Rehberg: Uli Hoeneß anno 2004

Uli Hoeneß wird am Samstag in der Coface Arena nicht mehr dabei sein. Warum, das ist bekannt. Wir möchten hier erinnern an eine Begebenheit mit dem in der vergangenen Woche...

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. Der FSV Mainz 05 war damals erstmals in die Bundesliga aufgestiegen. Die Sportredaktion der inzwischen von der Bildfläche verschwundenen Mainzer Rhein-Zeitung bastelte an einer Sonderbeilage. Die Idee: Verantwortliche aller Erstligisten könnten sich doch zu diesem Bundesliganeuling mal äußern. Wir begannen zu telefonieren. Einige Klubs hatten gar kein Interesse daran. Der FC Schalke 04 erlaubte immerhin drei Fragen an Manager Rudi Assauer, diese waren zu stellen per Mail. Zurück kam zu jeder Frage jeweils ein Satz, nein, Sätze waren das nicht, es fehlten die Verben.

Beim FC Bayern München hegten wir gar keine großen Hoffnungen. Ein Journalistenkollege aus München steckte uns die Telefonnummer der Sekretärin von Uli Hoeneß. Es meldete sich Karin Potthoff. Ja, der Uli sei nebenan in seinem Büro, sie schaue mal kurz rein, ob er Zeit habe. Sekunden später war der allmächtige Manager in der Leitung. Kein Problem, er habe eine gute Viertelstunde Zeit bis zum nächsten Termin. Und dann plauderte Hoeneß, entspannt, freundlich, unkompliziert, interessiert, konzentriert, gut informiert, ohne Dünkel.

Klinsmann statt Klopp

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Ob Mainz 05 nicht ein unattraktiver Aufsteiger sei für den FC Bayern, fragten wir. Überhaupt nicht, antwortete Hoeneß. Kein anderer Klub habe diesen Aufstieg so verdient wie Mainz 05, die knapp verpassten Aufstiege 2002 bei Union Berlin und 2003 in Braunschweig habe er noch klar vor Augen. Wer es dann im dritten Anlauf schaffe, der habe eine "überragende Leistung" vollbracht. Und beim Testspiel ein halbes Jahr zuvor in Mainz habe der FC Bayern (der übrigens mit 1:2 unterlag) erlebt, dass dieses Bruchwegstadion ein Hexenkessel sei, "das war eine wunderbare Atmosphäre".

Ob Mainz 05 mit diesen begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten die Chance habe, dauerhaft Bundesliga zu spielen, fragten wir. Geld sei wichtig, aber nicht immer entscheidend, erklärte Hoeneß. Mainz habe eine ähnliche Chance wie der SC Freiburg. Sein Eindruck sei, dass Mainz 05 darin geübt sei, mit wenig Geld einiges an Leistung zu produzieren, ohne Schulden zu machen. Sein Eindruck aus der Distanz sei, dass Fachleute wie Christian Heidel, Harald Strutz und Jürgen Klopp mehr vom Fußball und von diesem Geschäft verstünden als viele andere Macher in dieser Liga. Sicher müsse der Klub nach und nach seine Strukturen verändern. Ehrenamtlichkeit sei kein Problem, aber nebenberuflich könne man einen Bundesligisten nicht auf Dauer führen. Das große Plus der Mainzer sei, dass mit Klopp "ein überragendes Trainertalent" für die Mannschaft verantwortlich sei. Drei Jahre später wollte Hoeneß den Mainzer Kulttrainer zu den Bayern holen. Der Manager konnte sich nicht durchsetzen im Vorstand. Die Wahl fiel auf Jürgen Klinsmann. Eine dramatische Fehlentscheidung.

Am Ende jener Erstaufstiegssaison feierten die 05er im Heimspiel gegen den FC Bayern den Klassenverbleib. Das war am 7. Mai 2005, am 32. Spieltag. Die Münchner reisten an als Tabellenführer mit elf Punkten Vorsprung vor Schalke 04, in der Woche zuvor hatten die Bayern nach einem 4:0 beim 1. FC Kaiserslautern auf dem Betzenberg mit Weißbierduschen den Titelgewinn zelebriert. Am Bruchweg siegte der neue Meister unter Trainer Felix Magath mit 4:2. Roy Makaay traf zum 1:0 (17.), Benjamin Auer glich aus (35.), Michael Ballack traf zum 2:1 (42.), Michel Thurk erzwang das 2:2 (59.), am Ende legte Makaay noch zwei Treffer drauf (82., 89.). Abpfiff. Über den Lautsprecher kam die Nachricht, dass die Mainzer Nichtabstiegskonkurrenten Hansa Rostock und VfL Bochum verloren hatten. Das zweite Bundesligajahr war nun auch rechnerisch gesichert für die Mainzer.

Feierei am Bruchweg

Und dann rannten die Mainzer Profis mit riesigen, bis an den Rand gefüllten Biergläsern über den Bruchwegrasen. Bierduschen. Die Bayern-Stars hatten ihren Spaß daran. Die Kontrahenten jagten sich übers Gelände, überschütteten sich gegenseitig mit dem Gerstensaft, allen voran Roy Makaay, Lucio, Mehmet Scholl, Bastian Schweinsteiger, Michael Ballack, Willy Sagnol oder Sebastian Deisler, auf der anderen Seite die feierfreudigen Benjamin Weigelt, Fabian Gerber, Hanno Balitsch, Antonio da Silva oder Michael Thurk. Uli Hoeneß stand im kurzärmeligen Hemd mit leuchtenden Augen auf der Bruchwegtribüne und pries später die "überragende Stimmung" in Mainz.

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Von den damaligen Spielern sind am Samstag nur noch Christian Wetklo (Ersatztorwart), Nikolce Noveski und Bastian Schweinsteiger (O-Ton bei Sky: "Wir wissen, dass man mit den Mainzern gut feiern kann") am Start. Bierduschen wird es diesmal aber wohl nicht geben. Die Bayern können an diesem Spieltag mit einem Sieg in der Coface Arena nur dann Meister werden, wenn Borussia Dortmund in Hannover nicht gewinnt und Schalke zu Hause nicht gegen Eintracht Braunschweig. Abwarten. Rotweinliebhaber Pep Guardiola im Bierregen, das wäre durchaus ein nettes Bild. Uli Hoeneß wird die Partie am Tegernsee vor dem Fernsehapparat verfolgen.