Rehberg: Taktikbuch mit unbeschriebenen Seiten

Yunus Malli. Foto: Harald Kaster

An diesem Sonntag startet Mainz 05 bei Eiseskälte mit der Heimpartie gegen den 1. FC Köln in das Wettbewerbsjahr 2017. Physisch wird die Elf in einer sehr guten Verfassung...

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. Im Profifußball hängt viel ab von Stimmungslagen. Die 05er sitzen in diesem Moment mit ihren Gefühlen zwischen den Stühlen. An diesem Sonntag startet die Mannschaft von Martin Schmidt bei Eiseskälte mit der Heimpartie gegen den 1. FC Köln in das Wettbewerbsjahr 2017. Physisch wird die Elf in einer sehr guten Verfassung sein. Spielerisch und taktisch liegt da ein Buch mit noch einigen unbeschriebenen Seiten.

Ziele? Der Trainer möchte seinen Schnitt von knapp 1,4 Punkten pro Spiel halten. Das klingt zu technokratisch, zu wenig emotional. Auch wenn diese Denkweise nachvollziehbar ist - weil damit keine in weiter Ferne liegenden Endziele angesprochen werden, sondern ein den Mainzer Möglichkeiten entsprechendes positives Kontinuum -, muss man dennoch festhalten: mit 1,4 Zählern pro Spiel kann ein Fan nicht viel anfangen. Die Anhänger schauen auf die Tabelle. Da gibt es Leute, die ohne den abgewanderten Yunus Malli Abstiegskampf wittern – und es gibt Leute, die sehen realistische Chancen, dass die Schmidt-Elf noch mal Kontakt zu den Europapokalplätzen herstellt. Wenn wir sagen, die Wahrheit liegt meistens in der Mitte, dann werden sich die 05er in der Mitte der Rangliste einnisten. Und das wäre in Ordnung.

„Phantomschmerzen“

Wir werden relativ zügig erfahren, wohin die Reise geht. In den ersten fünf Spielen nach der Winterpause treten die 05er nicht weniger als viermal in der Opel Arena an. Die Abfolge: 1. FC Köln (H), Borussia Dortmund (H), in Hoffenheim, FC Augsburg (H), Werder Bremen (H). In dieser günstigen Serie stecken zwei Chancen. Das Team kann sich zügig einen sehr großen Abstand nach unten erarbeiten. Und die dafür nötigen Erfolge können eine Stimmung schaffen, die den Mainzer Anhängern das Gefühl vermittelt: Egal, wo wir am Ende landen, der Fußball in diesem Stadion hat einen großen Unterhaltungswert, da geht es rund, das ist spannend, da will ich dabei sein. Perspektivisch betrachtet ist das ein lohnendes Ziel. Neue Begeisterung. Ein neues Gemeinschaftsgefühl. Eine Belebung der Identifikation mit dem Fußball an diesem Standort. In Zeiten der Wirren auf der Führungsebene wäre das ein wichtiges Zeichen: Der Sport steht über der Egozentrik eines Funktionärs.

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Das Publikum ist gefordert an diesem Sonntag in der Opel Arena. Natürlich muss sich das Team in Teilen neu finden. Der gesperrte Jhon Cordoba fehlt. Yunus Malli ist weg. Die Zehnerposition lässt sich in diesem Moment nicht ideal besetzen. Eine Seite im Buch ist schon geschrieben. Überschrift: „Phantomschmerzen“. Sollten die 05er die Kölner nicht schlagen, dann werden viele Leute auf dem Nachhauseweg (mit tollen alten Szenen von Malli im Kopf) stöhnen: „Mannomann, hat der Yunus gefehlt! Wie konnten die den gehen lassen?“ Und keiner mag sich mehr daran erinnern, dass die 05er auch mit Malli nicht jedes Spiel gewonnen haben. Was nichts daran ändert, dass der türkische Nationalspieler tatsächlich häufig der „Ergebnismacher“ war. Aber wir wissen auch: Mannschaften wie RB Leipzig, der 1.FC Köln oder der SC Freiburg, in vielen Spielen auch Hertha BSC und die Eintracht sind ohne klassischen Zehner zu (vielen) Punkten gekommen. Das geht.

Wer hüpft, der bekommt keine kalten Füße

Der gerade mal 20 Jahre alte Oppenheimer Aaron Seydel und der lange verletzte Yoshinori Muto werden wohl die 05-Angriffsspieler sein. Zusätzlich werden Levin Öztunali und Jairo an den Seiten Druck machen. Jeder aus diesem Quartett kann torgefährlich werden. Über Leidenschaft und Intensität - Laufkilometer, Sprints und gewonnene Zweikämpfe – kann sich die Elf Sicherheit erarbeiten. Und dann braucht es Lärm in der Bude. In einem Startspiel nach einer längeren Pause zählen von jeher Energie, Bereitschaft, Willenskraft mehr als Startelf- oder Systemfragen. Emotionen, die angeschoben werden durch eine wilde Stadionatmosphäre. Wer permanent klatscht, der bekommt keine kalten Finger. Und wer beim Brüllen hüpft, der bekommt bei diesen Minusgraden auch keine kalten Füße.