Rehberg: Transferwahnsinn in England, Schnäppchen in Deutschland

Geldscheine. Symbolfoto: dpa

Reinhard Rehberg hat neue TV-Technik bei sich installiert - und schaut damit direkt mal bei der englischen Premier League vorbei. Hier schreibt er, was er von deren...

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. In Zukunft werden wir mehrere Decoder und Sticks benötigen, um alle Bundesligaspiele live sehen zu können. Und dann noch die ein oder andere europäische Topliga plus Champions League und Europaliga… Wer weiß, wie viele Anbieter sich diesen Kuchen künftig teilen werden. Aktuell sei die Nutzung von Eurosportplayer und/oder DAZN am Laptop ganz nett, habe ich mir erzählen lassen. Und das ist ja auch nicht sonderlich teuer. Aber wofür hat man den riesigen Flatscreen im Wohnzimmer stehen? Wie bekommt man also diese Internetanbieter auf sein Fernsehgerät?

Mein kundiger Neffe hat das jetzt für mich geregelt. An Weihnachten. Mit einem Stick am TV-Gerät. Drei Tage Schulung und zwei Wochen Übung, und schon beherrsche ich die neue Technik mehr oder weniger unfallfrei. Eine Fernbedienung mehr, klar, das nervt. Aber verglichen mit dem, was da noch kommen mag an Fernseh-Cockpits, sind vier dieser Steuerungsteile für TV, Decoder, Soundsystem und Stick fast noch überschaubar. An manchen Tagen weiß ich zwar nicht mehr so ganz genau, welches Teil für welches Gerät zuständig ist, doch das lässt sich regeln nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“.

Ein Blick in die englische Liga

Nun bin ich wieder drin in der englischen Premier League. Am Anfang ist das aufregend. Doch schon bald stellt man fest, dass die Qualität des englischen Fußballs die Darbietungen in der Bundesliga keinesfalls überragt. Wir meckern darüber, dass in der extrem ausgeglichenen deutschen Elite-Liga das Sicherheitsdenken vorherrscht. Erst mal hinten gut stehen – und nach vorne schauen, dass ab und zu mal ein Apfel vom Baum fällt. Ballbesitzqualität? Überschaubar. Wenn man davon absieht, dass in England im Durchschnitt das Tempo, insgesamt die physische Intensität höher ist, dann stellt man fest, dass das himmelsviele TV-Geld auf der Insel keinen grundsätzlich besseren Fußball generiert. Was zum Beispiel José Mourinho mit dem Starensemble von Manchester United an Aufregung bietet in der Offensive, das ist sehr dünn.

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Die Ausnahmen sind Manchester City und der FC Liverpool. Beim Seriensieger ManCity hat Pep Guardiola wieder seine Passmaschine angeworfen. Auf der Basis von gnadenlosem Gegenpressing nach jedem Ballverlust. Beim FC Liverpool beeindruckt der tempogeladene und wuchtige Umschaltgeist, den Jürgen Klopp den „Reds“ eingeimpft hat. Für den Titel wird das nicht reichen. Dafür verteidigt die „Klopp-Armee“ zu fehlerhaft. Nun hat der Cheftrainer Geld in die Hand genommen. Das Weihnachtsgeschenk Virgil van Dijk (26), ein normal begabter Innenverteidigerhüne vom FC Southampton, hat schlanke 85 Millionen Euro gekostet. Ein Wahnsinn? Natürlich. Aber letztlich haben diese Summen nur noch einen symbolischen Wert. Das Geld ist da. Arsene Wenger lässt beim FC Arsenal die Kohle auf der Bank liegen, Experten sprechen von einem fetten Festgeldkonto. 200 bis 250 Millionen könnte Wenger zu jedem Zeitpunkt in den Transfermarkt schleusen, heißt es. Macht der an Titeln arme Wenger nicht. Vielleicht lässt ihn die Besitzerfamilie auch deshalb so lange im Amt.

Schnäppchen in Deutschland

Klopp hat nun investiert. Ohne Bauchschmerzen. Denn sein brasilianischer Offensivkünstler Philippe Coutinho kickt ab sofort für den FC Barcelona. Da sollen mindestens 160 Millionen Euro angewiesen werden auf das Liverpool-Konto. Damit ist der Deal mit Van Dijk schon kompensiert. Und womöglich holt Klopp jetzt auch noch von Leicester City den eleganten algerischen Tempodribbler Riyad Mahrez als Coutinho-Ersatz. Kostenpunkt: Auch so um die 60 bis 80 Millionen. Klopp will sich die uneingeschränkte Vorherrschaft von Pep Guardiola nicht gefallen lassen. Das wird spannend. In der nächsten Saison.

Dagegen sind die winterlichen Transferaktivitäten in der Bundesliga nicht mehr als eine Schnäppchenjagd. Die Bayern haben für 15 Millionen in Sandro Wagner einen deutschen Nationalstürmer eingekauft. In England ist das Taschengeld. Torjäger Mario Gomez, Wagners WM-Konkurrent, hat sich vom VfL Wolfsburg nach Stuttgart verändert. Die Zahlen schenken wir uns. In der Premier League würden die paar Milliönchen eingestuft werden unter „mehr oder weniger ablösefrei“. In Mainz kickt jetzt der weitgereiste und ordentlich dekorierte holländische Ex-Nationalspieler Nigel de Jong. Der hat außer Gehalt gar nichts gekostet. Da würden die Engländer gelangweilt gähnen. „Wie, der kostet nix? Wo sollen wir denn dann hin mit unseren überschüssigen langen Scheinen?“