Rehberg: Okazaki, Fuchs und Co., ein gutes Vorbild für Mainz 05

Sorgt in der Premier League mit Leicester City für Furore: Shinji Okazaki. Foto: dpa

Nach dem 20. Spieltag stehen die beiden nicht eben am Hungertuch nagenden Hannover 96 und die TSG Hoffenheim mit jeweils 14 Punkten am Abgrund. Rund 40 Millionen Euro hauen...

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. Rund 40 Millionen Euro hauen Hannover 96 und die TSG Hoffenheim raus für ihr Profipersonal. Nach dem 20. Spieltag stehen die beiden nicht eben am Hungertuch nagenden Klubs mit jeweils 14 Punkten am Abgrund. Den vermeintlichen Rettungsschuss „Trainerwechsel“ haben beide schon gesetzt. Erfolglos. Die abgezockten Lehrmeister Thomas Schaaf und Huub Stevens bürgen auch nicht für Aufbruchstimmung, schon gar nicht für Punkte. Die Missionen werden immer komplizierter. Am kommenden Wochenende müssen die Hannoveraner in Dortmund antreten, die Hoffenheimer in Bremen. Da besteht die Gefahr, dass die jeweilige Lage schon bald Richtung aussichtslos tendiert.

Gut zehn Millionen weniger wenden die 05er auf für die Finanzierung ihres Bundesligakaders. Aber das Team von Trainer Martin Schmidt hat 16 Punkte mehr eingesammelt als die beiden Tabellenschlusslichter. Das Thema ist immer wieder aktuell: Gute Transfers, gute Arbeit, ein glasklares Konzept und leidenschaftlicher Fußball können wirtschaftliche Nachteile ausgleichen; und wenn die Konkurrenz dramatische Fehler macht, dann kann sich ein unterer Mittelstandsverein auch deutlich absetzen von großen Fußballunternehmen. Für Nostalgiker ist das immer wieder eine Freude.

No-Name-Klub überflügelt Favoriten

Auch in England. Da hat sich mit Leicester City ein No-Name-Klub nicht nur an die Spitze gehievt. Die Elf von Claudio Ranieri hat nun schon fünf Punkte Vorsprung vor den direkten Verfolgern Tottenham Hotspur und Arsenal London - und sechs Punkte Vorsprung vor dem Toptitelfavoriten Manchester City. Acht Punkte Rückstand hat der Legendenklub Manchester United, 18 Zähler zurück liegt der ruhmreiche FC Liverpool, 23 Zähler hinkt der rubelreiche FC Chelsea hinterher.

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Leicester liegt in der Mitte Englands zwischen London und Sheffield. 300.000 Einwohner, zwei Universitäten, ein paar Fabriken. Der Schauspieler und Regisseur Richard Attenborough stammt von dort, der Rockmusiker Jon Lord (Deep Purple), der Schlagerbarde Engelbert Humperdinck. Die Fußballer? Die sind 2014/15 in die Premier League aufgestiegen. Erst auf der Zielgeraden rettete sich der Klub im Abstiegskampf. Und jetzt wohnt in dieser Stadt der ebenso bestaunte wie gefeierte Tabellenführer der reichsten Liga der Welt. Die Teilnahme an der Champions League wäre schon eine Sensation. Natürlich ist auch Leicester City nicht arm. Wer für elf Millionen Euro Ablöse Shinji Okazaki kaufen kann, der ist nicht mittellos. Aber verglichen mit den großen Geldklubs aus London und Manchester kann man Leicester City wirtschaftlich auf eine Stufe stellen mit Mainz 05 in der Bundesliga.

Leicester, die 05er der Premier League

Auch sportlich gibt es da Ähnlichkeiten. Leicester City spielt nicht die Sterne vom Himmel. Das ist die Mannschaft mit der niedrigsten Ballbesitzquote in der Premier League. Der Italiener Ranieri lässt sein Ensemble massiert verteidigen und überfallartig kontern. Beim jüngsten 3:1-Coup als Gast des brutal reichen Scheich-Klubs Man City erzielte der in Deutschland als Rumpelfüßler belächelte Innenverteidiger Robert Huth zwei Tore nach Standards, einen Treffer setzte der algerische 500.000-Euro-Einkauf Riyad Mahrez. Torjäger Jamie Vardy und der Ex-05er Okazaki trafen nicht. Der ehemalige Mainzer Christian Fuchs, zuletzt aussortiert beim FC Schalke 04, lieferte eine Torvorlage. Dieses normal besetzte 30-Millionen-Team (das reicht bei Man City knapp für einen halben Kevin de Bruyne) schreibt munter weiter an einem Märchen. Ausgang offen.

Die Leicester-Profis werden von den Medienschaffenden nun vermehrt gelockt, sich zum Titeltraum zu bekennen; sie sollen Fragen beantworten, die darauf abzielen, dass es doch ärgerlich sei, wenn es bei diesem netten Vorsprung am Ende doch nicht zur Meisterschaft reichen sollte. Was sagt dazu Christian Fuchs? „Wir sind ehrgeizig, wir sind hungrig. Aber in erster Linie wollen wir geilen Fußball spielen.“ Ranieri erklärt: „Die Spitzenteams haben den Druck, wir nicht. Wir genießen einfach. Und die Fans dürfen träumen.“

Nicht vom Europapokalgerede anstecken lassen

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Daran können sich die 05er orientieren. Der Schmidt-Mannschaft werden einige Experten und Floskelakrobaten demnächst Europapokalambitionen reinsingen. Als ob derartige Zielformulierungen irgendetwas ändern würden an der Einstellung, an der Bereitschaft, sich im nächsten Spiel eine möglichst gute Leistung abringen zu wollen. Diesem Anspruch stellen sich Profis Woche für Woche. Sich Ergebnisdruck aufsetzen zu lassen, das wirkt in der Regel kontraproduktiv. Damit kommt nicht mal der millionenschwere, mit Nationalspielern gespickte VfL Wolfsburg klar. Und auch die finanziell sorgenfreien Werksklubkollegen von Bayer Leverkusen haben daran zu knabbern. Hannover 96 und die TSG Hoffenheim zerbrechen daran.

Am Freitagabend kreuzt der auf dem vierten Champions-League-Rang thronende FC Schalke 04 in der Coface Arena auf. Die 05er sollten sich vom Europapokalgerede nicht anstecken lassen. Da stehen 90 Minuten Maloche bevor. Ob nun der Blick auf die 16 Punkte Vorsprung vor den beiden Schlusslichtern oder der Hinweis auf die nur drei Punkte Rückstand auf S04 den größeren Motivationsschub bewirkt? Uninteressant. Langweilig. Es geht darum, mit freiem Kopf Kilometer zu fressen, Zweikämpfe zu gewinnen, kompromisslos zu verteidigen und schnell und präzise zu kontern. Und es geht darum, mit Aufwand und Geschick den Ausfall von Yoshinori Muto zu kompensieren. Das genügt. Da braucht es keine neu zu formulierenden Saisonziele. Leicester City zieht dieses Programm mit einer Mischung aus Leidenschaft und stoischer Gelassenheit durch. Kein schlechtes Vorbild.