Rehberg: Schafft HSV in Mainz Labbadia-Momentum?

Alle Jahre wieder: Bruno Labbadia als HSV-Trainer (hier 2010). Foto: dpa

Am Sonntag erscheint der HSV in der Coface Arena mit dem in Schneppenhausen bei Darmstadt aufgewachsenen Bruno Labbadia. Die 05er tun gut daran, diesen HSV nicht zu beurteilen...

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. Man kennt dieses Schild von Großbaustellen: "Wir stellen ein: … " Da werden dann Sekretärinnen gesucht, Ingenieure, Monteure, Handwerker und so weiter. Gäbe es dieses Schild mit Jobangeboten beim Hamburger SV, dann wäre da immer nur ein Posten zu besetzen: "Cheftrainer gesucht". Vier Fußballlehrer hat der Bundesligist seit dem 17. Februar 2014 eingestellt (und drei davon wieder entlassen). Nur damit Klarheit besteht: Am Sonntag erscheint der HSV in der Coface Arena mit dem in Schneppenhausen bei Darmstadt aufgewachsenen Bruno Labbadia.

Der hat schon mal auf dieser Großbaustelle gearbeitet: Vom 1. Juli 2009 bis zum 26. April 2010. Der 49-Jährige ist damals nicht fertig geworden. Viele Bauleiter sind ihm gefolgt. Keiner ist fertig geworden. Nun also das Comeback von Labbadia. Die Klubführung war der Meinung: Der Hesse kennt die Baustelle am besten, der weiß noch, wo damals die Kabel verbuddelt und die Steckdosen gesetzt worden sind. Man könnte annehmen, hier wäre die Rede vom Berliner Flughafen.

Mehr Glück als der HSV kann man nicht haben

Schauen wir ein Jahr zurück. Am letzten Spieltag der Vorsaison kam der HSV mit Mirko Slomka nach Mainz. In höchster Abstiegsnot. Nach dem 2:3, es war Slomkas fünfte Niederlage hintereinander, stürzten die Hamburger mit ihren mickrigen 27 Punkten nur deshalb nicht in die Zweite Liga ab, weil die Konkurrenten aus Nürnberg und Braunschweig im Finale ihre Heimspiele (gegen Hannover 96/gegen den FC Augsburg) verloren. Der HSV blieb Drittletzter - und rettete sich mit zwei Remis in den Relegationsspielen gegen die SpVgg Greuther Fürth. Mehr Glück kann man nicht haben.

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Slomka wurde dann 2014/15 schon nach dem dritten Spieltag entlassen. Nachfolger Joe Zinnbauer nach dem 26. Spieltag. Nachfolger Peter Knäbel machte den Stuhl frei nach dem 28. Spieltag. Und nun kommt Labbadia mit dem HSV in die Coface Arena. Klar, als Drittletzter. Unter einem enormen Druck. Wenn der Schiri in Mainz anpfeift, dann ist der HSV einen Punkt vom rettenden Rang 15 (Hannover 96) entfernt - und einen Punkt vom letzten Platz (VfB Stuttgart).

"Sabbatical-Tuchel" ließ sich feiern

Die 05er brauchten im Vorjahr den finalen Erfolg gegen die Hamburger für den Einzug in die Europaliga-Quali. Ziel erreicht. Thomas Tuchel ließ sich feiern. Obwohl kurz vor dem Anpfiff durchgesickert war, dass er seit Monaten ultimativ auf Vertragsauflösung drängt. Auf den "Sabbatical-Tuchel" hat nun der HSV wochenlang gewartet, deshalb das waghalsige Zwischenexperiment mit dem Sportdirektor als Cheftrainer. Alles schief gegangen. Tuchel nach Dortmund, zwei Niederlagen mit Knäbel. Wäre da nicht die Glücksgeschichte aus dem Vorjahr, man würde urteilen: Der HSV bettelt um einen Neuanfang in der Zweiten Liga.

Europaliga, dieses Ziel ist für die Mainzer diesmal weit entfernt. Fünf Zähler. Damit muss sich Martin Schmidt nicht ernsthaft beschäftigen in seiner Ansprache vor der HSV-Partie. Letzte rechnerische Minizweifel beseitigen im Abstiegskampf, auch das ist nicht unbedingt das kochend heiße Thema. Ein typisches 05-Heimspiel auf den Rasen zu brennen, die Anhänger zu belohnen für die wilde Unterstützung in den vergangenen Wochen, das taugt auf jeden Fall als Motivation.

Gegner bis an die Zähne bewaffnet

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Wie ein 05-Spiel aussehen kann, wenn der Gegner bis an die Zähne bewaffnet um sein Leben rennt und grätscht, die Mainzer aber nur normal ambitioniert ein nettes Passspiel aufziehen, das hat sich gezeigt bei der 1:2-Hinrundenniederlage in Hamburg. Da ging fast gar nichts. Gegenentwürfe zur damaligen trostlosen Vorstellung unter Kasper Hjulmand hat die Schmidt-Elf im Abstiegskampf geliefert.

Der HSV wähnt sich mit Labbadia auf dem richtigen Weg. Das Team hat den 3:2-Heimsieg gegen den FC Augsburg im Rücken - und der neue Trainer wirkt sehr souverän. Dabei sollte man nicht vergessen: Auch unter Zinnbauer wurde nach dessen insgesamt vier Heimsiegen immer wieder die angeblich endgültige Wende gefeiert, doch die Rückschläge ereigneten sich so regelmäßig wie die Ziehung der Lottozahlen. Und jetzt? Kann ein Trainer binnen gut zwei Wochen fußballerische und mentale Stabilität implantieren?

Drei Profis hat Labbadia wiederbelebt, die bei seinen beiden Vorgängern nicht hoch im Kurs standen: Slobodan Rajkovic, Gojko Kacar und Pierre-Michel Lasogga. Rajkovic ist ein Innenverteidiger, der schon mit 16 Jahren vom FC Chelsea verpflichtet wurde für eine Ablöse von strammen 5,2 Millionen Euro. 2010/11 kam er nach den Leihstationen Eindhoven, Enschede und Arnheim zum HSV. 38 Bundesligaeinsätze in knapp fünf Spielzeiten, das ist dünn. Der 1,95 Meter hohe Serbe gilt als schwierig. Zweimal wurde der 26-Jährige lange suspendiert, mal wegen einer Trainingsschlägerei, mal wegen mangelnder Einstellung. Dazu kamen zwei schwere Verletzungen.

Kacar, der serbische Zweikampfexorzist als Mittelfeldsechser

Der serbische Landsmann Kacar ist ein Zweikampfexorzist, der gegen den FC Augsburg als Mittelfeldsechser neben Techniker Raffael van der Vaart den Balleroberungsauftrag erledigte. Und Lasogga, der Relegationsretter von 2014, schoss zwei der drei Tore. Der Mittelstürmerhüne ist schnell und beweglich, ein emotional aufgeladener Reißer mit Torriecher und Abschlussqualität. Der auch Räume schafft für den listigen Dauerläufer im Angriff, Oldie Ivica Olic.

Die 05er tun gut daran, diesen HSV nicht zu beurteilen nach seiner desaströsen Bilanz in fremden Stadien (zehn Niederlagen in 15 Spielen, nur zwei Siege, 6:29 Tore). Die Elf ist darauf aus, ein Labbadia-Momentum zu schaffen im Endspurt. Da steht für die 05er Arbeit ins Haus, da sind Laufbereitschaft, Kampf und Leidenschaft gefragt. Und ein konstruktiveres und präziseres Passspiel als bei den jüngsten Siegen in Freiburg und gegen den FC Schalke 04. Am Ende aber wird wahrscheinlich nicht entscheidend sein, wer mehr k a n n, sondern wer mehr w i l l in diesen 90 Minuten.