Rehberg: SC Freiburg, die Talentschmiede der Liga

Volker Finke. Foto: dpa

Über zwei Jahrzehnte war der SC Freiburg für den FSV Mainz 05 so etwas wie ein natürliches Vorbild. Ein familiär geprägter und geführter Klub, ein kleines und altes...

Anzeige

. Über zwei Jahrzehnte war der SC Freiburg für den FSV Mainz 05 so etwas wie ein natürliches Vorbild. Ein familiär geprägter und geführter Klub, ein kleines und altes Stadion, wenig Geld, relativ unbekannte Kicker - aber viele Jahre konstant Bundesligafußball. Das schaffte der eigenwillige Trainer Volker Finke. Dieser ehemalige Gymnasiallehrer mit Brilli im Ohr und einer selbst gedrehten Kippe im Mundwinkel, der schon in den 90er-Jahren Pressing- und Ballbesitzfußball lehrte, technisch hochwertige Flachpasskombinationen mit acht Mittelfeldspielern und meistens ohne echten Mittelstürmer.

Heute glaubt man, das habe alles Pep Guardiola erfunden. Stimmt gar nicht. Finke war seiner Zeit damals weit voraus. Die Mainzer holten die Breisgauer ein in der Zeit des nicht weniger charismatischen und erfinderischen Jürgen Klopp. Seit ein paar Jahren bewegen sich beide Klubs sportlich und wirtschaftlich in etwa auf Augenhöhe.

Alleinstellungsmerkmal bewahrt

Einen exklusiven Spielstil haben die Freiburger, die am kommenden Samstag in der Mainzer Coface Arena aufschlagen, heute nicht mehr zu verteidigen. Einen taktisch gut geschulten, läuferisch und kämpferisch aufwendigen Pressing- und Umschaltfußball beherrschen viele Bundesligisten. Und dennoch haben sich die Freiburger ein Alleinstellungsmerkmal bewahrt: Kein anderer Profiklub bringt derart viele Talente aus der eigenen Jugendakademie durch bis in den Profikader. Und obwohl diese Ausbildung glänzend funktioniert, obwohl der Klub mit dem Verkauf selbst gezogener Talente sehr viel Geld einnimmt, postulierte Präsident Fritz Keller neulich unmissverständlich: "Ohne neues Stadion gibt es hier bald keinen Profifußball mehr."

Anzeige

Da hechelt der SC den 05ern inzwischen weit hinterher. Im alten, verbauten, atmosphärisch dichten, dem Mainzer Bruchwegstadion nicht unähnlichen Kasten an der Dreisam geht es nicht mehr weiter. Das Schwarzwaldstadion liegt direkt an einem Wohngebiet, es ist schlecht zu erreichen, der Komfort ist nicht mehr zeitgemäß, der Rasenplatz ist zu kurz und weist von einem zum anderen Ende einen Höhenunterschied von einem guten Meter aus; es gibt zu wenig behindertengerechte Plätze, zu wenig Business Seats, kaum Firmenlogen, insgesamt lässt sich das Zuschauerpotenzial im Dreiländereck überhaupt nicht ausschöpfen.

Neue Arena für 70 Millionen Euro

Die neue Immobilie, die bis 2017 am Standort Wolfswinkel auf einem jetzt noch als Segel- und Motorsportflugplatz genutzten Gelände gebaut werden soll, ist in Planung. Die neue Arena für 35.000 Zuschauer wird rund 70 Millionen Euro kosten, 15 bis 20 Millionen will der Klub als Eigenkapital einbringen, der Rest soll über eine städtische Objektträgergesellschaft langfristig finanziert werden. Ein wirtschaftlicher Kraftakt, der dem Klub künftig in der Ersten Liga eine Stadionmiete von 3,8 Millionen aufbürdet.

Überragende Investitionen für Kaderverstärkungen werden sich die Freiburger in der Zeit des Stadionneubaus nicht leisten können. Knapp 16 Millionen hat der SC in diesem Sommer eingenommen für die abgewanderten Eigentalente Oliver Baumann (der Keeper wechselte zur TSG Hoffenheim) und Matthias Ginter (der Weltmeister ohne Einsatz ging zu Borussia Dortmund). Fast die Hälfte der Summe haben die Freiburger abgelegt aufs Stadionkonto.

Fachkundige Arbeit von Christian Streich

Anzeige

Nach neun Spielen in der neuen Saison ohne Sieg wurde es den sparsamen Verantwortlichen mulmig. Seit dem 1:0 in Köln und dem folgenden 2:0 gegen Schalke 04 ist der Optimismus zurückgekehrt. Das Konzept mit überwiegend preiswerten Zugängen und Leuten aus der Nachwuchsakademie funktioniert doch noch. Dank der fachkundigen Arbeit des ebenso eigenwilligen wie impulsiven Christian Streich.

Der 49 Jahre alte Cheftrainer, Sohn eines Metzgers, der einst ein mittelprächtiger Zweitligakicker war, der eine Lehre als Industriekaufmann absolviert hat, der danach über den zweiten Bildungsweg das Abitur gemacht, Sport, Germanistik und Geschichte studiert und danach als Lehrer gearbeitet hat, ist einer der besten Ausbildungstrainer in Deutschland. Mehr als 20 Jahre war er Nachwuchcoach beim Sport-Club. Von 1995 bis 2011 war er verantwortlich für die U19. Mit der wurde er 2008 Deutscher Meister. 2006, 2009 und 2011 gewann die A-Jugend den DFB-Junioren-Pokal. Da lohnt ein Blick auf die Endspielaufstellungen.

2006 schlug der SC im Pokalfinale den Karlsruher SC mit 4:1 (für den KSC schoss der heutige 05-Profi Daniel Brosinski das Ehrentor); Streich brachte seinen Mittelfeldspieler Daniel Schwaab (heute VfB Stuttgart) zu den Profis durch.

Hohe Ablösesummen für Schwaab, Ginter und Baumann

2009, als die Mainzer U19 unter Thomas Tuchel Meister wurde, bezwang der SC im Pokal-Endspiel die Dortmunder Borussia (die mit Mario Götze ja schon das Meisterfinale am Bruchweg verloren hatte); Streich brachte Oliver Baumann, Oliver Sorg, Nikolaus Höfler und Jonathan Schmid in den Profikader durch.

2011 schlug der SC im Finale Hansa Rostock; Streich brachte Christian Günter, Matthias Ginter und Sebastian Kerk zu den Profis durch.

Für Schwaab, Baumann und Ginter haben die Freiburger hohe Ablösesummen kassiert. Günter, Höfler, Kerk und Schmid standen am vergangenen Samstag beim Heimsieg gegen S04 in der Startelf neben dem ebenfalls beim SC ausgebildeten Routinier Sascha Riether; Sorg saß neben den ebenfalls aus dem eigenen Nachwuchs stammenden Immanuel Höhn und Julian Schuster auf der Bank. Diese Quote nötigt Respekt ab. Zumal der einstige Ausbildungstrainer den Klub seit 2011 als Chefcoach in der Bundesliga hält.