Rehberg: Riesiger Aufwand, wenig Bayer-Ertrag

Roger Schmidt. Foto: dpa

Bayer 04 Leverkusen gastiert am Sonntag beim 1. FSV Mainz 05. Ein hochkarätig besetztes Team mit Offensiv-Stars. Das aber, so unser Experte Reinhard Rehberg, mit riesigem...

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. Am 8. Mai wird in Mainz der ausgefallene Rosenmontagszug nachgeholt. Bis dahin ließe sich noch der ein oder andere neue Motivwagen bauen. Ideen aus dem Frischgemüsefach liefert unter anderem auch das jüngere Bundesligageschehen. Roger Schmidt in seiner Coachingzone als trotziger Suppenkasper („Nein, meine Suppe ess ich nicht…!“), das bietet sich an. Der Anführer der Betriebssportgemeinschaft Bayer 04 Leverkusen ließe sich auch darstellen als Herrchen, der seinen im Mittelkreis sitzenden Hund (mit Schiri-Pfeife im Maul) herbeizitiert („Fiffi, kommst du her, Platz…!“), und im Hintergrund sieht man noch den mit hochrotem Kopf vor einer TV-Kamera tobenden Vorgesetzten Rudi Völler („Was wollen Sie eigentlich von mir? Wer hat uns mehr geschadet, der Schiri oder unser Trainer…?“). Das war schon lustig, was die Sportskameraden von Bayer 04 da aufgeführt haben während und nach der 0:1-Heimniederlage gegen Borussia Dortmund. Und wir haben wieder einmal gelernt: Wer in diesem Geschäft bestehen will, der muss ein Rhetorikkünstler sein. Einer dieser Argumentationsakrobaten ist auch Fifa-Schiedsrichter Felix Zwayer, im Hauptberuf Immobilienkaufmann.

Die schräge Erklärung von Zwayer

Weil er Borussia Dortmund nicht den Umschalt-Vorteil haben rauben wollen, hat Felix Zwayer erzählt, habe er den zum Siegtor führenden Freistoß durchgehen lassen. Knapp acht Meter entfernt von der Stelle, an der Stefan Kießling das Foul begangen hatte. Da habe er den im Regelwerk gewährten Ermessensspielraum genutzt, erklärte der Unparteiische aus Berlin. BVB-Trainer Thomas Tuchel hielt das natürlich für eine überragend richtige Entscheidung. Das sehr, sehr deutliche Handspiel des Dortmunder Stoppers Sokratis im eigenen Strafraum, erklärte Zwayer, sei von der Position des Schiedsrichters aus nicht einsehbar gewesen; diese Argumentation führte der Fifa-Referee auch an für seinen - sehr gut zum Tatort positionierten - Assistenten. Und die neunminütige Spielunterbrechung sei die logische Konsequenz gewesen aus der Tatsache, dass sich der Bayer-Cheftrainer weigerte, dem von Zwayer aus einer Entfernung von 40, 50 Metern signalisierten und zweimal vom Kapitän übermittelten Platzverweis Folge zu leisten. Das kam alles ein wenig schräg rüber.

Bockiges Kleinkindverhalten von Roger Schmidt

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Schräg wie das bockige Kleinkindverhalten von Roger Schmidt. Schräg wie das karnevalistisch prächtig verwertbare Sky-Interview von Rudi Völler. Schräg wie die relativ unmissverständlichen Verschwörungstheorien aus dem Bayer-Lager, das Schiri-Gespann habe das Handspiel von Sokratis womöglich absichtlich übersehen, im Zuge einer erzieherischen Maßnahme.

Am Sonntag tritt Bayer 04 in Mainz an. Roger Schmidt ist vom DFB gesperrt worden. Der Cheftrainer muss ein paar Euro zahlen. Und er darf bei den nächsten drei Bundesligaspielen den Stadioninnenraum nicht betreten - bei den beiden folgenden Spielen steht er am Spielfeldrand unter Bewährung. „Ich werde versuchen, daraus zu lernen“, kommentierte der einstige Ingenieur in der Automobilbranche das Strafmaß. Ob er mal telefonisch Kontakt zum Schiedsrichter gesucht habe, wurde Schmidt noch gefragt. Antwort: Nein. Und warum nicht? „Er hat mir ja relativ deutlich gemacht, dass er nicht mit mir sprechen will…“ Da tobt sich noch immer der Trotzkopf aus. Kindergartenlogik. Albern.

Schmidt wird in der Coface Arena also auf der Tribüne sitzen. Das Coaching von der Bank aus werden die Co-Trainer Markus Krösche und Daniel Niedzkowski übernehmen müssen. Die gewohnten kommunikativen Abläufe während eines Spiels sind damit gestört beim Gegner. Und Schmidt versucht, sehr viel Einfluss zu nehmen auf seine Mannschaft binnen der 90 Minuten. Aber ein Riesenvorteil erwächst den 05ern daraus nicht.

Probleme bei eigenem Ballbesitz

Wenig diskutiert wurde nach dieser denkwürdigen Partie über die sportliche Leistung der Leverkusener. Die war gegen den Ball sehr gut. Aber im eigenen Ballbesitz hat das Bayer-Team nicht viel auf die Kette bekommen. Der Spielstil dieser Mannschaft ist und bleibt gewöhnungsbedürftig. Sagen wir es so: Riesiger physischer Aufwand, aber wenig Ertrag. Platz vier nach 22 Spieltagen, das ist optisch in Ordnung. 35 Punkte sind nicht mehr als das, was eine derart hochkarätig besetzte Auswahl als Minimalziel erreichen muss. 24 Zähler Rückstand auf den FC Bayern, 16 Zähler Rückstand auf Borussia Dortmund. Das ist sehr viel. Zwei Punkte Vorsprung vor Mainz 05, das ist sehr wenig. 31 Tore in 22 Spielen, das ist dünn mit einer Offensivreihe, deren Säulen die Torjäger Javier Hernandes und Stefan Kießling sowie der dramatisch schnelle Flügeldribbler Karim Bellarabi und der brillante Techniker Admir Mehmedi sind.

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Kritiker stellen in Leverkusen längst Fragen. Eine Mannschaft mit diesem hochkarätigen Personal und mit diesem spielerischen Potenzial reibt sich auf in einer permanenten laufintensiven Pressing- und Gegenpressingmaschinerie. Phasen mit einer ruhigen, konstruktiven Aufbaustruktur ergeben sich kaum. Diese wilde Balljagd, die in der vordersten Reihe beginnt, pumpt viel Energie aus den Beinen und lässt relativ wenige kontrollierte Spielzüge zu. Klar, dieses Hochgeschwindigkeits-Ganzfeldpressing schüchtert viele Gegner ein, aber längst nicht mehr alle.

Und wenn die aggressive Tempobolzerei nicht mehr Tore und Punkte bringt, dann gerät auch der Vordenker in Erklärungsnot. Roger Schmidt, der detailversessene Kopfmensch, der sich sehr häufig ungerecht behandelt und missverstanden fühlt, steht unter Erfolgsdruck. Die 05er sind gerade dabei, ihr Lauf- und Kampfpotenzial zu vereinen mit ihrem Können entsprechenden spielerischen Momenten. Ein interessanter Vergleich. Mehr dazu im Freitagblog.