Rehberg: Viel Wirbel um den Deadline Day

Sandro Wagner wechselt vom FC Bayern München zum finanzstarken chinesischen Klub Tuda Tianjin. Foto: dpa

Der Deadline Day in der Fußball-Bundesliga: Für die einen fast schon so etwas, wie ein kirchlicher Feiertag. Für AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg handelt es sich vielmehr um...

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. Sky hat den Deadline Day zelebriert wie einen hohen kirchlichen Feiertag. Die Moderatorinnen durften die Last-Minute-Transfermeldungen wieder verlesen. Neu war: Ein Experte für Kommunikation überwachte die Art und Weise der Kommunikation; da geht es darum, ob Vereine, Spieler und Berater ihre Transferaktivitäten in der Öffentlichkeit auch plausibel begründen.

Wir dachten ja bisher immer, ein Wechsel orientiere sich an dieser Werte-Rangliste: 1. Eine fremde Kultur kennenlernen. 2. Eine neue Sprache lernen. 3. Zur Familie zurückkehren. 4. Unter diesem Trainer wollte ich schon immer mal spielen. Jetzt verkündete der Kommunikationsexperte, und das kam am Ende dieses Deadline Days rüber wie Bomben auf die Romantik: „Es geht nur noch ums Geld.“ Der Profifußball sei nur noch Geschäft.

Nachdem man diesen Kulturschock verdaut hatte, wurde klar: Sandro Wagner will nicht zwangläufig lernen, wie man mit Stäbchen isst, er will nicht chinesisch lernen, auch seine Familie wartet nicht auf ihn in Tianjin und unter dem selten fröhlichen Trainer Uli Stielike wollte er auch nicht immer schon mal spielen – der lange Mittelstürmer, der vor eineinhalb Jahren so dringend von Hoffenheim nach München wechseln musste zwecks familiärer Zusammenführung, interessiert sich ausschließlich für die 15 Millionen, die er in zwei Jahren von Tuda Tianjin überwiesen bekommt.

Englische Fußball-Teenager zieht es in die Bundesliga

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Überragend aufregend war der Deadline Day ansonsten nicht. Auffällig: Viele englische Teenager, die flott auf den Füßen sind und mit der Kugel ganz gut umgehen können, zieht es verstärkt in die Bundesliga. Die abgebenden Premier-League-Klubs können mit den Buben nicht viel anfangen. Abenteuerlich der Deal, den S04-Manager Christian Heidel mit Manchester City ausgehandelt hat: Rabbi Matondo, Baujahr 2000 (9. September, ob der junge Waliser schon einen Führerschein hat, das wissen wir nicht…), bislang Rechtsaußen in der U19 und U23 von ManCity, wechselt für rund acht bis neun Millionen Euro zu den Schalkern - und wenn der 18-jährige Supersprinter dort richtig gut wird, dann darf ihn der Pep-Guardiola-Klub binnen der nächsten drei Jahre für 50 Millionen wieder zurückkaufen. Respekt.

Sehr interessant war auch noch der Tag von Martin Hinteregger. Kaum hatte der Innenverteidiger vor TV-Kameras seinen Trainer Manuel Baum vernichtend abgeurteilt, woraufhin ihn Manager Stefan Reuter von den vertraglichen Verpflichtungen in Augsburg freistellte, schon hatte der FCA-Kapitän einen neuen Klub gefunden: Der 26-Jährige kickt in der Restrückrunde auf Leihbasis für den DFB-Pokalsieger Eintracht Frankfurt. Diese Sache ist schnell aufgeklärt, da steckt noch die gute alte Romantik dahinter: Eintracht-Coach Adi Hütter und Hinteregger kennen sich aus gemeinsamen Zeiten bei RB Salzburg (…unter diesem Trainer wollte der rhetorisch furchtlose Augsburger Hüne wahrscheinlich schon immer noch mal spielen…).

So wollen die Augsburger die Hinteregger-Lücke stopfen

Die im Abwehrzentrum schmal aufgestellten Schalker hätten Hinteregger wahrscheinlich dringender benötigt als die Eintracht. Auf Schalke verteidigt in der Rückrunde Jeffrey Bruma, ein 27 Jahre alter Holländer, der in den vergangenen Monaten beim VfL Wolfsburg in der Versenkung verschwunden war. Ein interessantes Projekt. Nicht gut genug für den VW-Klub, aber ein Hoffnungsträger beim Champions-League-Achtelfinalisten? Klingt merkwürdig. Kann aber durchaus funktionieren. Weil Spieler, die plötzlich wieder Wertschätzung erfahren, zuweilen zu alter Leistungsstärke zurückfinden. Da steckt Romantik drin.

Ach ja, wir wollen auch noch vermelden, wie die Augsburger die Hinteregger-Lücke stopfen: Der Engländer Reece Oxford von West Ham United ist gekommen, knapp 20 Jahre alt, in der Vorsaison kickte der Stopper auf Leihbasis und mit wenig Erfolg für Borussia Mönchengladbach. „Er kann uns schnell weiterhelfen“, sagt Manager Reuter. Klar, der Junge kennt schon die deutsche Kultur und die deutsche Sprache – und unter Manuel Baum wollte er bestimmt auch schon immer mal spielen. Da behaupte noch einer, im Fußball drehe sich alles nur noch ums Geld.