern. Nichts hatten die Mainzer Spieler nach dem Abpfiff auf dem Zettel. Gar nichts. Die Tottenham Hotspurs mit ihrem in England sehr hoch bewerteten argentinischen Trainer Mauricio Pochettino haben beim 0:3 im Signal-Iduna-Park ausschließlich eine Vorlage dafür geliefert, wie es garantiert nicht funktioniert als Gast des besten Tabellenzweiten in der Geschichte der Bundesliga.

Oder anders ausgedrückt: Man sollte als Gegner dieses konstant hochwertig auftretenden Tuchel-BVB schon seine stärkste Elf auf den Platz schicken, mental und emotional aufgerüstet sein und irgendeinen griffigen Matchplan verfolgen – wenn man ernsthafte Ambitionen hat. Die Englishmen aus London traten im Achtelfinalhinspiel der Europaliga auf, als befänden sie sich auf einer Studienreise zur Erkundung der unzähligen Dortmunder Bierlabels.

Die Dortmunder haben lustvoll zugegriffen. Tempofußball, flüssige Kombinationen, geschickte Seitenverlagerungen im Angriffsdrittel, drei Tore, Chancen für fünf bis sechs Tore. Und dabei musste die Tuchel-Elf physisch nie an ihre Grenzen gehen. Was den die Belastungen bis ins kleinste Detail planenden Cheftrainer dazu bewegen könnte, im Heimspiel am Sonntag gegen seinen Ex-Klub aus Mainz einige der im Dauereinsatz befindlichen Leistungsträger doch nicht zu schonen. Egal. Martin Schmidt wird sich am bestmöglichen Dortmunder Leistungsvermögen orientieren. Und eine Strategie entwickeln, die seinem Entdecker und Förderer Tuchel weh tut.

Klopp wird sich die Partie im Fernsehsessel anschauen

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Jürgen Klopp, der am Donnerstagabend in der Europaliga mit seinem FC Liverpool mit einem furiosen Sturmlauf das Manchester United des Tulpengenerals Louis van Gaal 2:0 überrannt hat, wird sich die Partie im Signal-Iduna-Park auf der Insel genüsslich im Fernsehsessel anschauen. Der einstige Mainzer und Dortmunder Kultcoach ist angetan von der Saisonleistung der 05er. Auch von der individuellen Qualität, die den Kader inzwischen auszeichnet. Auch von der Entwicklung einzelner Spieler. „Sehr beeindruckend“, sagt der Liverpool-Trainer. Was natürlich auch auf die Arbeit seines Nachfolgers im Ruhrpott zutrifft.

Martin Schmidt hat kürzlich die Bayern geknackt. Mit einer Fünferabwehrreihe, mit wenigen, aber gezielten Konterzügen und mit einer überragenden Effizienz im Abschluss. Tuchel orientiert sich bekanntlich stark an Pep Guardiola. Beim Bayern-Vordenker hat er sich einige Pass- und Laufwege abgeschaut. Die Aufgabe der 05er in Dortmund ist mit jener in München vergleichbar. Es geht um eine stabile Defensive, um das nach vorn gewandte Zustellen von Pass- und Laufwegen, um Balleroberungen, um mutige offensive Umschaltbewegungen und um Effektivität. In diesem Konzept ist Julian Baumgartlinger zu einem Schlüsselspieler geworden.

Baumgartlinger: der aktivste Balleroberer, der nimmermüde Ballschlepper

Der Kapitän, der seit einiger Zeit geschickt die fünfte Gelbe Karte vermeidet, ist im Zentrum des Spiels der ideale Nachvorneverteidiger - der aggressivste Zweikämpfer, der aktivste Balleroberer, der nimmermüde Ballschlepper. Und inzwischen dreht sich der Österreicher in engen Situationen Mann gegen Mann auch nach vorne auf. Das schafft Vorteile im Konter. Da werden die entscheidenden Zehntelsekunden gewonnen für den Umschaltimpuls. Und seitdem der frühere Rückwärtsdenker Baumgartlinger diese automatisierte kurze Drehbewegung auch am gegnerischen Strafraum auspackt, wird er auch noch torgefährlich. Als Vorlagengeber oder im Abschluss.

Als Partner bietet sich Danny Latza an. Der vereint Technik und strategische Fähigkeiten mit der nötigen Physis. Fabian Frei hatte beim 0:0 gegen Darmstadt 98 keinen guten Tag. Der Schweizer hatte Mühe, krachende Zweikämpfe zu führen und Tempo aufzuziehen. Gut möglich, dass Schmidt seinen Landsmann in Dortmund als zentralen Mann einer Fünferabwehrreihe nominiert. In München hatte Frei diese Aufgabe nach der verletzungsbedingten Auswechslung von Niko Bungert sehr gut abgearbeitet. Leon Balogun, Frei und Alexander Hack in der Mitte, rechts Daniel Brosinski, links Gaetan Bussmann. Davor Baumgartlinger und Latza. Jairo und Yunus Malli auf den offensiven Halbpositionen, ganz vorne Jhon Cordoba.

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Das könnte ein Modell sein für die Dortmund-Partie. Mental und emotional werden die 05er auf jeden Fall mehr Feuerkraft entwickeln als die Heißsporne aus Tottenham.