Rehberg: Steckdose nie gefunden

Julian Baumgartlinger (re.) feuert in Paderborn seine 05-Kollegen an. Mit echten Mainzer Tugenden und unbedingtem Willen soll gegen Hannover 96 der Bock umgestoßen werden. Foto: dpa

Man kann das 0:3 des FSV Mainz 05 in Wolfsburg unter zwei Aspekten betrachten. Man kann sagen: Besser eine derbe Beinahe-Klatsche nach schlechter Leistung und gegen einen...

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. Den FSV Mainz 05 hat die erste Liganiederlage in dieser Saison ereilt in einer komfortablen Situation. Der sechste Tabellenplatz mit 14 Punkten im Safe. Das produziert keine schlaflosen Nächte wie in Dortmund, in Freiburg oder in Bremen. Und dennoch ist es jetzt hoch interessant zu beobachten, wie Trainer und Spieler mit diesem ersten Misserfolgserlebnis nach punkteträchtigen Wochen umgehen.

0:3 in Wolfsburg gegen eine kontinuierlich verstärkte Mannschaft, die sich gerade aufmacht, einen sportlichen Gegenwert zu liefern für die exorbitant hohen finanziellen Aufwendungen des fußballerischen Wirtschaftsunternehmens innerhalb des Volkswagen-Konzerns, das kann passieren. Man muss die 05er tatsächlich nicht messen am Potenzial des neuen Tabellenzweiten. Aber die Mainzer müssen sich immer messen an den eigenen Ansprüchen, am eigenen Leistungsvermögen, an den in diesen 90 Minuten abgerufenen physischen, spielerischen und taktischen Prinzipien. Und da ist hängen geblieben, dass die Elf von Kasper Hjulmand am vergangenen Sonntag nicht mal in die Nähe des erarbeiteten Basisprogramms gekommen ist.

Man sagt dann gerne: Besser eine einzige derbe Beinahe-Klatsche nach einem kompletten Betriebssystemausfall gegen einen starken Gegner, der gerade einen Lauf hat, als vier Mal hintereinander mit ordentlichen bis guten Leistungen mit 0:1 zu verlieren - wie zuletzt die Dortmunder. Man kann aber auch fragen: Woher rührte die Tatsache, dass die 05er in Wolfsburg nie die Steckdose fanden für ihr Stromkabel?

Erinnerungen an Tripolis und Chemnitz

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Zunächst einmal hat sich gezeigt, dass zuverlässige, leidenschaftlich Bälle fressende und schleppende Mannschaftsarbeiter wie Julian Baumgartlinger und Christoph Moritz sowie das lauffreudige und antrittsschnelle Offensivtalent Jonas Hofmann an diesem Tag nicht auf ähnlichem Niveau zu ersetzen waren. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Baumgartlinger dem Wolfsburger Umschaltkünstler Kevin de Bruyne zumindest in den Mittelfeldzonen nicht so viele einfach zu behandelnden Ballkontakte gestattet hätte. Der aggressive Moritz sicher auch nicht. Und der ballsichere Hofmann hätte womöglich in den vorderen Regionen mehr Aktionen durchgezogen als das an diesem Tag den fehlerhaften Filip Djuricic, Shinji Okazaki und Sami Allagui gelungen ist. Diese Analyse spricht zunächst einmal für die Klasse von Baumgartlinger, Moritz und Hofmann. Dass hinter Leistungsträgern und Führungspersönlichkeiten ein Gefälle besteht, auch deshalb, weil die Ersatzleute bis dahin weniger Matchpraxis gesammelt und weniger Überzeugung aufgebaut haben, das ist durchaus normal.

Was aber irritierte, das war die miserable Passquote, die miserable Raumaufteilung, die fehlende Defensivorganisation nach Ballverlusten in den Mittelfeldregionen, insgesamt die fehlende individuelle und kollektive Überzeugung. Und dazu kam das taktische Chaos in der Schlussviertelstunde, als das von Hjulmand nach 62 Minuten neu strukturierte Gerüst völlig zusammenbrach. Eines hat sich da deutlich gezeigt: Wenn die 05er in den relevanten Zonen nicht in Überzahl verteidigen, dann gehen riesige Räume auf. Oder anders ausgedrückt: Defensive Sicherheit hat dieses Team nur in einem geschlossenen, engmaschigen und vielbeinigen Abwehrblock. Dann darf der Gegner ruhig mal am Flügel durchbrechen, im Zentrum verteidigen vier, fünf, sechs Mann die Flanken. In Situationen aber, in denen nach schnellen gegnerischen Umschaltzügen nur die beiden Innenverteidiger den eigenen Strafraum bewachen, wird es gefährlich. Manche Großchance der Wolfsburger erinnerte stark an die Gegentore in der Europaliga in Tripolis oder im DFB-Pokal beim 5:5 nach 120 Minuten in Chemnitz.

Bremen wählt Mainz-Modell

Das Fehlermuster: Die gegnerischen Passgeber stehen in relevanten Zonen nicht unter Druck. Ein Dauerpressing ist Hjulmand zu unruhig, das gewünschte situationsangemessene Pressing und Gegenpressing aber hat noch keine verlässlichen Automatismen. Das hat sich übrigens auch schon in Spielen wie beim 1:1 in Gladbach oder beim 2:1 in der Coface Arena gegen den FC Augsburg angedeutet. Und diese Mängel potenzieren sich, wenn sich die Elf im eigenen Ballbesitz viele leichte Ballverluste leistet.

Nun kommt Werder Bremen in die Arena. Der Tabellenletzte. Dem, wenn man so will, der Ex-05er Anthony Ujah mit seinem 1:0-Siegtor für die Kölner im Weser-Stadion den wankenden Trainer Robin Dutt abgeklemmt hat. Nachfolger Viktor Skripnik hat sein Debüt im DFB-Pokal: in Chemnitz. Also genau dort, wo die Mainzer nach fünf Gegentoren nachdenklich wurden und fortan der Defensivorganisation mehr Beachtung schenkten. Die Bremer haben bei der Neubesetzung des Trainerstuhls das "Mainz-Modell" gewählt, ein Übungsleiter aus den eigenen Reihen soll die Klubideen umsetzen, so wie das Jürgen Klopp und Thomas Tuchel am Bruchweg beispielhaft vorgemacht haben. Ab Samstag muss sich Skripnik, der frühere Linksverteidiger und Nachwuchstrainer, in der Bundesliga bewähren an der Seite von Ex-Star Torsten Frings - erstmals beim Trendsetter in Mainz. Sehr interessant.

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Heinz Müller im Glück

Ausgesprochen interessant ist auch der Weg der beiden im Sommer am Bruchweg abgewanderten Torhüterveteranen Christian Wetklo und Heinz Müller. Wetklo sitzt inzwischen bei seinem Heimat- und Lieblingsklub FC Schalke 04 auf der Bank. Und Müller trainiert ab sofort - in einem abrufbereiten Praktikantenstatus - beim großen FC Bayern München. Unter Pep Guardiola. Und als Partner des weltbesten Keepers Manuel Neuer. Ist das nicht herrlich? Die 05er sind glücklich mit dem jungen Loris Karius - und die abgelösten Oldtimer fallen im Winter ihrer Karriere fast von der Wohnzimmercouch aus noch mal die Treppe hinauf. Das sei den beiden verdienstvollen Ex-05ern gegönnt.

Beziehungen sind das halbe Leben. Hätte Neuers Torwarttrainer Toni Tapalovic nicht 2010/11 mal einen Vertrag in Mainz gehabt, als er Pech hatte und fast nur damit beschäftigt war, einen in einem Testspiel erlittenen Kreuzbandriss auszukurieren, wäre Müller jetzt sicher nicht in München gelandet. Hätte sich Wetklo in diesem Moment noch zu Hause auf dem Sofa geräkelt, dann hätte e r wohl die Praktikantenstelle bei Pep bekommen. Denn Neuer, Tapalovic und Wetklo haben sich schon in gemeinsamen Gelsenkirchener Tagen kennen- und schätzengelernt. Nun badet Heinz Müller im Glück. Der wollte mit seinen 36 Jahren schon eine Rennfahrerkarriere beginnen nach guten Zeiten bei Testfahrten auf dem Hockenheimring. Feuerwehrmann für die verletzten Pepe Reina und Tom Starke an der Säbener Straße dürften dem gebürtigen Frankfurter allerdings mehr Spaß machen. Und wahrscheinlich auch ein paar mehr Scheine aufs Konto spülen. Ein Praktikant in München schnappt sicher mehr als 15 bis 150 Euro im Monat.