Rehberg: Parolen bringen keine Punkte

BVB-Trainer Lucien Favre.  Foto: dpa

Für Werder Bremen war zu Saisonbeginn klar: "Wir wollen wieder in den Europapokal", der VfB Stuttgart hat seine Ziel ebenfalls ambitioniert geäußert. Erstere haben sich an...

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. Im Fußball kursieren oft sehr simple Argumente. Das Team von Borussia Dortmund, das mahnen einige Experten und Bewerter schon an, müsse sich ob seines furiosen Spielstils allmählich zu Titelambitionen bekennen. Man fragt sich dann gerne: Warum sollte ein solches Bekenntnis in diesem Moment das spielfreudige Ensemble von Lucien Favre zusätzlich beflügeln? Ja, man müsse zu höheren Zielen stehen, heißt es dann. Das steigere die Bereitschaft, den Ehrgeiz, das Selbstverständnis.

Schauen wir auf Werder Bremen. Das ist eine der Überraschungsmannschaften dieser Saison. „Wir wollen wieder in den Europapokal, da waren wir mal und da gehören wir hin“, hat der Klub proklamiert. Das sei aus der Mannschaft gekommen, sagt Aufsichtsratschef Marco Bode. Der junge Trainer Florian Kohfeldt habe diese Ambitionen nicht bremsen wollen. Und die Klubführung trage das sehr gerne mit in der öffentlichen Darstellung. Nun hat sich die Weser-Elf tatsächlich mit einigen spektakulären Auftritten an der Tabellenspitze festgesetzt. Liegt das an der forschen Zielformulierung? Hätten die Bremer jetzt weniger Punkte, wenn ein einstelliger Tabellenplatz als Rahmenziel angesetzt worden wäre?

Darüber lässt sich prächtig diskutieren. Ob das Sinn macht, ist eine ganz andere Frage. Unabhängig davon, dass Werder nach dem jüngsten Heim-2:6 gegen Bayer Leverkusen erkennen muss, dass in dieser Liga doch immer noch ein paar besser besetzte, auch breiter aufgestellte Kader existieren.

Krisenstimmung in Stuttgart

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Schauen wir auf den VfB Stuttgart. Auch eine Überraschungsmannschaft. In der Negativ-Hitliste. Die Schwaben waren in der Vorsaison mit stattlichen 34 Punkten das zweitbeste Rückrundenteam. Dann hat Sportdirektor Michael Reschke ambitioniert eingekauft – und als Überschrift gewählt: Wir haben uns noch weiter verstärkt, wir wollen in den Europapokal! Zwischenergebnis nach neun Spieltagen: Der VfB ist mit fünf Punkten Tabellenletzter, der erste Trainerwechsel ist schon erfolgt – und der neue Mann Markus Weinzierl ist gestartet mit zwei 0:4-Klatschen. Krisenstimmung in Stuttgart. Abstiegskampf-Szenario. Nichts zu spüren von der Wirkung eines ambitionierten Saisonziels.

Wer hat nun recht? Wir dürfen davon ausgehen, dass ein ertragreicher Saisonstart wesentlich mehr dazu beiträgt, nachhaltig in ein erfolgreiches Fahrwasser zu kommen, als große Worte und geschürte Erwartungshaltungen. Den Bremern ist das gelungen. Den Stuttgartern nicht. Da spielt in engen Spielen auch das Matchglück eine große Rolle. Und wenn es dann mal mit den ersten Ergebnissen funktioniert, dann wirken auch die Sommerzugänge überragend integriert.

Die Bremer klopfen sich gegenseitig auf die Schultern, weil neue Spieler wie Davy Klaassen, Nuri Sahin oder Yuya Osako gute Leistungen abliefern. Die Stuttgarter haben dem Weltmeister Benjamin Pavard, dem Routinier Christian Gentner und dem ewig torgefährlichen Mario Gomez noch den erfahrenen Gonzalo Castro, den erfahrenen Daniel Didavi sowie die nicht ganz preiswerten Toptalente Pablo Maffeo (von Manchester City), Nicolas Gonzales (Argentinos Juniors) und Borna Sosa (Dinamo Zagreb) zur Seite gestellt. Und nun? Reschke muss sich den Vorwurf anhören, er habe keinen ausgewogenen Kader gebaut.

Zielparolen bringen wenig bis nichts. Die Dortmunder wissen das. Die Verantwortlichen halten den Ball flach und genießen den Moment. Ob die junge Favre-Elf den ganz langen Atem mobilisieren kann, das weiß nach neun Spieltagen niemand.