Rehberg: Sonntags kann Hoffenheim nicht gewinnen - oder?

Hoffenheim-Trainer Julian Nagelsmann setzt auf muntere Offensive. Foto: dpa

Sonntags kann die TSG Hoffenheim nicht gewinnen. Aber auf diesen Trend, den so genannten Sonntagsfluch, sollten Trainer Martin Schmidt und der 1. FSV Mainz 05 nicht bauen. Das...

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. An der Börse heißt es: The trend ist your friend. Auch im Fußball? Manchmal ja, manchmal nein. Sonntags kann die TSG Hoffenheim nicht gewinnen. Dieser Trend ist statistisch belegbar. Seit Dezember 2014 hat der Mäzenatenklub in der Bundesliga von zehn Sonntagsspielen nicht ein einziges für sich entschieden. Noch gravierender: Die TSG hat von diesen zehn Spielen sogar acht verloren.

Am kommenden Sonntag tritt die Mannschaft des jungen Trainers Julian Nagelsmann in der Mainzer Opel Arena an. Der Kollege Martin Schmidt wird nicht viel Wert legen auf diesen Trend. Der 05-Chefcoach wird sich aber sehr aufmerksam das Hoffenheimer Startspiel in der Sinsheimer Arena gegen die von einem noch reicheren Unternehmer noch fürstlicher alimentierten Rasenballspieler aus Leipzig angeschaut haben. Nur nebenbei: Das war auch an einem Sonntag - und da zerstörte der Leipziger Marcel Sabitzer mit seinem Treffer zum 2:2 den Gastgebern Sekunden vor dem Abpfiff den Traum vom Ende des „Sonntagfluchs“.

Hoffenheim nicht seelisch zerfleddert

Die Hoffenheimer werden jetzt nicht seelisch zerfleddert in Mainz auflaufen. Aber man weiß: Diese Serien nerven. Solche „Fluch-Geschichten“ werden in der Kabine diskutiert, die dem Aberglaube nicht abgeneigten Fußballer beschäftigen sich zur Ablenkung heimlich mit ihren Glücksbringern, die Zeitungen stürzen sich hungrig auf diese Statistikstories – und die Trainer machen meistens einen arg gekünstelt wirkenden Bogen um diese eher weichen Faktoren, hinten raus gerne garniert mit einem möglichst lässigen Witz. Die Mainzer werden sich in der zweiten Runde des DFB-Pokals wieder mit ihrem „Fürth-Fluch“ beschäftigen. Die Hoffenheimer haben ihren „Sonntag-Fluch“. Lustig.

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Eine Erkenntnis dürfte Martin Schmidt aber wesentlich intensiver beschäftigen: Ein stabiles Gerüst haben die Hoffenheimer an diesem ersten Spieltag grundsätzlich noch nicht präsentiert. Der erst 28 Jahre alte Nagelsmann, im Vorjahr der gefeierte Retter im Abstiegskampf, liebt das Risiko. Was gegen die Leipziger dazu geführt hat, dass die Hoffenheimer in der ersten Halbzeit hinten offen waren wie das berühmte Scheunentor. Torhüter Oliver Baumann rettete der - nahezu mit allen Mann ungestüm nach vorn rennenden und in der Mittelfeldzentrale defensiv überhaupt nicht gut organisierten - TSG mit einigen großen Paraden das Pausen-0:0.

Ohne Absicherung nach vorne gesprintet

Dann stellte Nagelsmann um. Der als alleiniger Sechser überforderte Sommerzugang Kevin Vogt blieb draußen. Der Schweizer Nationalspieler Pirmin Schwegler kam rein. Das war sowohl ein Gewinn für den Spielaufbau, als auch für die zumindest verbesserte Eindämmung der Leipziger Umschaltzüge. Aber in der 90. Minute, bei eigener 2:1-Führung, fingen sich die Hoffenheimer auf ihrer linken Abwehrseite doch noch einen Konter ein.

Die Schwäche der Nagelsmann-Elf lag in der defensiven Umschaltung. Die Außenverteidiger Pavel Kadarabek und Philipp Ochs sprinteten zumeist ohne Absicherung nach vorne. Das galt lange Zeit auch für die seitlich neben Vogt positionierten Mittelfeldspieler Sebastian Rudy und Lukas Rupp (Sommerzugang vom VfB Stuttgart). Die Flügelstürmer Mark Uth und Andrej Kramaric liefen phasenweise zwar aggressiv an, doch sobald diese Linie überspielt war, boten sich den Leipzigern riesige Räume. Den Rückwärtsgang schalteten Uth und Kramaric nur selten ein. Das Motto von Nagelsmann: Wer nach vorne Dampf machen will, der braucht viel Personal im Angriffsdrittel.

Umschaltoptionen gegen munter stürmende Kraichgauer

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Sollten die Hoffenheimer auch in der Opel Arena derart munter nach vorne rennen, dann werden die 05er genügend offensive Umschaltmöglichkeiten bekommen. Entscheidet sich der ausgesprochen selbstbewusst auftretende Nagelsmann, der als ganz junger Kerl im Augsburger Nachwuchsleistungszentrum von Thomas Tuchel gelernt hat, am zweiten Spieltag für einen vorsichtigeren Ansatz, dann beraubt er seine Mannschaft womöglich ihrer ureigenen Stärken. Die liegen in der Offensive. Wobei der neu verpflichtete Mittelstürmer Sandro Wagner im Startspiel noch überhaupt nicht zur Geltung kam. Der Mann der großen Worte, der die Überzeugung pflegt, Fußballprofis würden viel zu wenig Geld verdienen, ist nun mal eher ein Zentrumsstürmer, der Raum benötigt. Gegen die Leipziger stellten sich die Hoffenheimer in ihrem 4-3-3 die Räume aber oft selbst zu. Wagner, der geschickt agiert mit dem Rücken zum Tor, war nie der Zielspieler, den sich Nagelsmann gewünscht hat. Dass deshalb der ein Schattendasein führende Ex-05er Adam Szalai noch mal eine Chance bekommt, das ist nahezu ausgeschlossen. Und das gilt wohl auch für den Ex-05er Eugen Polanski.

Mit Silbermedaillengewinner im Abwehr-Zentrum

Einen neuen Nationalspieler haben die Hoffenheimer. Niklas Süle. Der Innenverteidiger hat jüngst unter Jogi Löw debütiert. Beim Schweinsteiger-Abschieds-2:0 gegen Finnland. Der 21-Jährige spielte als Bub bei RW Walldorf. Dann wechselte er zur Frankfurter Eintracht. Doch die konnte mit dem stämmigen und unbeweglichen Kerl nicht viel anfangen. Die Eltern meldeten ihren Sohn schließlich in der C-Jugend des SV Darmstadt 98 an. Nach einem halben Jahr bei den Lilien wechselte Süle in die U15 der TSG Hoffenheim. Von da an ging es steil bergauf. Als U17-Nationalspieler erreichte er mit der DFB-Elf 2012 beim EM-Turnier in Slowenien das Finale. Da stand er bereits im Regionalligakader der Hoffenheimer U23. Als 18-Jähriger debütierte er in der Bundesliga. Bei den Olympischen Spielen in Rio war Niklas Süle der Abwehrchef der deutschen Silbermedaillen-Mannschaft. Ein physisch beeindruckender 1,94-Meter-Brocken, robust im Zweikampf, überragend im Kopfballspiel, flott auf den Füßen – aber zuweilen etwas betont lässig im Stellungsspiel. Da kündigen sich spannende Duelle an zwischen Süle und 05-Mittelstürmer Jhon Cordoba. Dazu mehr im morgigen Blog.