Rehberg: Überraschender Abgang Favres, vorhersehbar...

Lucien Favre. Foto: dpa

In dieser englischen Woche haben einige Mannschaften einen gewaltigen Stress. Da ist Druck auf dem Kessel. Das Tabellenende: Borussia Mönchengladbach null Punkte, VfB Stuttgart...

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. In dieser englischen Woche haben einige Mannschaften einen gewaltigen Stress. Da ist Druck auf dem Kessel. Das Tabellenende: Borussia Mönchengladbach null Punkte, VfB Stuttgart null Punkte, Hannover 96 ein Punkt, TSG Hoffenheim ein Punkt. Vielleicht hätte man den letztjährigen Fast-Absteiger aus Hannover in dieser Lage erwartet nach fünf Spieltagen mit 15 zu vergebenden Zählern, die drei anderen Klubs nicht.

Mit Überzeugung oder gar nicht

Die Sensation war nun der Rücktritt von Lucien Favre. Drei Tage vor der Heimpartie gegen den FC Augsburg stellt der Gladbacher Cheftrainer mit einer Mitteilung an die Medien seinen Stuhl in die Ecke. Und das vor dem Hintergrund, dass die Klubführung das ausdrücklich abgelehnt hat. Ein sehr merkwürdiger Vorgang. Der aber zum eigenwilligen, zu Sturheit und Kompromisslosigkeit neigenden Schweizer passt. Dieser erstklassige Fußballlehrer macht Dinge mit Überzeugung – oder überhaupt nicht. Dieser Ruf eilt Favre voraus.

Spüren konnte man die Gefühlswelt des Gladbach-Vordenkers schon in den vergangenen zwei, drei Wochen. Favre wirkte nicht kämpferisch. Der 57-Jährige kommentierte die Niederlagen seltsam unbeteiligt, immer mit einem leicht ironisch wirkenden Lächeln auf dem Gesicht. Als hätte er sehr früh erkannt, oder für sich beschlossen: Das funktioniert nicht in dieser Saison mit diesem Kader ohne die Topabgänge Christoph Kramer und Max Kruse. Wenn man an dem Erfolgstrainer eines bemängeln will, dann die Tatsache, dass er grundsätzlich und immer „nur“ einem Konzept vertraut: Passwege zustellen mit einem geschlossenen Defensivblock, Pässe abfangen, mit Handlungsschnelligkeit, kurzen Ballkontaktzeiten und Technik über das Zentrum schnell nach vorne kombinieren, spät auf die Flügel auflösen und dann mit Tempo Torgefährlichkeit erzielen. Diese Spielweise – oder gar nichts.

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Vergleich mit Klopp ist unangebracht

Und wenn Favre diese seine Vorstellungen nicht umsetzen kann, aus welchen Gründen auch immer, dann geht er. Darin drückt sich Stärke, Überzeugung, Konsequenz, Unabhängigkeit, eine Persönlichkeit aus. Vielleicht auch eine Spur Engstirnigkeit und Überheblichkeit. Aber nicht Feigheit in Tateinheit mit Charakterlosigkeit, wie jetzt an manchen Stellen kommentiert wird. Vergleiche mit Jürgen Klopp, der in seinem schwierigen siebten Jahr in Dortmund die Mannschaft erst noch aus dem Keller geholt hat, bevor er die Vertragsauflösung einfädelte, sind unangebracht. Andere Typen, andere Emotionalität, andere Denkweise - andere Entscheidungen.

Ein Trainer kann eine Mannschaft auch im Stich lassen, wenn er gegen seine innere Überzeugung durchzieht, krampfhaft versucht, eine Entwicklung zu stoppen, in der ihm gerade (zumindest gefühlt) das nötige Handwerkszeug fehlt. Wenn ein hoch intelligenter und ehrgeiziger Übungsleiter in einem topgeordneten, sehr überlegt und gekonnt geführten Klub die Champions-League-Chance wegwirft, dann wird er dafür starke Gründe haben. Favre kommt über das Fußballerische, weniger über die Motivationsschiene. Letzteres ist jetzt gefragt in Gladbach. Ob nicht auch Favre auf seine Art die Kurve hätte bekommen können, das werden wir nie erfahren.

Bayer 04 Leverkusen steckt in Schwierigkeiten

Ein weiterer sehr gut geführter Klub steckt in Schwierigkeiten. Der letztjährige Vierte und Champions-League-Teilnehmer Bayer 04 Leverkusen ist nach fünf Spieltagen bei mageren sechs Punkten und einer extrem schwachen Torbilanz von 3:8 hängen geblieben. Am Sonntag setzte es ein 0:3 in Dortmund. Chancenlos. Manager Rudi Völler sprach von mangelnder Einstellung mancher Spieler. Der nächste Gegner in der BayArena nach dem ernüchternden 0:1 gegen den SV Darmstadt 98: Die 05er, die schon stattliche neun Zähler eingesammelt haben, treten am Mittwochabend in Leverkusen an.

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Was fällt auf bei der Mannschaft von Roger Schmidt? Die Mannschaft ist nennenswert verstärkt worden, auch im Hinblick auf die internationale Herausforderung, aber der aggressive und tempogeladene Spielstil ist dadurch verwässert worden. Christoph Kramer, der Weltmeister, der den taumelnden Gladbachern so entscheidend fehlt im defensiven Mittelfeld, ist im neuen Team noch gar kein gewichtiger Faktor. Neben dem begabten Sechser spielt Kevin Kampl, von dem die Dortmunder dachten, er sei ein pressingstarker und antrittsschneller Flügeldribbler. Dieses neue Sechserpaar ging im Zentrum unter gegen die spielstarken Dortmunder.

Abwehr wackelt

Im Angriff steht nun neben Mittelstürmer Stefan Kießling mit Javier Hernandez ein international bewährter Offensivtechniker, der bei Real Madrid Erfahrung gesammelt und der bei Manchester United Klassespiele abgeliefert hat. Weil Schmidt jetzt die Zwei-Stürmer-Variante wählt, muss nun der kreative Passgeber und Standardkönig Hakan Calhanoglu in der 4-4-2-Grundordnung mehr auf den linken Flügel ausweichen. Kleine Verschiebungen, große Wirkung: Bayer schießt weniger Tore, Calhanoglu kommt nicht in Schwung. Und das wuchtige Angriffspressingkonzept leidet. Und da der Gegner deshalb nicht mehr so effektiv vom eigenen Strafraum ferngehalten wird, wackelt auch die Abwehr um die nicht überragenden Innenverteidiger Jonathan Tah und Kyriakos Papadopoulos.

Wie die 05er auf die angespannte Situation in Leverkusen reagieren können, das behandeln wir im morgigen Blog.