Rehberg: Schmidts Spielweise sorgt nicht für Begeisterung

Wie geht es weiter mit Mainz 05-Trainer Martin Schmidt? Foto: dpa

Obwohl die aktuelle Saison noch gar nicht beendet ist, haben nun schon die Diskussionen begonnen, wie die Leistungen von Mainz 05-Trainer Martin Schmidt und die seiner...

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. Ein wenig ist das untergegangen am dramatischen vorletzten Bundesliga-Spieltag: Rechnerisch haben die 05er die Rettung noch nicht geschafft. Aber wir wollen jetzt keine Mathematikstunde abhalten. Das nervt und ist ermüdend. Beschränken wir uns vor der letzten Etappe des Abstiegskampf-Endturniers auf die einzige Konstellation, die den Klub noch auf den Relegationsrang zurückwerfen könnte: Nur wenn die Mainzer an ihrem Finaltag in Köln höher als 0:9 verlieren (respektive höher als 1:10 oder 2:11 oder 3:12…), können die Ergebnisse der Partien Hamburger SV - VfL Wolfsburg und TSG Hoffenheim - FC Augsburg noch interessant werden.

Quizfrage, nur so als Spielerei: Wie viele Ergebnisse mit diesem gewaltigen Torunterschied gab es seit Gründung der Bundesliga im Jahr 1963? Genau sechs. In 54 Spielzeiten. Im Detail: Borussia Mönchengladbach - Borussia Dortmund 12:0 (1978, fünf Tore von Jupp Heynckes), Gladbach - Schalke 04 11:0 (1967, drei Tore von Heynckes), Borussia Dortmund - Arminia Bielefeld 11:1 (1982, fünf Tore von Manni Burgsmüller), Bayern München – Borussia Dortmund 11:1 (1971, vier Tore von Gerd Müller), Gladbach – Eintracht Braunschweig 10:0 (1984, drei Tore von Hans-Jörg Criens) und Gladbach – Borussia Neunkirchen 10:0 (1967, drei Tore von Peter Meyer).

Diskussion um Schmidt

Die Elf von Martin Schmidt müsste sich also in Köln schon einen historisch bedeutsamen Aussetzer leisten, damit das für die 05er noch mal spannend werden könnte am letzten Spieltag. Wahrscheinlich wird Sky die Mainzer gar nicht mehr mit reinnehmen in die Abstiegskampf-Schlusskonferenz. Darüber hinaus ist die Nichtabstiegsfeier in der „Mainzer Nacht“ vom 13. auf den 14. Mai ja auch schon gelaufen.

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Obwohl die aktuelle Saison noch gar nicht beendet ist, haben nun schon die Diskussionen begonnen, wie die Leistungen von Martin Schmidt und die seiner Mannschaft einzustufen sind. Das ist natürlich immer eine Frage der Erwartungshaltung. Und eine Frage des Blickwinkels: Will man das Endergebnis bewerten – oder auch die qualitative Entwicklung der Mannschaft.

Qualitative Entwicklung tritt auf der Stelle

Beginnen wir mit der Erwartungshaltung. Grob überrissen kann man die These wagen: Das Potenzial dieses Kaders hat nicht darauf hingedeutet, dass diese Saison auf Abstiegskampf hinauslaufen würde. Aber: Mainz 05 kann mit seinen mittelprächtigen wirtschaftlichen Möglichkeiten und in einer problematischen Saison immer eine Durststrecke erwischen. Und wer mal im Abstiegssog steckt, der plagt sich bei den Spielern mit mentalen/emotionalen Begleiterscheinungen herum, die sich selten auf Knopfdruck regeln lassen. Der HSV, die Wolfsburger und die Augsburger haben sicher keinen signifikant schlechteren Kader als die 05er. Und alle sind sind glücklich, wenn sie am Ende ungeschoren aus dem Schlamassel rauskommen. Einen wird es erwischen.

Die qualitative Entwicklung der Mainzer Mannschaft, das ist jetzt keine Neuheit, das haben wir an dieser Stelle immer wieder analysiert, tritt auf der Stelle. Martin Schmidt arbeitet extrem Ergebnis-orientiert. Mit diesem Ansatz ist er jetzt zum dritten Mal in seiner zweieinhalbjährigen Amtszeit ins Ziel gekommen. Zweimal Klassenerhalt gesichert, einmal Europaliga. Was sich nicht eingestellt hat in dieser Zeit, das ist eine leidenschaftliche Spielweise, die für mehr Begeisterung sorgt, die die Menschen mitreißt. Dabei geht es nicht um Kunst und Wunder, nicht um technischen Schnickschnack, nicht um einen Kombinationsfluss und Angriffswellen wie bei den europäischen Spitzenmannschaften. Schon gar nicht geht es um schöner spielen.

Fußball als Erlebnis- und Abenteuertag

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Es geht gegen den Ball um mehr Aggressivität und mehr physische Präsenz, um mehr Pressing und Gegenpressing in den Mittelfeldzonen – und es geht um etwas mehr Passkultur, Dominanz, Tempo, Wucht und die ein oder andere nicht herausgekonterte, sondern auch mal herausgespielte Torchancen im eigenen Ballbesitz. Die emotionalen Erlebnisse für die Anhänger ranken sich bei Schmidts Umschaltansatz weniger um die aufregende Spielweise, sondern in der Regel ausschließlich um den Ergebnisverlauf. Betrachtet man die Saison-Endergebnisse, dann könnte man urteilen: Das ist eine Luxus-Meckerei. Aber die Leute kommen in die Arena oder fahren zu Auswärtsspielen, weil sie unterhalten werden wollen. Fußball als Erlebnis- und Abenteuertag.

Und dazu trägt weniger bei, wenn die eigene Mannschaft immer wieder in längeren Phasen mit fast allen Feldspielern am eigenen Strafraum die Passwege zustellt und stoisch geduldig wartet auf die ein oder andere Umschaltmöglichkeit. Und wenn das Team mal in Rückstand geraten ist, wenn die Spielmacherrolle zwangsläufig wechselt, dann fehlen die spielerischen Muster, die es ermöglichen, den Gegner auch aus dem eigenen Ballbesitz heraus massiv zu bedrohen. Der drittletzte Platz in der Auswärtstabelle (zehn Niederlagen in 16 Spielen) ist von daher kein Zufall. Und womöglich auch nicht die unbefriedigende Auslastung der Opel Arena. Wir können davon ausgehen: Das alles werden Sportdirektor und Cheftrainer nach Saisonende miteinander besprechen.

Abstiegskampf schweißt zusammen

Eines wollen wir aber auch festhalten: Der Abstiegskampf mit diesem dramatischen vorletzten Spieltag hat in dieser Stadt/Region die Verbindung zwischen Anhängern und Klub wieder intensiviert. Da ist wieder etwas zusammengewachsen. Da lodert wieder ein Feuer. Nun wünscht sich in der kommenden Saison niemand den nächsten Abstiegskampf-Thriller. Die nächste Europaliga-Teilnahme steht auch nicht zwangsläufig auf der Agenda. Eine aufregendere Spielweise könnte der Schlüssel sein, die Nichtabstiegsflamme auf Stufe fünf zu halten. Klar, sollten dann künftig in einer längeren Phase die Ergebnisse ausbleiben, dann werden sich viele schnell wieder nach dem typischen Schmidt-Ergebnisfußball sehnen. Diese Diskussion gehört - bei bislang so unterschiedlichen Trainern wie Jürgen Klopp, Jörn Andersen, Thomas Tuchel und Kasper Hjulmand - zum Mainzer Bundesligafußball wie der Dom zu dieser Stadt.

Es ist zumindest nicht auszuschließen, dass sich Rouven Schröder und der bis 2018 vertraglich gebundene Martin Schmidt in den nächsten Tagen inhaltlich nicht einig werden. Selbst der erfolgreiche Lucien Favre stieß einst in Gladbach mit seiner auf defensive Sicherheit ausgerichteten Spielweise nicht nur auf Begeisterung.