Rehberg: Sind deutsche Teams zu schlecht für Europa?

Jupp Heynckes. Foto: dpa

Kürzlich gab es einen medialen Aufschrei: Oh weh, die Bundesliga ist im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig. Da hatten in einer Europapokalrunde sechs...

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. Kürzlich gab es einen medialen Aufschrei: Oh weh, die Bundesliga ist im internationalen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähig. Da hatten in einer Europapokalrunde sechs deutsche Klubs keinen Sieg errungen. Experten philosophierten darüber, „unseren“ Mannschaften mangele es an Technik, Taktik und Tempo. Und jetzt? Der FC Bayern hat sich unter dem Altmeister Jupp Heynckes erholt, der 3:0-Erfolg in der Champions League gegen Celtic Glasgow geriet überzeugend. RB Leipzig hat den nicht eben schwach besetzten FC Porto in Grund und Boden gespielt beim 3:2 im CL-Heimspiel. Und die TSG Hoffenheim hat in der Europaliga eine mittelprächtige Mannschaft aus Istanbul zerlegt. Alles wieder gut?

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte. In der Runde zuvor hatten die Bayern unter dem lustlos-provokativen Carlo Ancelotti gegen den Wundersturm von Paris St. Germain einen schlechten Abend. Borussia Dortmund hatte gegen den brillant aufspielenden Titelverteidiger Real Madrid keine Chance. Das waren zwei Ereignisse, die passieren. Nachdem der BVB nun in Nikosia nicht über ein 1:1 hinausgekommen ist, sieht es danach aus, dass die Mannschaft von Peter Bosz sich nach der CL-Gruppenphase in der Europaliga verdingen muss. Der internationale Newcomer RB Leipzig hat noch eine reelle Chance, das CL-Achtelfinale zu erreichen. Die Bayern dürften mindestens Zweiter werden in ihrer Gruppe. So ganz schlecht stellt sich die Situation also nicht dar.

In der Euro-League gibt es seit Jahren nichts zu holen

Richtig ist, dass deutsche Mannschaften schon seit Jahren in der Europaliga nicht mehr sehr weit kommen. Da lässt sich vermuten, dass es der ein oder anderen Überraschungsmannschaft aus der Vorsaison an internationaler Erfahrung fehlt. Das sind dann meistens aber auch die Teams, denen in einer Drei-Wettbewerbe-Spielzeit der unerbittliche, extrem ausgeglichene Bundesliga-Wettbewerb wichtiger ist. Das erkennt man zuweilen auch an den Aufstellungen in den Europapokal-Spielen.

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Dass zum Beispiel der 1. FC Köln keine großen Ambitionen mehr hat in seiner Europaliga-Gruppe, das ist verständlich. Die Geißböcke stehen national als Tabellenletzter vor einer knüppelharten Abstiegskampfsaison. Die Zweite Liga wäre für die Kölner sportlich und wirtschaftlich ein gewaltiger Rückschlag. Da tritt der finanziell nicht überragend interessante Euroleague-Wettbewerb in den Hintergrund. Das würde in Köln niemand laut sagen. Auch keiner in Berlin. Bei der TSG Hoffenheim sieht das etwas anders aus. Der Mäzenatenklub aus dem Kraichgau hat finanziell andere Möglichkeiten. Entsprechend hochwertiger und breiter ist der Kader von Trainer Julian Nagelsmann aufgestellt. In Köln und in Berlin arbeiten die Trainer Peter Stöger und Pal Dardei jeweils mit einer Auswahl, die hinter den elf Startelfplätzen nicht mehr viele Spieler ausweist, mit denen sich Europapokalsiege feiern ließen.

In Deutschland wird solide geplant

Und man sollte auch nicht vergessen, dass die deutschen Klubs im internationalen Vergleich wirtschaftlich betrachtet sehr solide planen. Dann sitzen eben auf den Ersatzbänken keine internationalen Topspieler mehr. Bei Paris St. Germain stürmen Neymar, Edinson Cavani und Kylian Mbappé, eingewechselt werden renommierte und hoch bezahlte Nationalspieler wie Angel di Maria und Julian Draxler. Wenn bei den Bayern mal Torjäger Robert Lewandowski müde wird oder gar mal länger ausfallen sollte, dann hätte Heynckes auf dieser Position im internationalen Maßstab keinen adäquaten Ersatzmann. Und das gilt aktuell auch für Arjen Robben: So lange der junge Kingsley Coman den verletzten Franck Ribéry ersetzen muss, so lange hat der Trainer nicht einen einzigen torgefährlichen Flügelstürmer auf der Bank.

Wirtschaftliche Vernunft sollte man den deutschen Klubs dennoch niemals zum Vorwurf machen. Im Umkehrschluss heißt das: Auch in den nächsten zwei, drei Jahren werden die internationalen Titel eher an die von Milliardären gepamperten Klubs aus England, Spanien oder Italien gehen.