Rehberg: System Kasper mit neuem Vertrauen nach Hannover

Auf das Team von Tayfun Korkut trifft Mainz 05 am Dienstag in Hannover. Foto: dpa

Mit neuem Vertrauen in das System von Trainer Kasper Hjulmand reist Mainz 05 in der englischen Woche zu Hannover 96.

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. Die Solidarität unter den Trainern wächst. Das ist schon länger zu beobachten. Auch André Breitenreiter spürte am Samstag im Medienraum in der Coface Arena den Drang in sich, dem Kollegen Kasper Hjulmand öffentlich zur Seite springen zu müssen. Der Paderborner Erfolgscoach mahnte an, dass es immer Zeit brauche, eine neue Philosophie und die entsprechenden Automatismen zu verankern, da sei es angezeigt, dass die handelnden Personen dem neuen Trainer Vertrauen schenken.

War das als Kritik gedacht an den Verantwortlichen in Mainz? Oder ganz allgemein als moralischer Wink, quasi als erhobener Zeigefinger in einer zu Aufgeregtheiten neigenden Branche? Oder war es einfach nur eingestreut als eine geschickte Ablenkung vom 0:5-Desaster in Mainz, von einer in der zweiten Halbzeit nicht mehr bundesligatauglichen Leistung der Paderborner?

Der Däne muss nicht verteidigt werden

Hilfreich sind diese Anmerkungen von Trainerkollegen eher selten. Der Däne am Bruchweg muss nicht verteidigt werden. Hjulmand geht konsequent seinen von tiefer Überzeugung gepflasterten Weg. Neun Spiele nicht gewonnen. Die Park-Distance-Control, die den Abstand zur Abstiegszone misst, sendete schon einen Piepston. Und nun diese 5:0-Explosion zum Start in die Rückrunde. Das schafft Vertrauen. Weniger das hohe Ergebnis, viel mehr die neu belebten Bausteine im "System Kasper".

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Dass die 05er den in der Hinrunde sportlich und mental erstaunlich stabilen Aufsteiger auseinandernehmen würden mit chirurgisch präzisen Konterzügen, eine Qualität, die weder in der Vorrunde noch in der Wintervorbereitung Wirkung entfaltet hatte, das war nicht zu erwarten. Diese Erweiterung in den Angriffsmustern schafft Vertrauen. Das gilt auch für die gelungene Mischung aus Ruhe und Entschlossenheit, die das Team in dieser Drucksituation ausgestrahlt hat. Und das gilt auch für die tragfähige Stabilität der Mittelachse: Loris Karius als Torwächter, der hoch konzentriert da ist, wenn er gebraucht wird, Stefan Bell als allgegenwärtiger Abwehrchef (mit kleinen Fehlern), Johannes Geis als Stratege aus der Tiefe des Raums, davor Julian Baumgartlinger als aggressiver Balleroberer und Yunus Malli als zentraler Tempoumschaltkünstler. Das schafft Vertrauen.

Keine Sternchenwertung für Spielqualität

An diesem Dienstagabend geht es weiter in einer englischen Woche, die den Distance-Control-Piepston am Bruchweg abwürgen kann. Der Gegner Hannover 96 hat sich fürchterlich geärgert nach dem 0:1 beim FC Schalke 04. Auf dem Papier war die Elf von Tayfun Korkut der Punktsieger: 60:40 Prozent Ballbesitz, 52:48 Prozent gewonnene Zweikämpfe, 11:5 Flanken, 15:13 Torschüsse, 450:229 angekommene Pässe, 723:565 intensive Läufe, 501:398 schnelle Läufe, 222:167 Sprints, 118:116 Laufkilometer. Nahezu in sämtlichen Messdatenrubriken waren die Hannoveraner die Sieger (teilweise sogar auch besser als die 05er bei ihrem 5:0-Überfall). Aber die wenig überzeugenden Schalker haben ein Tor geschossen. Der unscheinbare Arbeiter Marco Höger hat einen Ball hinter die Torlinie bugsiert. Die 96er haben das nicht geschafft. Und Punktsieger gibt es im Fußball nicht, auch keine Sternchenwertung für Spielqualität.

Und schon bricht in Hannover leichte Panik aus. Eine Heimniederlage gegen die Mainzer, und es piepst schon leise… Und während in Mainz die (abgesagte) Möglichkeit eines Wintertransfers von Torjäger Shinji Okazaki überhaupt keine Wellen geschlagen hat intern und in der Öffentlichkeit, vergeht in Hannover kein Tag, an dem Spielmacher Lars Stindl nicht mit einem deutschen oder internationalen Spitzenklub in Verbindung gebracht wird. Am Sonntag ging es um den FC Liverpool. Korkut nervt das. Weil das Unruhe erzeugt im Kader. Und weil Stindl gar nicht so überragend aufspielt in dieser Saison, wenn man davon absieht, dass der Techniker immer ein enormes Laufprogramm abspult.

Ein argentinischer Wirbler und ein eleganter Franzose

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Für die 05er wird es darum gehen, das Offensivpotenzial des Gegners einzudämmen. Der in Stuttgart geborene Spanier Joselu ist ein umtriebiger, wendiger, schneller und torgieriger Mittelstürmer (acht Saisontore). Leonardo Bittencourt und Lars Stindl sind die technisch begabten Einfädler. Und dann kommt Sommerzugang Jimmy Briand allmählich in Form. Der elegante Stürmer, der aus der in Frankreich gerühmten Nachwuchsschule von Stade Rennes stammt, hat nach vier Jahren bei Olympique Lyon den Sprung in die Bundesliga gewagt. Der 29-Jährige, der von der U15 bis zur U23 in sämtlichen Nachwuchs-Nationalmannschaften die meisten Tore geschossen hat und der dann auch fünf A-Länderspiele absolvieren durfte, benötigte seine Zeit zur Anpassung. Ähnlich wie Pablo de Blasis in Mainz.

Das wird am Dienstagabend ein interessanter Vergleich. Auf der einen Seite der durchaus prominente und in vielen Champions-League-Spielen gestählte Franzose, auf der anderen Seite der bis zum Paderborn-Spiel völlig unbekannte Argentinier. Der im Sommer nur deshalb seine Transferchance bekam, weil er Mainz 05 mit einem Kunsttor aus der Europaliga geschossen hat. Der kleine Wirbler galt schon als Fehleinkauf.

Beim 1:2 gegen den FC Bayern vor Weihnachten stellte sich de Blasis ins Schaufenster. Seit dem 5:0 gegen den SC Paderborn ist der Argentinier eine Nummer. Für das neu erweckte Umschalt- und Konterspiel der 05er. Das auch in Hannover zum Erfolg führen kann. Aber, das wissen wir ja: Jedes Spiel ist anders, jedes Spiel schreibt eine neue Geschichte, jedes Spiel beschert neue Aufgaben. Ganz so naiv wie der SC Paderborn wird Hannover 96 wahrscheinlich nicht nach vorne rennen.