Rehberg: Ohne große Worte - Zum Abschied des Schweigers Noveski

Nikolce Noveski spielt seit 2004 für den FSV, hier ein Bild aus der ersten Saison beim Spiel gegen den 1. FC Nürnberg. Archivfoto: dpa

Seit elf Jahren verfolgt Reinhard Rehberg in seiner Funktion als 05-Berichterstatter auch die Karriere von Nikolce Noveski. 2004 kam der Mann aus Bitola von Erzgebirge Aue zu...

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. Da gibt es ja diesen Witz. Zwei Ostfriesenrentner sitzen an der See auf einer Bank. Der eine schweigt, der andere hört zu. Bis der eine vor sich hin murmelt: "Jo, jo." Reaktion des Kumpels: "Schwätzer." Ähnlich kann es einem mit Nikolce Noveski ergehen. Der große Schweiger schweigt. Und der Journalist hört zu.

Das kann auch einem Trainer so gehen. Noveski hört auf. Das bewegt auch Jürgen Klopp. Der hat den Abwehrschrank 2004 in Aue entdeckt. "Wir haben einen spielstarken Innenverteidiger gesucht damals", erzählt der einstige 05-Kulttrainer.

"Nikolce ist uns in den Zweitligaspielen gegen Aue aufgefallen. Ich bin dann nach Aue gefahren und habe mit dem Präsidenten Helge Leonhardt gesprochen. Der sagte, ach, seinen Gladiator, den gebe er gar nicht gerne her. Nikolce saß daneben, gesagt hat er nichts."

Abschied an diesem Samstag

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An diesem Samstag wird der Abwehrhüne in der Coface Arena feierlich verabschiedet. Nach elf Jahren im 05-Trikot. Neun Bundesligasaisons hat der Klub in dieser Zeit gespielt, der 36-Jährige war immer dabei. Selten verletzt. Und mit einer Leistungskonstanz über ein Jahrzehnt, für die es am Bruchweg kein anderes Beispiel gibt.

Noveskis Einsatzbilanzen pro Spielzeit seit 2004 (inklusive der beiden Zweitligajahre): 27, 33, 31, 29, 31, 33, 32, 26, 32, 32. Die Fehlzeiten rührten in der Regel her von Gelb-Sperren. "Es gibt nur ganz wenige Profis wie Nikolce", sagt Jürgen Klopp, "die auf Anhieb und ohne Worte Führungsspieler sind."

In seiner letzten Spielzeit steht Noveski aktuell bei sieben Einsätzen. Das begann mit einem Innenbandriss im linken Knie im ersten Saisonspiel in Paderborn. Danach etablierten sich die jüngeren Innenverteidiger Stefan Bell und Niko Bungert. Nicht ausgeschlossen, dass der "Eisenmann" in der letzten Heimpartie gegen den 1. FC Köln noch mal in der Startelf steht. Weniger aus Dankbarkeit, sondern weil er es noch drauf hat.

Als 19-Jähriger einen Bundesligaeinsatz für Hansa

Die Zeit dieses Vorbildprofis am Bruchweg erzählt Klubgeschichte. Begonnen hat der in sich ruhende Fels einst in Rostock. Gekommen von seinem mazedonischen Heimatklub FK Pelister Bitola. Als 19-Jähriger hatte er einen Bundesligaeinsatz für Hansa. 1998/99. Heimspiel gegen den Hamburger SV. Eingewechselt in der 82. Minute. Sein Gegenspieler: Anthony Yeboah. Lange her.

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Nach zwei Spielzeiten für Hansa II wechselte er zum Regionalligisten FC Erzgebirge Aue. Im zweiten Jahr gelang der Aufstieg in die Zweite Liga.

In den beiden Zweitligatreffen mit den 05ern in der Saison 2003/04 ist Klopp also nachhaltig auf den kompromisslosen Abwehrspieler aufmerksam geworden. Noveski war in Aue der linke Manndecker hinter dem Liberoveteran Jörg Emmerich.

Auer, Thurk und Weiland hatten wenig Spaß mit Aues Noveski

Aue trotzte den favorisierten und aufstiegsambitionierten Mainzern zweimal ein 1:1 ab. Die 05-Topstürmer Benjamin Auer, Michael Thurk und Niclas Weiland hatten wenig Spaß mit dem 1,90 großen, kopfballstarken und im Zweikampf eisenharten Noveski.

Und dann gehörte Noveski im Sommer 2004 beim Bundesligaabsteiger Mainz zu den Neuzugängen neben Conor Casey, Benjamin Weigelt und Ranisav Jovanovic. In der Vorbereitung tat sich der Mazedonier schwer, die Viererabwehrkette war er nicht gewohnt.

Klopp begann in der Innenverteidigung mit Manuel Friedrich und Tamas Bodog. In der Woche vor dem achten Saisonspiel stießen Bodog und Noveski im Training mit den Köpfen zusammen. "Ich Hammel hatte Bodog noch zugerufen: `Jetzt geh doch endlich mal richtig hin`", erzählt Klopp. "Im nächsten Zweikampf ist es passiert. Jochbeinbruch bei Tamas. Wenn man so will, habe ich damit Nikolces Karriere zum zweiten Mal angeschoben."

Heimsieg mit Noveski gegen amtierenden Meister Werder

Am folgenden Wochenende feierte Noveski sein Startelfdebüt im 05-Trikot. Beim umjubelten 2:1-Heimsieg gegen den amtierenden Deutschen Meister Werder Bremen - angetreten mit den beiden Topstürmern Miroslav Klose und Angelos Charisteas. Der griechische Europameister erzielte das 0:1 (56.), Niclas Weiland (83.) und Benjamin Auer (90.) drehten die Partie in einer dramatischen Schlussphase.

Ab diesem Zeitpunkt war Nikolce Noveski nicht mehr wegzudenken aus der 05-Abwehr. Zehn Jahre lang. 253 Bundesliga- und 92 Zweitligaspiele folgten. 05-Rekordspieler in der Bundesliga. Ab 2010 auch als Kapitän. Bis heute - wenn er in der Startelf steht. "Nikolces Konstanz, auch in seiner Leistung auf höchstem Niveau, ist unfassbar", sagt Klopp.

Ein einziges Mal dachte Noveski über einen Klubwechsel nach. 2007, nach dem Bundesligaabstieg. Lukrative Angebote aus England. "Das hat mich damals meinen Urlaub gekostet", erinnert sich Klopp. "Ich habe vier Wochen lang permanent auf Nikolce eingeredet. Und er hat schweigend zugehört." Der Hüne hat am Bruchweg verlängert. Mit der knapp gehaltenen - und seine Bescheidenheit dokumentierenden - Begründung: "Geld ist nicht alles." Diese Geschichte hat Klopp bei der Feier zu Christian Heidels Dienstjubiläum vorgetragen. Die Gäste bogen sich vor Lachen.

Auch als Anführer schweigsam

Geredet hat Noveski auch als Anführer nicht viel. Als wir mal in einem Wintertrainingslager auf Mallorca zusammen einen Spaziergang unternahmen, da musste der Schweiger davon überzeugt werden, dass er als Kapitän auch mal zu einem größeren Interview zur Verfügung stehen sollte. Zwei Tage grübelte die "Bank von Bitola" darüber. Dann erst sagte er zu. Ihm sei nicht bewusst gewesen, dass ein Spielführer diese Aufgabe habe, verriet er dann, intern sage er immer seine Meinung, in der Öffentlichkeit reduziere er das lieber auf das Wesentliche. Dabei blieb es.

In dem Körper aus Stahl tobt sich seelisch ein Zweifler aus. Nichts kam ihm über die Lippen, als ihn der neue Trainer Kasper Hjulmand ignorierte. Bei allen anderen Trainern war ein unumstrittener Startelfspieler. Und dennoch sah man den Hünen in Trainingslagern oft grüblerisch, immer wieder machte er sich (unnötige) Gedanken, ob er es wieder schaffen würde in die Stammmannschaft. Bis zur aktuellen Saison schaffte er es immer. Zehn Jahre lang.

Er lernte das Verhalten in der Viererabwehrkette, er lernte die strukturierte Spieleröffnung, er lernte die aggressive Nachvorneverteidigung, es gab Spielzeiten, da setzte er mit Ball am Fuß zu Dribblings durch das Mittelfeld an. Kopfball und Zweikampfschärfe, da war er der Dominator. Eine Rakete im Antritt war er nie, aber das glich er aus mit seinem Auge und mit seinem glänzenden Antizipationsvermögen und Stellungsspiel. Noveski hat die gegnerische Angriffsentwicklung gelesen.

Mit sechs Eigentoren führt Noveski die Bundesligastatistik an

Mit sechs Eigentoren führt Noveski diese Bundesligastatistik an, gemeinsam mit dem Hamburger Manfred Kaltz, dem Erfinder der Bananenflanke. Noveskis spezielle Bestmarke: Im Heimderby gegen die Eintracht im November 2005 fabrizierte er bis zur 6. Minute binnen 132 Sekunden gleich zwei Eigentore. Danach schaffte er den Anschlusstreffer zum 1:2, die Partie endete 2:2. "Mein erster Hattrick", kommentierte der Schweiger dieses Ereignis trocken und humorvoll.

"Nikolce gehört zu den historischen Verpflichtungen, die Mainz getätigt hat", sagt Jürgen Klopp. "Genau so wie Elkin Soto, dem ich nur Gute Besserung wünschen kann."