Rehberg: So läuft es bei Mainz 05 ohne Malli

Einst Gegner, dann Teamkollegen, ab sofort wieder Gegner: Yunus Malli (rechts) und Leon Balogun. Archivfoto: dpa

Mainz 05 hatte keine andere Wahl, als Yunus Malli ziehen zu lassen. Warum, das erklärt unser Experte Reinhard Rehberg. Er hat den 25-Jährigen von seinen ersten 05-Momenten bis...

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. „Mainz-Star nach Wolfsburg!“ Das war am Donnerstag eine der ersten fetten Überschriften im Internet, nachdem der Winterwechsel von Yunus Malli vom abgebenden Verein offiziell bestätigt worden war. Der türkische Nationalspieler hat am Bruchweg immer zwiespältige Gefühle geweckt. Auch in diesem Fall. War Malli der Star dieser Mannschaft? Und schon steckt man mitten drin in einer Diskussion, die man endlos führen kann. Eine insgesamt sehr komplexe Angelegenheit.

Demandts Prophezeiung

Die 05er geben für viel Geld - 12,5 Millionen Euro Ablöse plus Bonus-Optionen - einen Offensivspieler ab, der vor fünfeinhalb Jahren ablösefrei aus der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach gekommen ist. Die wurde damals trainiert von Sven Demandt. Der einstige 05-Torjäger sagte mir damals auf Nachfrage: „Yunus wird ein Bundesligaspieler. Ein Spitzenspieler wird er dann, wenn er zwei Dinge an sich verändert: Er muss sein Phlegma besiegen und eine andere Körpersprache lernen.“

Malli war damals 19 Jahre alt. In der Sommer-Vorbereitung 2011/12 in Österreich lief er erstmals unter Thomas Tuchel auf. In Schladming. Auf einem Sportplatz unterhalb der berühmten Ski-Abfahrtsstrecke „Planai“. Malli hatte als leichtfüßiger Techniker ein paar sehr gute Szenen gegen eine russische Mannschaft. Und wir bekamen auch direkt eine Ahnung davon, was Demandt angedeutet hatte. Viel Talent, überschaubares Temperament. Für Manager Christian Heidel war Malli ein klassischer Mehrwertspieler: Günstig im Einkauf - Entwicklungspotenzial für einen hohen Verkaufsgewinn.

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29 Tore und 18 Torvorlagen

Fünfeinhalb Jahre später ist es so weit. 129 Bundesligaspiele hat Malli in dieser Zeit bestritten für die 05er, er hat 29 Tore geschossen und 18 Torvorlagen geliefert. Effizienter war kein anderer Mainzer Profi in diesen inzwischen zehneinhalb Spielzeiten des Klubs in der Eliteliga. Malli war tatsächlich läuferisch und spielerisch so gut, dass er trotz seines Phlegmas, das er nie ablegen konnte, ein veritabler Bundesligaspieler geworden ist. Der dem Klub nun auch die erhofften Mehrwertmillionen in die Kasse spült.

Ein Spitzenspieler für den internationalen Markt ist der Deutschtürke aus Kassel nicht geworden. Malli hat sich spielerisch zu einem „Szenenspieler“ entwickelt. Das sind jene Profis, die mit wenigen Topaktionen einen massiven Einfluss auf das Ergebnis ihrer Mannschaft haben – die an Tagen ohne Topaktionen aber auch mal „nur“ mitlaufen. Gegen den Ball ist das dann immer noch eine Qualität. Mit Ball nur bedingt. Schauen wir auf das vergangene halbe Jahr. Sechs Tore und sieben Torvorlagen weisen für Malli eine prächtige Bilanz aus. Zieht man von den Toren drei verwandelte Elfmeter ab und zieht man von den Assists vier Situationen als Eckballschütze und eine Glücksvorlage für Danny Latza ab, dann relativiert sich die Leistungseffektivität. Dann bleiben aus dem Spiel heraus stehen: Drei Tore, ein selbst erarbeiteter (und verwandelter) Strafstoß sowie der Steilpass auf Jhon Cordoba beim 1:0 gegen den FC Bayern. Überschaubar. Mallis Rückrunde 2015/16 war flau.

An „Szenenspielern“ werden sich immer die Geister scheiden. Aber wir halten fest: Yunus Malli war für die 05er mit seiner Ballfertigkeit und mit seinen Tempodribblings ein großartiger Fußballer und darüber hinaus ein einwandfreier Charakter mit Gemeinschaftssinn.

Kann er Draxler-Lücke schließen?

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Fußballerisch geht da ein Unvollendeter. Der nun in Wolfsburg die Lücke schließen soll, die der nach Paris gewechselte „Stimmungs-Dribbler“ Julian Draxler hinterlassen hat. Man hätte, das ist jetzt eine sehr persönliche Anmerkung, Malli eine Zukunft bei Borussia Dortmund gegönnt. Diese Chance tat sich vor einem Jahr auf. Nun ist es Wolfsburg. Der Spieler, der demnächst 25 Jahre alt wird, wollte diese finanzielle Aufstiegschance unbedingt wahrnehmen; er wird sein Mainzer Gehalt locker verdreifachen, er hat für die Zukunft ausgesorgt. Alles in Ordnung. Sportlich verändert sich das einstige Riesentalent in den Abstiegskampf. Bei einem Klub, der in Folge des VW-Diesel-Skandals künftig nicht mehr am Riesenrad drehen wird. Malli benötigt Nestwärme. Da mag der VfL Wolfsburg nur bedingt der richtige Ort sein.

Wirtschaftlich betrachtet hatten die 05er diesmal gar keine andere Wahl. Mallis Vertrag wäre im Sommer 2018 ausgelaufen. Chancen auf eine vorzeitige Verlängerung bestanden überhaupt nicht. Sein Management hat für die Zukunft Gehaltsvorstellungen signalisiert, die den Rahmen von Mainz 05 eindeutig sprengen. Ein Jahressalär von zwei Millionen Euro und darüber hinaus wird dieser Klub auch in den nächsten zwei, drei Spielzeiten nicht zahlen. Jetzt lag die 12,5-Millionen-Einnahme auf dem Tisch. Addiert man die Transferentschädigungen für Julian Baumgartlinger, Loris Karius und zuletzt Christian Clemens auf, dann decken sich die Ausgaben vom Sommer 2016 (rund 25 Millionen) schon fast wieder mit den Einnahmen. Das nennt man eine seriöse und verantwortungsvolle Finanzpolitik.

Sportlich wird es in Mainz niemals den Verkauf eines Leistungsträgers geben, der nicht auch ein Risiko birgt. Malli hinterlässt als torgefährlicher Umschaltzehner und Eckenspezialist selbstverständlich eine Lücke im System von Martin Schmidt. Auf dem Transfermarkt bis Ende Januar für drei, vier, fünf Millionen Euro Ablöse einen ähnlichen Spielertypen zu finden, der sofort eine Startelfoption ist, wäre ein Glücksfall.

Der aktuelle Kader bietet Kompensationsmöglichkeiten. Yoshinori Muto kann auf seine eigene Art aus der Zehnerposition heraus Torgefahr entwickeln. Jairo hat technisch, in der Leichtfüßigkeit, in der Dribbelqualität und in der Passkreativität grundsätzlich das Paket am Start, ein zentraler Umschaltspieler zu werden. José Rodriguez hat aus einer etwas tieferen Position heraus Spielmacherqualitäten. In einer defensiveren Rolle wäre auch Fabian Frei denkbar. Und natürlich hat Schmidt die Option, die anstehende Rückrunde im flachen 4-4-2 zu spielen: Zwei bewegliche Sturmspitzen, zwei in beide Richtungen hart schuftende Außenbahnsprinter, dazu im Zentrum zwei kampf- und spielstarke Sechser. Das gibt der Kader her.