Rehberg: So funktioniert das Spiel nun mal

Drei Tore, drei Punkte. Marco Reus. Foto: dpa

Lustvoll hat Hans-Joachim Watzke vor dem Bundesligagipfel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund in den Medien die Karte "Marco Reus" gespielt. Der Borussia-Boss...

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. Das Getöse vor dem Bundesligagipfel zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund war laut. Diesmal hat Hans-Joachim Watzke lustvoll an der medialen Schraube gedreht. Das hat der Geschäftsführer der Dortmunder KgaA nicht ganz ungeschickt gemacht. Mit betonter Gelassenheit hat er wirkungsvoll den möglichen Transferfall Marco Reus medial platziert und unter Dampf gehalten, das hat abgelenkt von hausinternen Problemen rund um den Borsigplatz. Obwohl der Vorwurf, der FC Bayern habe die Ausstiegsklausel des Dortmunder Offensivstars absichtlich in die Öffentlichkeit getragen, um Unruhe zu stiften und den direkten Konkurrenten damit zu schwächen, leicht abgestanden, schon vor Wochen abgearbeitet war.

Schauen wir mal genauer hin. Einen schlechten Stil im Umgang miteinander wirft Watzke dem Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge vor. Das kann man so stehen lassen. Und damit hat es sich auch. Dass Marco Reus demnächst möglicherweise für einen anderen Klub spielt, vielleicht für den FC Bayern, das ist überhaupt keine Besonderheit. Und das bietet auch keinen Anlass für gegenseitige Vorwürfe. Denn ansonsten könnten sich demnächst sämtliche Klubchefs und Manager im deutschen Profifußball bekriegen. Tatsächlich ist es so, dass die Nahrungskette auf dem Transfermarkt von oben nach unten funktioniert. Und das war nie anders.

So funktioniert das Spiel

Wo sollte der Branchengigant aus München national Spieler finden, die den Weltauswahlkader von Pep Guardiola besser machen? In der Regel nur beim potenziell zweitstärksten Klub. Der kann diese Abwerbungen nicht verhindern, weil die Bayern die sportliche und wirtschaftliche Macht in diesem Land sind. Der Klub garantiert Riesengehälter und Titel. So weit ist die Borussia noch nicht. Die wiederum bedient sich bei der Auffrischung des eigenen Kaders bei den nächst besseren Klubs. Die Dortmunder haben einst den in der Dortmunder Jugend ausgebildeten Reus per Ausstiegsklausel für 17 Millionen Euro Ablöse Borussia Mönchengladbach abgeklemmt. Die Gladbacher haben mit dieser Kohle ihren Kader in der Breite und in der Spitze verstärkt mit Zugängen, die sie wieder den nächststärkeren Klubs abgeworben haben. So funktioniert das Spiel.

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Man hätte nie gehört, dass sich etwa die SpVgg Greuther Fürth, einer der besten Ausbildungsvereine in der Zweiten Liga, darüber beschwert hätte, dass der wirtschaftlich seit einigen Jahren weit enteilte FSV Mainz 05 dort expansiv einkauft: Marco Caligiuri, Nicolai Müller, Johannes Geis, Daniel Brosinski, veranlagte Spieler, die die Fürther sicher nicht gerne abgegeben haben. Nein, die Mainzer können besser bezahlen - und sie können den Spielern sportlich mehr bieten: Bundesliga, individuelle Weiterentwicklungsmöglichkeiten in einem interessanten Schaufenster für den angestrebten nächsten Schritt. Dann kann der Hamburger SV irgendwann einem in Mainz zum Nationalspieler avancierten Müller das Gehalt verdoppeln, weg ist er. Das wird beim jungen Geis eines nicht fernen Tages nicht anders funktionieren, da werden dann Schalke 04, Bayer Leverkusen oder der VfL Wolfsburg auf der Matte stehen.

Alles nur Normalität

Jürgen Klopp hatte mal den Gedanken: Man kann den FC Bayern trainieren - oder man kann einen starken Gegenpol zu den Bayern schaffen. Das hat der einstige 05-Kulttrainer mit überragender Arbeit in Dortmund geschafft. Auferstanden aus Ruinen: Der damals am Boden liegende Ruhrpottklub ist inzwischen wirtschaftlich die Nummer zwei in der Bundesliga. Sportlich? Zweimal Deutscher Meister, einmal DFB-Pokalsieger und dazu ein Champions-League-Finale. Das hat den Klassenkrösus gereizt. Der schlägt jetzt zurück. Mit gewaltigen Anstrengungen, die auch Spieler vom national stärksten Konkurrenten einbeziehen. Wie nennt man das? Normalität. Warum? Weil die Borussia eben wirtschaftlich "nur" die Nummer zwei ist - und das wahrscheinlich auch noch drei, vier, fünf Jahre bleiben wird.

Darüber hinaus wird gerne so getan, als würde hier Spielern der Kopf verdreht mit unmoralischen Angeboten, als würden Spieler in Handschellen und bewacht von einem Überfallkommando gegen ihren Willen zu einem neuen Klub verschleppt. Warum hat sich Reus von seinen Beratern jene Ausstiegsklausel in seinen Dortmunder Vertrag hineinverhandeln lassen? Weil sich der in Dortmund geborene und aufgewachsene Kohlenpottjunge die Möglichkeit eines sportlichen und finanziellen Aufstiegs offen halten wollte. Und jetzt telefoniert Reus mit seinem alten Kumpel Mario Götze, der erzählt, dass es ganz nett ist in München und beim Pep und in diesem Weltklassekader.

Keine unbegrenzte Heimatliebe

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Der Berater übermittelt seinem Schützling Reus, dass der Spieler in München für einen Vier-Jahres-Vertrag schlappe 50 Millionen Euro an Gehalt schnappen kann (ohne Prämien) - das dürfte mal locker 20 Millionen über der nächsten Offerte der Borussia angesiedelt sein. Und dann sitzt der Spieler zu Hause auf dem Sofa und fällt seelenruhig seine ureigene Entscheidung. Was nicht ausschließt, dass Reus am Ende vielleicht auch bei einem der noch besser zahlenden Großklubs in Manchester landet.

Die Dortmunder hätten damals jene Ausstiegsklausel womöglich nur verhindern können, wenn sie Reus direkt zehn Millionen pro Jahr überwiesen hätten. Aber das hätte das Gehaltsgefüge im Klub gesprengt. Unbegrenzte Heimatliebe muss man dem jungen Nationalspieler also nicht unbedingt unterstellen bei den damaligen Verhandlungen. Reus wusste immer, dass es noch drei, vier nachhaltig potentere Klubs gibt in Europa. Die Borussia kann da aufholen, vielleicht sogar auch aufschließen - aber in diesem Moment ist es noch nicht so weit. Und das weiß auch Hans-Joachim Watzke.

Nicht viel Fleisch am Knochen

Dass der Dortmunder Klubchef dennoch die "Reus-Karte" gespielt hat vor dem Spitzenspiel in München, das hatte einen emotional aufwiegelnden Unterhaltungswert, sachlich-fachlich war da nicht viel Fleisch am Knochen. Und wahrscheinlich haben die Borussia-Scouts den möglichen Nachfolger schon unter Beobachtung. Etwa den begnadeten Pressingstürmer Karim Bellarabi von Bayer Leverkusen? Oder Kevin de Bruyne und Daniel Caligiuri vom VfL Wolfsburg? Entsprechende Offerten wären moralisch nicht verwerflich. Wenn sich die angegrabenen Klubs wirtschaftlich wehren können, dann werden sie es versuchen.

Und sollten sogar entsprechende Ausstiegsklauseln einen Wechsel möglich machen, dann fällen die Spieler ihre ureigene Entscheidung. Dass die beteiligten Berater nur dann das ganz große Geld machen, wenn ihre Stars transferiert werden, das kommt in diesen Fällen noch oben drauf. Der Reus-Agent wird sich schon genüsslich die Hände reiben und an Argumenten für einen baldigen Wechsel feilen. Und: Von wem wird Rummenigge wohl die Konditionen der heiß diskutierten Ausstiegsklausel erfahren haben?