Rehberg: Portugal muss sich nicht entschuldigen

Das portugiesische Team um Ronaldo feiert. Foto: dpa

Portugal ist Europameister. Ergebnis eines vergeblichen Anrennens der Franzosen im Finale gegen eine hervorragend organisierte portugiesische Defensive, die auch in den...

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. Die Portugiesen kennen dieses Gefühl. Heim-EM, Endspiel erreicht, ein ganzes Land elektrisiert – und dann verloren gegen einen krassen Außenseiter mit Maurermeister-Zertifikat. Das war 2004. 0:1 gegen Griechenland unter dem grenzenlos pragmatischen Trainer Otto Rehhagel. Die Franzosen kannten dieses Gefühl bislang nicht. Eine EM (1984) und eine WM (1998) im eigenen Land – zwei Titeltriumphe. Und nun haben die Portugiesen als Außenseiter mit Maurermeister-Zertifikat den Franzosen eine der bittersten Niederlagen in der Geschichte der Équipe Tricolore beigefügt: Trainer Didier Deschamps, Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1998, hat mit seinem Team das Finale der EM 2016 im eigenen Land verloren. 0:1 nach Verlängerung. Griechenland, das war damals eine Sensation. Portugal als Europameister, das ist diesmal zumindest eine riesige Überraschung.

Verdient? Unverdient?

Die Franzosen haben im Endspiel im Stade de France in Paris das erlebt, was die DFB-Elf im Halbfinale in Marseille gegen den Gastgeber akzeptieren musste. Frankreich hat Portugal in den 90 Minuten beherrscht, in der Verlängerung zumindest überwiegend kontrolliert; die Elf von Deschamps hat mehr Aufwand betrieben und auch die besseren Torchancen erarbeitet. Aber die abwehrstarken Portugiesen haben das Tor gemacht. Durch den eingewechselten Mittelstürmer-Hünen Eder. Verdient? Unverdient? Europameister als Dritter in der Vorrunden-Gruppe? Europameister nach fünf Remis im Turnier und nur zwei Siegen? Alles egal. Pragmatismus und Effizienz haben gesiegt. Dafür muss sich der ebenso taktisch gewiefte wie charismatische Trainer Fernando Santos nicht entschuldigen.

Die Franzosen haben alle ihre sechs Klassestürmer eingesetzt in Paris. Der EM-Torschützenkönig Antoine Griezmann hat nicht getroffen (einen Kopfball parierte der überragende Torhüter Rui Patricio, ein Kopfball flog knapp über den Querbalken), Mittelstürmer Olivier Giroud hat nicht getroffen, der Tempodribbler Dimitri Payet hatte gar keine Torchance; Einwechselspieler Kingsley Coman hat Wirbel gemacht, aber nicht getroffen; Einwechsel-Mittelstürmer André-Pierre Gignac scheiterte am Pfosten; Einwechselstürmer Anthony Martial vergab die letzte Chance im Spiel. In der Verlängerung merkte man den Franzosen an, dass sie schon leicht zermürbt waren vom ergebnislosen Anrennen gegen eine hervorragend organisierte portugiesische Defensive, die auch in den heftigsten Druckphasen des Gegners nie die Ruhe verlor. Und wieder einmal hat sich gezeigt: Mit der gesamten Mannschaft in der eigenen Hälfte die Räume zuzustellen und wehrhaft zu verteidigen, ist einfacher als gegen einen tief stehenden Gegner Chancen herauszuspielen und Tore erzielen zu müssen. Die Mehrzahl ihrer Treffer in diesem Turnier hatten die Franzosen über Konter erzielt. Das haben die - auf diese Situationen perfekt eingestellten - Portugiesen in diesem Endspiel nicht zugelassen.

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Ronaldo - die tragische Figur

Und so durfte am Ende Cristiano Ronaldo den Pokal in die Höhe stemmen. Die tragische Figur dieses Finales. 2004 hatte der damals erst 18 Jahre alte Ronaldo als Startelfspieler unter Tränen die Enttäuschung gegen Griechenland erlebt. 12 Jahre später saß der zum Weltstar gewordene Torjäger schon nach 17 Minuten auf dem Rasen - mit einer Motte auf der Stirn und mit Tränen in den Augen. Knieschmerzen nach einer rabiaten Attacke des Edeltechnikers Payet. „Wir müssen Ronaldo neutralisieren“, hatte Deschamps vor der Partie angekündigt. Payet hat das zu wörtlich genommen. Ronaldo hat versucht durchzuhalten. Mit einem Knieverband. In der 25. Minute war Schluss. Quaresma ersetzte den tief traurigen Stürmerstar von Real Madrid. Zu diesem Zeitpunkt hätte kein Wettfreund auf diesem Erdball noch einen Cent auf die Portugiesen gesetzt.

Es kam anders. Der von Swansea City an den französischen Erstligisten OSC Lille ausgeliehene Ederzito Antonio Maceda Lopes, genannt Eder, eingewechselt in der 79. Minute für den neuen Bayern-Mittelfeldspieler Renato Sanches, überwand den französischen Klassekeeper Hugo Lloris elf Minuten vor Ende der Verlängerung mit einem präzisen Flachschuss. In der restlichen Spielzeit humpelte Ronaldo in der Coachingzone hin und her, er war dort aktiver als sein Trainer Santos. Der hatte zwischenzeitlich auf der Bank in geknickter Haltung den Kopf in seinen Händen vergraben ob der unzähligen Fehlpässe seiner Mannschaft. Am Ende jubelte Ronaldo. Und Santos freute sich bescheiden wie ein kleines Kind, das am Straßenrand ein bunt verpacktes Bonbonjuwel gefunden hat.

Kettenverschiebefußball bringt Erfolg

Stilbildend waren die großen Turniere eher selten. Wollen wir hoffen, dass von dieser EM im Hinblick auf die kommende Bundesligasaison kein Signal ausgeht. Der in der Defensive gut organisierte und aggressiv umgesetzte Kettenverschiebefußball hat bei diesem Turnier viele der „kleinen“ Mannschaften zum Erfolg getragen. Auch den Europameister. Sonderlich spannend und aufregend ist das nicht. Natürlich haben Wales oder Island Spaß gemacht, weil sie mit Leidenschaft und Enthusiasmus bedeutendere Fußballnationen geärgert haben. Portugal hat eher gelangweilt. Aber als es drauf ankam, haben die Portugiesen getroffen. Die überlegene deutsche Mannschaft hat das im Halbfinale nicht geschafft, auch nicht die im Finale überlegenen Franzosen. Unterm Strich halten wir fest: Fünfer-, Sechser-, Siebener- und Achterreihen in der Abwehr mögen Wirkung erzielen, aber diese Spielanlage reißt die Zuschauer nicht gerade aus den Sitzen. Sofern diese Fans nicht aus Wales, Island oder Portugal stammen. Und das gilt für sehr viele Fußballanhänger.