Rehberg: Spitzenfußball auf dem Weg ins Parallel-Universum

Laut Karl-Heinz Rummenigge ist ein Ausstieg des FC Bayern München aus der Bundesliga nicht geplant. Foto: dpa

Beim Versuch der Gründung einer europäischen Super League scheint es zwei Denkmodelle zu geben: Ausstieg der 14 bis 17 Spitzenclubs aus der jeweiligen nationalen Liga oder ein...

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. In abgedunkelten und schallsicheren Hinterzimmern sitzen Vertreter der finanzkräftigsten und mächtigsten europäischen Klubs zusammen und diskutieren - unter Ausschluss der Öffentlichkeit und unter Ausschluss der breiten Masse konkurrierender Klubs - die Privatisierung des europäischen Spitzenfußballs. Also die Abnabelung von den von nationalen und kontinentalen Verbänden organisierten Wettbewerben. Das ist der Kern jener Daten, die die Whistleblower von Football Leaks dem internationalen Rechercheteam „European Investigative Collaborations“ zuletzt zugespielt haben.

Das Polit-Magazin „Der Spiegel“ nennt das einen aus sieben Klubs bestehenden Geheimbund. Die Idee: Gründung einer Firma, die unabhängig von der Uefa und unabhängig von den nationalen Verbänden eine europäische Super League ausspielt. Mit der Aussicht, dass eine entsprechende Vermarktung jedem Super-League-Klub pro Saison bis zu 500 Millionen Euro aufs Konto schießt.

Zwei Modelle

Dazu gibt es offenbar zwei Denkmodelle. Erste Option: Diese 14 bis 17 Spitzenklubs, die an der Super League teilnehmen dürfen, steigen aus ihren jeweiligen nationalen Ligen aus. Zweite Option: Die Super League wird ausgespielt parallel zu den nationalen Wettbewerben inklusive der jeweiligen Spitzenklubs; die Super League würde demnach die Champions League ersetzen.

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Der FC Bayern, der mit dem für den Klub als Chefjustiziar tätigen Michael Gerlinger einen Verhandlungsführer im Geheimbund sitzen hat, lässt durch Karl-Heinz Rummenigge erklären: Ein Ausstieg des FCB aus der Bundesliga sei nicht geplant. Hans-Joachim Watzke, Vorstandboss von Borussia Dortmund, hat (etwas deutlicher) verlauten lassen: Für den BVB sei alles denkbar, über alles müsse nachgedacht werden – der Ausstieg aus der Bundesliga aber sei die Rote Linie, die der BVB niemals übertreten werde.

Unüberschaubares Risiko

Natürlich wird in diesem Milliarden-Geschäft gelogen, dass sich die Balken biegen. Ob in diesen Fällen auch, das wissen wir nicht. Womöglich ist das Thema „Ausstieg aus den nationalen Ligen“ nur eine Drohkulisse der Reichen und Mächtigen, die gegenüber der Uefa eine gravierende Reformierung der Champions League durchsetzen wollen. Das Ziel: Mehr Einfluss, weniger Teilnehmer an der CL plus Wochenend-Termine – und damit wesentlich mehr Garantiekohle für einige wenige Spitzenklubs.

Spielen wir die beiden genannten Optionen mal durch.

Die nationalen Wettbewerbe in England, Spanien, Italien und Deutschland würden durch den Verlust ihrer in eine „Europaliga“ abgewanderten Branchenriesen abgewertet zu einer Zweiten Liga. Ein Deutscher Meister, der sich nicht mehr gegen Bayern München und/oder Borussia Dortmund durchsetzen müsste, wäre ein Meister zweiter Klasse. Die Bundesliga würde an wirtschaftlichem/sportlichem Wert und an Zuschauerinteresse verlieren. Traditionalisten mögen darin eventuell sogar die Chance eines Reinigungsprozesses erkennen. Das Risiko, das darin steckt, ist jedoch unüberschaubar.

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Eine „Europaliga“ inklusive einer Playoff-Endrunde mit Halbfinale und Finale als Ersatz für die Champions League, ausgespielt parallel zu den unangetastet bleibenden nationalen Ligen, wäre natürlich denkbar. Der Pferdefuß: Die 14 bis 18 Teilnehmer an der „Europaliga“ würden noch reicher werden, und zwar so reich, dass sie in ihren Heimatligen gar keine Konkurrenz mehr fürchten müssten. Oder es würde die Gefahr bestehen, dass unter der Marke FC Bayern München, Manchester City, FC Liverpool, FC Barcelona, Real Madrid oder Juventus Turin in den nationalen Ligen oft nur noch B-Teams auflaufen, für die sich kein Mensch mehr begeistern kann.

Der Spitzenfußball auf dem Weg ins Parallel-Universum – dieser Prozess dürfte sich nicht mehr aufhalten lassen. Dass Fifa-Präsident Gianni Infantino sich darüber hinaus längst für die Aushöhlung des Financial Fair Play eingesetzt hat im Sinne einiger von Eigentümern geführten Spitzenklubs, das ist ein Skandal. Der mächtigste Verband auf diesem Erdball hat sich auf der Chefetage in Abhängigkeit der Reichen und Mächtigen begeben. Sepp Blatter lässt grüßen.