Rehberg: Über Ballbesitzfußball, Passterroristen und die...

Kasper Hjulmand tritt kein leichtes Erbe an. Damit seine Mission gelingt braucht er auch Glück. Foto: dpa

"Flexibilität ist der Schlüssel" - Reinhard Rehberg geht der Frage nach, ob eine Weltmeisterschaft dazu taugt, echte Fußball-Trends zu setzen. 05-Trainer Kasper Hjulmand hat...

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. In Fernsehfachkreisen wird ja unermüdlich nach neuen Formaten gefahndet. Da dreht es sich überwiegend um immer verrücktere Spiel-Shows, Sänger- und Modelcasting-Shows oder D-Promis-im-Urwald-Shows. Im Fußball wird gerne über neue Trends philosophiert. Dann wird auch gerne vom "modernen Fußball" gesprochen. Auch beim tropischen WM-Turnier in Brasilien. Glaubt man einigen Experten und Kritikern, dann ist der Ballbesitzfußball nicht mehr modern. Weil die Kombinationskünstler aus Spanien in der Vorrunde ausgeschieden sind.

Da stellt sich die Frage: War der Passexorzismus jemals modern? Die Antwort lautet: Nein! Denn diese Art der Dominanz über den eigenen Ballbesitz beherrschten auf diesem Erdball nur zwei Mannschaften: Der FC Barcelona und die überwiegend aus dem FC Barcelona bestehende spanische Nationalmannschaft. Und da hat nun eine - vom Erfinder Pep Guardiola geschulte - einzigartige Spielergeneration ihren Zenit überschritten. Mehr ist nicht passiert. Ein neuer Trend lässt sich davon nicht ableiten.

Durchaus interessante Ansätze

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Kasper Hjulmand ist darüber hinaus der Meinung, dass eine Weltmeisterschaft, also ein Vier-Wochen-Spektakel für Ländermannschaften in Turnierform, überhaupt nicht dazu taugt, Trends zu setzen, Trends abzulesen. Dafür eigne sich ausschließlich die Champions League, sagt der neue Trainer des FSV Mainz 05. Dort arbeiten die besten Trainer mit den besten Klubmannschaften über jeweils ein Jahr tagtäglich an der Weiterentwicklung dieser Sportart. Aber, so der Däne nach dem Trainingsauftakt am Bruchweg, man sehe bei dieser WM durchaus interessante Ansätze.

Hjulmands Kernthesen zum Fußball in Brasilien lauten: Man muss hart arbeiten als Team, man muss sehr aggressiv nach hinten und nach vorne arbeiten, man muss eine gute Balance finden zwischen Defensive und Offensive ("Wenn zwei Mann mal nicht rechtzeitig nach hinten kommen, dann wird man bestraft"). Das Fazit des Bundesliganeueinsteigers: "Flexibilität ist der Schlüssel".

Diese Flexibilität habe man aber auch schon ablesen können am Auftritt des Champions-League-Finalisten Atletico Madrid. Diese Mannschaft habe schon gezeigt, wie man wirkungsvoll mal höher verteidige und mal tiefer, wie man Wirkung erziele mit mal mehr Ballbesitz und mal mit weniger Ballbesitz. Die Basis des Atletico-Spiels waren zudem eine enorme physische Präsenz, Laufbereitschaft, Tempo, Zweikampfschärfe in Defensive wie Offensive.

Eine Mischung aus Ballbesitzmonster und Umschaltmonster

In diese Richtung bewegte sich, ein Stufe tiefer, auch der FSV Mainz 05 unter Thomas Tuchel: Physischer Aufwand und taktische Flexibilität bescherten dem Klub in der abgelaufenen Saison die Teilnahme an der Europaliga. Und viel spricht dafür, dass Kasper Hjulmand, der am Montag auf der Saisoneröffnungspressekonferenz in der Coface Arena erneut einen bemerkenswert souveränen und intelligenten Auftritt hinlegte, diesen Weg, angereichert mit seinen Vorstellungen, weitergehen wird. Vor seinem letzten Spiel als 05-Trainer (3:2 gegen den Hamburger SV), das ist interessant, hatte Tuchel seinem Team gesagt: "Wir wollen heute auftreten in der Art von Atletico Madrid."

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Zusammengefasst könnte man sagen: Atletico Madrid präsentierte sich in der vergangenen Saison als eine Mischung aus dem Ballbesitzmonster FC Barcelona und dem Umschaltmonster Borussia Dortmund. Formulieren wir also als Trend: Eine Klassemannschaft sollte beides beherrschen und je nach den Möglichkeiten, die der Gegner anbietet, situationsgemäß anwenden können. Steht ein Gegner in der Defensive massiert und tief, muss man ihn kreativ bespielen können mit Kombinationsfußball, erwischt man einen angreifenden Gegner nach Ballverlust defensiv unorganisiert, dann muss man ihn mit Tempoüberfällen auskontern können. Ebenso sollte man selbst eine tiefer angelegte Defensive beherrschen, um dem Gegner die Angriffstiefe zu nehmen, baut der Gegner ruhig von hinten auf, sollte man ihn mit weit nach vorn verschobenem Pressing attackieren können.

Angewendet auf die WM in Brasilien: Diesen Ansatz verfolgen insbesondere erfolgreiche Außenseiter wie Costa Rica, Kolumbien oder Chile, aber auch Louis van Gaals Holländer oder die deutsche Mannschaft eine Stunde lang beim 4:0 gegen Portugal. Tempowechsel, Rhythmuswechsel, Tiefenwechsel in der Raumorganisation - dazu viel rennen, schnell rennen, oft schnell rennen und stechen - in beide Richtungen.

Der Einfluss Guardiolas

Das ergibt auch für die Zuschauer begeisternde Spiele. Der FC Barcelona mit seinen Passterroristen hat zuweilen selbst seine eigenen Fans gelangweilt, denn wenn der Gegner nie den Ball hat und gar nicht mitspielen darf, dann wird so ein Passzählwettbewerb in des Gegners Hälfte mit nur gelegentlichen Torabschlüssen auf Dauer öde. Auch Kasper Hjulmand hat sich beeinflussen lassen von Guardiola, er habe eine Philosophie, sagt der 05-Coach, "eine sehr idealistische". Aber: "Die Dinge ändern sich, man muss immer wieder neue Entwicklungen anschieben." Das sei wie im Leben, wenn man immer alles gleich mache, dann sei man irgendwann zu spät dran.

Man darf sehr gespannt sein auf die Arbeit des neuen 05-Trainerteams aus Dänemark.