Rehberg: Sind Mainz und Hoffenheim auf Augenhöhe?

Mainzer Spieler beim Jubeln. Foto: dpa

Der nächste Gegner von Mainz 05 heißt Hoffenheim. Beide Teams liegen nach Punkten und Toren derzeit gleichauf. Und das lässt erahnen: Die TSG Hoffenheim wird ein zumindest...

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. Seit zwei Jahrzehnten trägt den FSV Mainz 05 das Etikett Karnevalsverein. Das ist nett gemeint, das ist putzig, lustig, wenig aggressiv, ins Stadion strömen fröhliche Menschen, insbesondere viele Familien - und Pfeifkonzerte oder gar wütende Proteste gibt es selten bis nie. Etwas untergegangen ist dabei, dass der Klub eine Marke ist auf einer ganz anderen Ebene: Da spielen Mannschaften, die seit dem ersten Bundesligaaufstieg im Jahr 2004 nahezu durchgehend taktisch auf einem bemerkenswert hohen Niveau anzusiedeln sind. Und dafür stehen Trainernamen: Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Und nun schickt sich gerade Kasper Hjulmand an, diese Tradition, und das ist für einen Klub mit wirtschaftlich bestenfalls mittelprächtigen Möglichkeiten keine Selbstverständlichkeit, fortzuführen.

An diesem Freitagabend empfängt das noch ungeschlagene Hjulmand-Team am 6. Spieltag als Tabellenvierter die nach Punkten und Toren gleichauf liegende TSG Hoffenheim. Das hat sich nach dem misslungenen Start des neuen Mainzer Trainers in der Europaliga und im DFB-Pokal in dieser Güte nicht abgezeichnet. Ob dieses Ergebnis-Hoch anhält, das lässt sich auch noch nicht sagen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Däne auch gegen die Hoffenheimer wieder einen passenden Matchplan am Start hat, ist hoch. Da hat ein beachtlicher Entwicklungsprozess begonnen mit einem fachlich profunden und findigen Trainer und mit einem qualitativ breit aufgestellten Kader.

Vernünftige Basis vorhanden

Die Sorgen, die neue Trainercrew könnte das ewige Abenteuer Bundesliga ein wenig naiv, zu sehr ausgerichtet auf die Ballbesitzanteile angehen, haben sich zerstreut. Das 05-Team hat die beachtlichen neun Punkte aus fünf Spielen sowie das aussagekräftige Torverhältnis von 7:3 Leistungen zu verdanken, die in einigen Bereichen noch weit entfernt waren von Perfektion auf Mainzer Niveau, die aber Startpragmatismus, defensive Stabilität und Abschlusseffizienz, ausgestrahlt haben. Das ist eine vernünftige Basis, die den Anhängern Lust auf Mehr machen kann.

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Die TSG Hoffenheim wird ein zumindest gleichwertiger und ausgesprochen unangenehmer Gegner sein. Martin Gisdol hat auf die Vorsaison reagiert. Da stellte seine Mannschaft mit 72 Toren die drittbeste Offensive und mit 70 Gegentreffern die zweitschwächste Defensive. Jetzt geht der junge Trainer die Sache taktisch deutlich vorsichtiger an. Sechs Tore nach vier Spielen waren okay, nur zwei Gegentreffer waren ein sehr guter Wert. Beim jüngsten Heimspiel gegen den SC Freiburg aber lieferte die TSG wieder ein Spektakel ab: 3:3, und das, obwohl Gisdol mit Jannik Vestergaard einen gelernten Innenverteidiger als dritten Mittelfeldsechser eingebaut hatte. Was darauf hindeutet, dass Gisdol in der Coface Arena die Defensivordnung noch mehr betonen wird, ähnlich wie beim 2:0 in Stuttgart, als die Gäste in einem 4-4-1-1-System (mit dem starken Ex-05er Eugen Polanski im Zentrum) sehr massiert verteidigten und nur sparsam (aber sehr effektiv) konterten.

Offensive muss erst in Schwung kommen

Wer eine Baustelle schließt, der macht zuweilen andere Baustellen auf. Richtig in Schwung gekommen ist die letztjährige Prachtoffensive der Hoffenheimer jedenfalls noch nicht wieder. Mittelstürmer Anthony Modeste hat bislang zwei Tore stehen. Adam Szalai, der Ex-05er, der dem bulligen Franzosen Druck machen soll, hat ein Tor stehen. Der virtuose Zehner Roberto Firmino hat erst ein Tor geschossen und eine Torvorlage geliefert. Der schnelle und dribbelstarke Konterstürmer Kevin Volland hat noch gar nicht getroffen.

Die 05er werden wohl einen engmaschigen Defensivblock bespielen und gleichzeitig überfallartige Konter verhindern müssen. Eine mit Ball und gegen den Ball interessante Prüfung für die taktisch flexible Hjulmand-Elf. Die sich, im Vergleich zum 2:2 im Derby bei der Frankfurter Eintracht, im eigenen Ballbesitz wird steigern müssen. Die Aufgabe lautet: Die 05er müssen gegen viele Beine aus einem konstruktiven Positionsaufbau heraus Tempo aufziehen und in den Rücken der gegnerischen Abwehr kommen und Torgefahr produzieren. Das ist mit die schwierigste Herausforderung im heutigen Fußball. Da braucht es durchaus auch Geduld. Und Überzeugung. Und viel Disziplin, um dem Gegner keine großen Umschalträume zu öffnen beim eigenen Versuch, mit viel Aufwand und Personal nach vorne durchzukommen.

Neue Chance für Soto?

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Eine geduldige Mentalität haben die 05-Profis bislang ausgestrahlt. In Berlin, gegen Borussia Dortmund und auch in der ersten Halbzeit in Frankfurt haben die Spieler die gegnerische Dominanz mit einer Seelenruhe ausgehalten. Diesmal wird es womöglich darum gehen, eine Dominanz im eigenen Ballbesitz auszuhalten, auch wenn sich lange Zeit nicht viele Torchancen ergeben. Hjulmand hat ein Faible für die letzte halbe Stunde, da werden für den Dänen die Spiele entschieden, gerade auch in einer anstrengenden englischen Woche. Da macht es sich gut, dass die 05-Bank inzwischen offensiv sehr gut besetzt ist - auch mit unterschiedlichen Stürmertypen.

Über die Startelfnominierung lässt sich mal wieder nur spekulieren. Gut möglich, dass der gegen die Dortmunder starke Arbeiter Christoph Moritz wieder ins Team rückt. Vielleicht sogar als Sechser, vielleicht für Julian Baumgartlinger, der bislang in jedem Spiel ein enormes Pensum abgespult hat mit Laufleistungen jenseits der 12 Kilometer. Aber auch der fleißige und passsichere Elkin Soto könnte mal wieder eine Chance verdient haben, der routinierte Kolumbianer stand allerdings bisher nicht hoch im Kurs beim Trainer.

Auch Jonas Hofmann ist ein unermüdlicher Renner. Auf den 22-Jährigen wird Hjulmand eher nicht verzichten. Der Flügelstürmer, das zeichnet sich ab, hat alle Varianten im Repertoire. Hofmann kann sich in das Kombinationsspiel einbinden, er beherrscht das Tempodribbling und er kann im nächsten Moment ohne Ball den Sprintweg in die Tiefe suchen. Der ideale Zehner wird noch gesucht. Ja-Cheol Koo ist nicht fit. Filip Djuricic ist ein feiner Fußballer, dem es (noch) an Durchsetzungskraft fehlt. Yunus Malli etabliert sich gerade eher als perfekter Einwechselspieler. Keine einfache Entscheidung.