Rehberg: Schlüssel gegen Algerien - Geschwindigkeit und...

Jubelt das deutsche Team auch gegen Algerien? Foto: dpa

WM, Achtelfinale. Deutschland trifft am Montag auf Algerien. Diese Partie in Porto Allegre wird entschieden über Leistung, über Einstellung und über Spielglück, sagt unser...

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. Von Reinhard Rehberg

Den Respekt vor Algerien zu begründen mit einer Länderspielstatistik, das ist hemmungslos albern. Das ist in diesem Fall nicht mal etwas für Satiriker, darauf stürzen sich höchstens RTL-Gagschreiber: Deutschland hat noch nie gegen Algerien gewonnen, Deutschland hat bis heute jedes Spiel gegen Algerien verloren… Gähn! Beim ersten Duell, es war ein 0:2 einer deutschen B-Elf anno 1964, es trug sich zu an einem 1. Januar in Algier, hieß der Bundestrainer noch Sepp Herberger. Ersparen wir uns die Aufstellung, Namen wie Ewert, Lutz, Kurbjuhn, Wilden, Reich, Krämer oder Gerwien kennen heute nur noch im Alter weit fortgeschrittene Bundesligafans oder Fußballfreaks, die die Enzyklopädie des deutschen Ligafußballs auswendig gelernt haben. Beim zweiten Duell, es war ein Gruppenspiel bei der WM 1982 in Spanien, hieß der Bundestrainer noch Jupp Derwall. Jenes 1:2 in Gijon wurde in der Heimat als Blamage gewertet, aber am Ende standen die Deutschen mal wieder im Finale. Ende der Statistik. Mehr war nicht.

Hansi Flicks unliebsame Begegnung

Hansi Flick hatte noch mal eine unliebsame Begegnung mit einem Algerier. Endspiel um den Europapokal der Landesmeister. 1987 in Wien. Der FC Bayern sah nach Wiggerl Kögls Führungstor aus wie der sichere Sieger, da erzwang Rabah Madjer mit einem frechen Hackentrick den Ausgleich - die Portugiesen stemmten nach einem 2:1-Sieg den Pokal in die Höhe. Flick, heute Joachim Löws Co-Trainer, stand damals in der Startelf der Bayern. Jener Madjer war ein algerischer Topstürmer, der auch 1982 in Gijon zum 1:1 getroffen hatte. Ende. Mehr historische Besonderheiten lassen sich nicht stricken um diese WM-Achtelfinalpartie am Montag bei der WM 2014 in Brasilien. Vielleicht wird der algerische Nationaltrainer Vahid Halihodzic der Ministatistik emotionale Momente entlocken in seiner Spielersitzung, aber der Mann ist ein knochentrockener, militärisch analytischer Bosnier. Die heimischen Medien trommeln, sie fordern die Rache für Gijon, weil der damalige Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Österreich 1982 den Achtelfinalzug Algeriens verhindert habe. Das ist nicht mehr als Theaterdonner.

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Diese Achtelfinalpartie in Porto Allegre wird entschieden über Leistung, über Einstellung und über Spielglück. Algerien ist der turmhohe Außenseiter. Das ist eine Mannschaft, in der viele Spieler in ihren europäischen Klubs nur Reservisten sind. Die Trümpfe: Teamgeist, Leidenschaft, Laufbereitschaft, Schnelligkeit und eine massierte Defensive auf der Basis beinharter Zweikampfführung. Für die DFB-Elf kann das eine schuftige Aufgabe werden. Ob es eine hohe Hürde wird, darüber entscheiden in erster Linie die Deutschen. Mit ihrer Bereitschaft, die unangenehmen Aspekte dieser Herausforderung anzunehmen: Ohne Kampf und Tempo kann es gegen nahezu fanatisch auftretende Underdogs immer zäh werden.

Keine leichten Ballverluste leisten

Löws Team weiß, was zu tun ist. Die auf Konter sinnenden Algerier kommen ins Spiel, wenn sich die Deutschen leichte Ballverluste leisten und in der defensiven Organisation Räume offen bleiben. Der Favorit benötigt in seinem qualitativ hochwertigen Ballbesitzansatz neben Geduld und Präzision auch Geschwindigkeit und Zielstrebigkeit. Das ist der Schlüssel. In der hervorragenden Startphase gegen die USA mangelte es noch am letzten Pass, der einen Angreifer mit freiem Schussbein vor das Tor stellt. Dafür braucht es Mut zum Risiko und die entsprechenden Laufwege in die Lücken der gegnerischen Abwehrreihe. Sollten es Löws Männer wieder mit Flügelspiel und vielen Flanken versuchen, dann wäre die Aufstellung eines klassischen Strafraumstürmers angebracht, das könnte dann nur Miroslav Klose sein.

Baustelle auf der linken Seite

Zu lösen ist die Baustelle auf der linken Seite. Vor allem am Außenverteidiger Benedikt Höwedes scheiden sich die Geister. Der Schalker Stopperhüne spielt nicht mal schlecht, aber zur Flachpassmaschinerie seiner Kollegen passt er nicht. In den Mittelfeld- und Angriffszonen kann Höwedes als gelernter Innenverteidiger und stärkerer Rechtsfuß auf den engen Räumen an der linken Seitenlinie nicht konstruktiv mitspielen. Jerome Boateng kann rechts seine Wucht und Schnelligkeit einbringen, Höwedes hat seine Stärken ausschließlich im Kopfball und im Defensivzweikampf. Löw hat ausgeschlossen, Philipp Lahm links verteidigen zu lassen.

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Was bliebe: Lahm rechts hinten, Boateng links hinten, Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos im Mittelfeld. Das Problem: Der Bundestrainer weiß nicht, ob die lange verletzten Khedira und Schweinsteiger 90 Minuten Tempo gehen können - nach vorne und nach hinten. Sturheit wollen wir Löw nicht unterstellen. Und wenn doch? Sturheit hat eine positive Seite, das wäre Standfestigkeit, die negative Seite wäre unangebrachte Prinzipienreiterei. Diese Frage beantworten in den K.o-Spielen die Mannschaftsleistung - und vor allem das Ergebnis.