Rehberg: PSG - auch ohne Neymar sehr stark

PSG-Jubel in Manchester. Foto: dpa

Favorit auf den Champions-League-Titel? Paris St. Germain nach dem überzeugenden Auftritt bei Manchester United auf dem Weg zum großen Wurf? Unser Experte Reinhard Rehberg...

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. Das ist gerade der Zeitgeist. Gesteuert von der veröffentlichten Meinung in den Sportmedien. Ein Tagesgeschäft. Da hatte Thomas Tuchel in der französischen Ersten Liga im 21. Spiel die erste Niederlage eingesteckt. Paris St. Germain verlor als überlegener Spitzenreiter beim Tabellenzweiten mit 0:1. Und schon lauteten die fetten Schlagzeilen: Jetzt steht der deutsche Trainer aber gewaltig unter Druck - wenn er auch noch im Achtelfinale der Champions League ausscheidet, dann ist er schon gescheitert beim anspruchsvollen Scheich-Klub.

Grundsolide Vorstellung

Dass Tuchel beim schweren Gang zu Manchester United auf seine Sturmstars Neymar und Cavani verzichten musste, das spielte bei dieser Sichtweise nur noch eine untergeordnete Rolle. Dann muss der Vordenker eben einen Plan B oder C aus dem Hut zaubern, lauteten die Forderungen. Nahezu mühelos hat am Dienstagabend das dezimierte Edelensemble von PSG mit einem 2:0-Sieg Old Trafford erobert. Und schon wurde von den Experten eine taktische Meisterleistung besungen. Und ab sofort gehört Tuchel wieder zu den Größten der Branche, inklusive Favoritenstellung im Kampf um den CL-Titel.

Tatsächlich hat den Parisern eine grundsolide Vorstellung genügt, um ManU in Schach zu halten und zu Beginn der zweiten Halbzeit in die Einzelteile zu zerlegen. Ole Gunnar Solskjaer, Interimstrainer in Manchester, musste erkennen, dass er da eine auf internationalem Standard sehr mittelmäßig talentierte Mannschaft anführt. Die von seinem eigenwilligen Vorgänger Jose Mourinho auf drögen Defensivfußball getrimmt worden war. Solskjaer will stürmen lassen. In der Premier League hat das in den ersten Wochen sehr gut funktioniert mit dem in Topform gekommenen Paul Pogba. In der Champions League offenbarten sich nun die gravierenden Defizite der Engländer im Aufbauspiel, auch bedingt durch die nur durchschnittliche individuelle Befähigung auf einigen Positionen.

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Tuchels Team war ManU in der Raumaufteilung, in der Aggressivität und vor allem spielerisch haushoch überlegen. Da steckte kein taktischer Wunderplan dahinter. Das waren nicht mehr als grundsolide spielerische und taktische Abläufe, vor denen die hilflosen Gastgeber kapitulieren mussten. PSG hatte ein Gefühl dafür, wann ruhige Spielkontrolle über sichere Passmuster gefragt war und wann sich Räume auftaten für schnelle Umschaltangriffe. Zwischen der 50. und 70. Minute hätte die Tuchel-Elf den Gegner sogar abschießen können. Es blieb bei einem Eckentor und einem brillant herausgespielten Kontertor.

Team von Mainz 05 oft überfordert

In seinen fünf Jahren als Bundesligatrainer in Mainz hatte Tuchel viele unterschiedliche Matchpläne am Start. Oft genug überforderte der Taktikmeister damals seine Mannschaft. Mag sein, dass diesmal die Abwesenheit der Topstars Neymar und Cavani den kreativen Tuchel eingebremst und auf einen sehr pragmatischen Ansatz gelenkt hat: Kompakt verteidigen, im Mittelfeld eng am Gegenspieler operieren, Kontrolle ausüben und ab und an gezielt in die Tiefe einfallen. Die „Ersatzspieler“ Julian Draxler als Zehner und Dani Alves als Rechtsaußen spielten mit hohem Aufwand extrem mannschaftsdienlich. Das schaffen die Solisten Neymar und Cavani eher selten.

Eric-Maxim Choupo-Moting verpasste den Höhepunkt seiner Karriere. Der Ex-Mainzer, der demnächst seinen 30. Geburtstag feiert und den es in diesem Alter wie durch ein Wunder noch zu einem europäischen Spitzenklub gespült hat, war nicht rechtzeitig genug fertig für seine späte Einwechslung. „Choupo, was ist los?“, rief Tuchel. Der Stürmer mit den außergewöhnlichen Fähigkeiten, der aber oft selbst auf dem Feld den Eindruck vermittelt, er sei noch im Tiefschlaf oder mit ganz anderen Themen beschäftigt, kam zur spät zur Wechselstelle. Dann erfolgte der Abpfiff. Tuchel lachte. Der 2:0-Sieg hatte ihn, der in solchen Fällen sehr barsch mit Spielern umgehen kann, versöhnlich gestimmt.

Tuchel spricht schon sehr gut französisch. Mehrere Wochen hatte er sich in einer renommierten Sprachenschule in Belgien auf den hoch dotierten Job in Paris vorbereitet. Das findet Anerkennung bei den französischen Journalisten. Favorit auf den CL-Titel? So schnell sollte man nicht schießen. Das Viertelfinale ist mit hoher Wahrscheinlichkeit erreicht. Dann kehren Neymar und Cavani zurück. Und die müssen dann zeigen, dass sie sich im läuferischen Bereich, in der Willenskraft und im Gemeinschaftssinn in den folgenden K.o.-Spielen an die sehr disziplinierte Arbeitseinstellung der dezimierten PSG-Mannschaft in Manchester anpassen können.