Rehberg: Rhein-Main-Derby, Peter Fischer und die Taxifahrer

Eintracht-Präsident Peter Fischer. Foto: dpa

Am kommenden Sonntag reist Mainz 05 zum Rhein-Main-Derby nach Frankfurt. Verpassen die 05er der Eintracht den Sargnagel? Das gab´s ja schon mal. AZ-Kolumnist Reinhard Rehberg...

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. Die Zahl 17 hat in Frankfurt keinen guten Ruf. Dreimal, 1996, 2001 und 2011, ist das Gründungsmitglied Eintracht Frankfurt aus der Bundesliga abgestiegen. Dreimal auf Rang 17 in der Tabelle. Und wo steht der Adler-Klub aktuell? Dreimal dürfen Sie raten! Klar, Rang 17. In der Bankenmetropole herrscht Depression. Der Glaube an eine Rettung lässt sich nur noch mit feinsten seismografischen Messungen wahrnehmen. Das gilt für die Klubführung, das gilt für den Spielerkader, das gilt für die gesamte Stadt. Vier Punkte Rückstand zum Relegationsplatz, der vier Runden vor Saisonende längst als letztes halbwegs realistisches Ziel wahrgenommen wird. Ernüchternd. Zumal im Kreis der direkten Abstiegskampf-Konkurrenten keine Mannschaft auszumachen ist, die im Endspurt wie aus dem Nichts komplett einzubrechen droht: Werder Bremen, der VfB Stuttgart, der FC Augsburg, die TSG Hoffenheim – das sind ausschließlich Gegner, denen an jedem Wochenende ein befreiender Sieg zuzutrauen ist.

Die Eintracht empfängt am kommenden Sonntag zum Rhein-Main-Derby die 05er, danach geht’s zum Hessen-Derby beim stabil Punkte einsammelnden SV Darmstadt 98, dann kommt Borussia Dortmund ins Waldstadion. Und am Schlusstag fahren die Frankfurter nach Bremen. Das soll wenigstens noch ein Endspiel werden im Kampf um den Relegationsplatz.

Blamage

Knapp 20 Millionen Euro mehr als die Darmstädter wendet die Eintracht auf für ihren Erstligakader. Aber die „Lilien“ haben als kleiner Aufsteiger nach dem 30. Spieltag acht Zähler mehr auf dem Konto. Auch den Mainzern steht weniger Geld zur Verfügung als dem jahrzehntelang übermächtigen Nachbarn im Rhein-Main-Gebiet. Aber die 05er haben 18 Punkte mehr auf dem Konto. Für die Eintracht-Verantwortlichen ist das nicht nur eine Demütigung, das ist eine Blamage. Wer dafür verantwortlich ist? Das ist nicht auszumachen. Darüber spricht man nicht. Der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen nicht, Manager Bruno Hübner nicht, der Anfang März entlassene Trainer Armin Veh schon gar nicht. Veh wünscht seinem Klub aus der Ferne alles Gute - mit der wiederholt geäußerten Anmerkung, dass er nie wieder eine Abstiegskampfmannschaft trainieren werde. Als ob seine Arbeit mit dem Niedergang dieser Mannschaft überhaupt nichts zu tun gehabt hätte…

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Den Vogel schoss dieser Tage der extrovertierte, nicht eben uneitle Klubvorsitzende Peter Fischer ab. In einem Sky-Interview. Er werde in dieser Stadt von Taxifahrern gebeten, in ihren Wagen einzusteigen, „damit sie mich beschimpfen können“. Sein Sohn bekomme beim Metzger kein Stück Wurt mehr. Er verlasse das Haus nur noch für den Gang zum Zigarettenautomaten, „der spricht wenigstens nicht mit mir“. Beim Fernsehsender Sky sei dieser Traditionsverein immerhin der Bundesligist mit der sechsthöchsten Einschaltquote. Und er genieße bei Flutlichtspielen in der Commerzbank-Arena am Sky-Tisch den Kontakt zu den Experten Lothar Matthäus, Dietmar Hamann und Christoph Metzelder. Der Klubchef, der in der Fußball-AG auch Aufsichtsratsmitglied ist: „Ich möchte diese Sky-Momente und diese Peter-Fischer-Momente erhalten.“ Na denn, wenn der Mann keine anderen Sorgen hat ein paar Schritte vor dem Abgrund… Der Bezahlsender würde einen Abstieg der Eintracht wirtschaftlich sicher verkraften.

Kovac-Botschaften wirken blutleer

Der Veh-Nachfolger Nico Kovac, ein Fußballlehrer, der zuvor noch nie im Männerbereich ein Klubteam trainiert hat, schlägt sich bei seinen öffentlichen Auftritten nicht schlecht. Der 44 Jahre alte Ex-Profi, der gute Ergebnisse geschafft hat mit der kroatischen Nationalmannschaft, versucht Ruhe auszustrahlen im aufgeregten Frankfurt. Doch seine Botschaften wirken blutleer. Kovac fehlt das Charisma, die emotionale und rhetorische Überzeugungskraft. Ein Nichtabstiegsfeuer, das den Klub, die Stadt, die Spieler mitreißen und durch diese schwere Zeit tragen würde, hat der Berliner Kroate nicht entfacht. Sehr nüchtern, sehr sachlich hat Kovac nun „vier Endspiele“ ausgerufen. Von denen drei gewonnen werden müssten. Aber die Eintracht hat in 13 Rückrundenspielen lediglich den kriselnden VfL Wolfsburg (3:2) und den Tabellenletzten Hannover 96 (1:0) geschlagen. Fünf Spiele hat Kovac zu verantworten, in diesen fünf Spielen hat die in der Laufbereitschaft und in der Defensivarbeit deutlich verbesserte Eintracht einen einzigen Treffer erzielt. Und auch gegen die 05er wird der einzig verlässliche Torschütze - das ist der ob seines Phlegmas nicht unumstrittene Alex Meier- verletzt fehlen.

Verpassen die 05er der Eintracht am Sonntag den Sargnagel? Das gab´s schon mal. Am 30. April 2011. Die in der Rückrunde abgestürzten Frankfurter kamen damals am 32. Spieltag als Drittletzter an den Bruchweg. Mit dem als Retter verpflichteten Motivationsguru Christoph Daum. Die auf Europa-Kurs segelnden Mainzer fegten die Eintracht nach Toren von Andy Ivanschitz (26.) und dem überragenden Elkin Soto (39., 45.) mit 3:0 aus dem Stadion. Von diesem Überfall erholte sich die Daum-Elf nicht mehr. 0:2 gegen den 1. FC Köln, 1:3 in Dortmund. Abstieg. Als Tabellen-Siebzehnter. Nach 26 Punkten in der Hinrunde.

Keine Angst vor Elkin

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Elkin Soto ist am Mittwoch nach monatelanger Verletzungspause am Bruchweg wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Die Eintracht muss keine Angst haben. Der Techniker aus Kolumbien ist noch nicht wieder wettkampffähig. Vom heutigen Eintracht-Kader hat nur noch Marco Russ jenes Trauma in Mainz auf dem Feld erlebt. Auch der Innenverteidiger fällt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus für das erste von vier Frankfurter Endspielen.

Und wenn´s schief geht? Sie wissen schon: Peter Fischers selbst auferlegter Hausarrest, wütende Taxifahrer, kein Stück Fleischwurst von der Metzgersfrau und in der kommenden Saison womöglich Montagabend-Momente unter Flutlicht mit Sky-Experten, die keine Sau kennt. Der Vereinspräsident wäre besser ähnlich schweigsam geblieben wie der Kippenautomat seines Vertrauens. Die Eintracht hat ganz andere Probleme. Ein neuer Vorstandsvorsitzender ist nach wie vor nicht in Sicht, der Manager ist angezählt, in der Zweiten Liga müsste wohl ein neuer Trainer gefunden werden, die besten Spieler werden sich vom Acker machen. Und der Personaletat wird halbiert werden müssen.