Rehberg: "Olé, olé Noveski..." - Der letzte Vorhang ist gefallen

Nikolce Noveski. Foto: Harald Kaster

Spätestens, als an der Videowall einige Szenen von Nikolce Noveskis Karriere über den Bildschirm flimmerten, da herrschte Gänsehautstimmung in der Coface Arena. Die...

Anzeige

. Spätestens, als an der Videowall einige Szenen von Nikolce Noveskis Karriere über den Bildschirm flimmerten, untermalt von Frank Sinatras "My way", dem klassischsten aller klassischen Songs für die Augenblicke, in denen ein letzter Vorhang gefallen ist, da herrschte Gänsehautstimmung in der Coface Arena. Die Verabschiedung des Bundesligarekordspielers der 05er, der demnächst auch noch ein Abschiedsspiel bekommt und dann zum zweiten Ehrenspielführer des Klubs neben Dimo Wache gekürt wird, war ein sehr emotionaler Moment. "Olé, olé Noveski, Noveski hier am Rhein", sangen die Fans, die den alten Hofsänger-Gassenhauer "Olé, olé Fiesta…" kreativ umgedichtet hatten.

Nikolce Noveski, der in der 86. Minute unter Tränen zum letzten Mal das Feld verlassen hatte in dieser Arena - die Menschen sprangen von ihren Sitzen auf und skandierten seinen Namen -, war stolz und glücklich. Nie zuvor in seinen elf Jahren im 05-Hemd hat der 36 Jahre alte "Profischweiger" in Mainz in der Öffentlichkeit so viele Worte aneinandergereiht, wie im Anschluss an diese gelungene Abschiedsfeier.

Wichtig für das Team

Der letzte Vorhang. Das galt auch für die Heimspielserie der 05er in dieser komplizierten Saison. Die Erleichterung über das 2:0 im letzten Akt gegen den 1. FC Köln war zu spüren. Beim Trainer, auch bei der Mannschaft. "Das war wichtig für mich u n d für das Team", erklärte Martin Schmidt. Ganz eindeutig. Nach zwei Niederlagen hintereinander gegen zwei Abstiegskandidaten und mit der Aussicht, dass beim Finale als Gast der Titelfeier des Deutschen Meisters FC Bayern München nicht unbedingt ein Auswärtssieg einzuplanen ist, drohte die Gefahr, dass Schmidt und seine Elf diese Spielzeit mit vier Misserfolgen beenden könnten.

Anzeige

Darüber wäre dann noch am ersten Trainingstag nach der Sommerpause gesprochen worden. Thema: Bekommt der neue Cheftrainer diese Mannschaft auch in den Griff, wenn keine Alarmglocken läuten - und natürlich wäre dann auch über den Charakter dieser Spieler diskutiert worden. Dieses atmosphärisch belastende mediale Sommergetöse haben sich die 05-Profis erspart.

Zukunft beschwerdefrei planen

Klassenverbleib gesichert, ein letzter Heimsieg, 40 Punkte auf dem Konto, Rang sieben in der Rückrundentabelle, die Europaligaplätze immerhin in Sichtweite, das ist ein Stoff, mit dem sich die nahe Zukunft beschwerdefrei planen lässt. Martin Schmidt hat das Ballbesitzexperiment seines Vorgängers beendet, der Schweizer hat den 05-Anhängern wieder den energiegeladenen Kampf- und Powerfußball britischer Prägung zurückgegeben. Auch das weist in die Zukunft. Passorgien ohne Tempo und ohne Raumgewinn sind in dieser Arena nicht vermittelbar. Und auch wenn die Pressing- und Umschaltüberfälle mal nicht in Serie funktionieren, dann kann diese Mannschaft Spiele gewinnen. Auch dafür war das 2:0 gegen die munteren, engagierten, erstaunlich offensiv ausgerichteten Kölner ein Beleg.

Noveski stand noch einmal in der Startelf. Der Mazedonier hat sich verabschiedet mit einer Klasseleistung, die das Team an diesem Tag auch gebraucht hat im Abwehrverbund. Noveski musste viele Duelle bestehen gegen den kleinen, technisch geschickten, wendigen, antrittsschnellen Bart Finne. Der 05-Hüne brauchte etwa eine Viertelstunde, dann hatte er sich den quirligen Tempodribbler und Sprintstürmer zurecht gelegt. Das war Arbeit, das blieb Arbeit bis zum Ende. Der Sieger hieß Noveski. Der als Gladiator auch im Strafraumgetümmel immer einen rettenden Stecken drin hatte. Wäre der Eisenmann in der 57. Minute bei seinem Drehschuss frei vor dem Kölner Kasten nicht ein wenig in Rücklage geraten, das Drehbuch hätte ihm zum Abschied sogar noch ein letztes Tor beschert.

Spiel dominiert

Anzeige

Die hervorragende Defensivordnung der Kölner ist bekannt. Auch das Kontergeschick dieser Elf, die mit Marcel Risse, Kazuki Nagasawa, Yuya Osako und dem Norweger Finne vier Spezialisten am Start hatte für die schnelle Umkehrbewegung. Dieser FC ist unangenehm, schwer zu bespielen und schwer zu kontrollieren. Die 05er haben das geschafft. Auch die Gäste hatten ihre Chancen.

Doch die Mainzer kontrollierten und dominierten die Partie nach einer ausgeglichenen Anfangsphase. Das Führungstor schoss Ja-Cheol Koo, das wird dem (insgesamt verbesserten) Koreaner Auftrieb geben. Das 2:0 schoss Joker Jairo, glänzend vorbereitet von Pierre Bengtsson, der zeigte, dass er auch als dynamischer Rechtsverteidiger eine Waffe sein kann. Der schwedische Nationalspieler sitzt damit künftig nicht nur Jo-Hoo Park im Nacken, sondern auch Daniel Brosinski. Eine Konkurrenzsituation auf hohem Niveau.

Geis in der Tradition von Netzer, Matthäus und Schuster

Bleiben noch zwei offene Fragen: War das auch schon der letzte Vorhang für Johannes Geis und Shinji Okazaki? Das wissen wir nicht. Die Spekulationen werden toben in den nächsten Tagen und Wochen.

Eines ist erkennbar: Geis wird die U21-EM im Juni in Tschechien in Topform bestreiten. Der 21-Jährige hat sein kleines Formtief überwunden. Aufgereiht wie an einer Perlenschnur und präzise wie aus der Ballmaschine sandte Geis gegen die Kölner seine Flugbälle ab, ein langes Passspiel, wie man es seit den Zeiten von Günter Netzer, Lothar Matthäus und Bernd Schuster nicht mehr gesehen hat. Der Stratege Geis beherrscht diesen Unterschnitt, den Golfspieler benutzen für die Annäherung an die Fahne. Das ist eine Augenweide. Es werden Klubs auftreten auf dem Markt, denen diese Begabung ein paar Millionen wert ist. Und womöglich gilt dies auch für den selbstlos schuftenden Torjäger Okazaki. Sollte es in beiden Fällen der letzte Vorhang gewesen sein in der Coface Arena, dann steht zumindest fest: Die 05-Kasse wird dann gut gefüllt sein für die Suche nach würdigen Nachfolgern.

Wird Bell der neue Noveski?

Und der Noveski-Ersatz? Da ist der junge Stefan Bell längst auf dem besten Weg, eine ähnliche Identifikationsfigur zu werden in diesem Klub und für diesen Klub. Und da die von Sandro Schwarz trainierte U23 der 05er nach dem 2:1-Sieg am Samstag beim FC Halle gerade dabei ist, die Zukunft in der Dritten Liga zu sichern, kann es auch gelingen, die nächsten Talente aus der eigenen Nachwuchsabteilung an den Bundesligakader heranzuführen.