Rehberg: Pressing dominiert die Bundesliga

19.07.2019, Schweiz, Sion: Fußball: Super League, Schweiz, 1. Spieltag, FC Sion - FC Basel im Tourbillon Stadion: Patrick Luan dos Santos (l) von Sion erzielt das Ausgleichstor zum 1:1. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Pressing, Pressing, Gegenpressing, Pressing. Unser Kolumnist Reinhard Rehberg ist sicher, wie die Bundesliga-Teams in der am Freitag startenden Saison auftreten werden. Denn ein...

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. An diesem Freitagabend startet die Bundesliga. Welche Art von Fußball werden wir erleben? Sehr viel Pressingfußball. Noch nie arbeiteten so viele Trainer aus der Pressing-Schule von Ralf Rangnick in der deutschen Eliteliga: Julian Nagelsmann (RB Leipzig), Marco Rose (Borussia Mönchengladbach), Oliver Glasner (VfL Wolfsburg), Adi Hütter (Eintracht Frankfurt), David Wagner (Schalke 04), Achim Beierlorzer (1. FC Köln). Peter Bosz (Bayer Leverkusen) und Alfred Schreuder (TSG Hoffenheim) bringen diesen Ansatz aus Holland mit. Martin Schmidt (FC Augsburg) und Steffen Baumgart (SC Paderborn) haben sich die Pressing-Jagd selbst beigebracht.

Natürlich arbeiten alle diese Trainer innerhalb dieses Systems unterschiedliche Details ab. Da variieren die Höhen der Pressinglinien, da variieren die Räume, in die der Gegner gelenkt und gelockt wird, da variieren das Tempo im Anlaufverhalten, die Prinzipien im offensiven Umschaltspiel und im Gegenpressing.

Diametral zu Jogis Nationalmannschaft

Das Grundprinzip ist bei allen gleich: Der Gegner soll in seinem Eröffnungs- und Aufbauspiel permanent unter Zeit- und Entscheidungsdruck geraten, der Gegner soll zu Fehlern provoziert werden und möglichst schon in der eigenen Spielhälfte die Kugel verlieren – und dann besteht für den Balleroberer die Chance, auf kurzen Wegen, mit wenigen, kurzen Ballkontakten und mit Sprintbewegungen in die Tiefe das Tor ansteuern zu können - gegen eine im Moment des Ballverlusts nicht perfekt organisierte Defensivabteilung.

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Im Hinblick auf die deutsche Nationalmannschaft, die sich unter Jogi Löw ja über viele Jahre am spanischen Ballbesitzfußball orientiert hat, ist die Bundesliga da also ab sofort auf einem diametral anderen Weg. Das muss kein Nachteil sein, wenn einige der aktuellen oder künftigen Nationalspieler in der Liga wieder geschult werden im physischen Fußball, der auch mit mehr Tempo und mehr Zielstrebigkeit in der Vorwärtsbewegung verbunden ist.

Allerdings neigt man im deutschen Fußball zum Schwarz-weiß-Denken. Die mögliche Vernachlässigung des technisch sicheren Passspiels aus der Spieleröffnung heraus wäre keine fortschrittliche Entwicklung. Und der nationale Mangel an kreativen, dribbelstarken Individualisten wird durch Pressing- und Umschaltfußball auch nicht unbedingt behoben. Aber dieses Thema muss ja nicht das Problem von unter gewaltigem Erfolgsdruck stehenden Bundesligatrainern sein.

Rezept: Weniger Konzept- und Systemfußball im Nachwuchsbereich

Eine Expertengruppe beim DFB hat sich diesem Aufgabengebiet angenommen. Wie lässt es sich kompensieren, dass Kinder und Jugendliche heute immer seltener auf der Straße, auf der Wiese oder auf dem Bolzplatz kicken und sich dort intuitiv Fähigkeiten aneignen, die sich unter den normierten Bedingungen in Vereinen und Nachwuchsleistungszentren nur bedingt schulen lassen? Die Antwort lautet: Umstellung des Ligafußballs für Kinder auf Turniere, kleinere Mannschaften, kleinere Spielfelder, Spiel auf kleinere Tore, auch Spiel auf vier Tore, Verzicht auf Torhüter, mehr Wechselmöglichkeiten nach einem festgelegten Rotationsprinzip.

Die Idee: Mehr Ballkontakte für die kleinen Kicker. Weniger Konzept- und Systemfußball, weniger Taktik – dafür mehr Spielfreude, mehr Individualität, mehr Kreativität, mehr intuitives Lernen.

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Errechnet wurde: Wenn Sechs- bis Siebenjährige auf einem kleinen Feld im Drei gegen Drei auf vier Minitore spielen, dann ergeben sich in diesem Alter 60 Prozent mehr Ballkontakte als bislang beim Sieben gegen Sieben auf zwei Jugendtore. Die Kinder lernen eine bessere Orientierung auf dem Rasen, sie lernen Täuschungsmanöver, überraschende Richtungswechsel, Tricks am Ball. Insgesamt werden spielerisch mehr Handlungsoptionen und eine größere Handlungsschnelligkeit provoziert. Der Spaßfaktor soll wieder mehr in den Vordergrund rücken.

Mag sein, dass in diesen Veränderungen eine revolutionäre Idee steckt. Mag sein, dass auf dieser Ebene in der Fußballentwicklung mehr bewirkt werden kann als durch Ballbesitz- und/oder Umschaltdiskussionen im Profibereich.