Rehberg: Ohne Druck gegen den Real-Madrid-Besieger

Wolfsburgs Rodriguez jubelt über das Tor zum 1:0 neben Madrids Casemiro und Toni Kroos. Foto: dpa

Die 05er fahren am Samstag mit wenig Druck nach Wolfsburg. Schon ein Remis dürfte für Gastgeber VfL hingegen zu wenig sein, um den Kontakt zu den Europapokalplätzen nicht zu...

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. Was wird in den Tagen zuvor nicht alles in ein Spiel hineingedeutet. Dann kommt der Anpfiff: Und es entwickelt sich ein ganz normales Fußballspiel, das beiden Mannschaften die Erfolgschance gibt – und am Ende entscheiden zwei, drei kleine Momente über den Ausgang der Partie. Und dann finden sich immer wieder „Experten“, die das angeblich genau so vorausgesehen haben.

Gewinnen die 05er am Samstagabend beim VfL Wolfsburg, dann folgern wir: Ja, die Mainzer hatten weniger Druck - und der Favorit kam nicht klar mit dem grauen Alltag zwischen zwei grellen Champions-League-Höhepunkten gegen Real Madrid. Verlieren die 05er in Wolfsburg, dann folgern wir: Ja, die Mainzer kamen nicht klar mit der glorreichen Aussicht, sogar einen CL-Rang angreifen zu können – und der Favorit war beseelt vom sensationellen Heimsieg im CL-Viertelfinale gegen Real Madrid. Und in Wahrheit waren es womöglich nur zwei, drei kleine Momente in den 90 Minuten, die das Pendel in die eine oder in die andere Richtung haben ausschlagen lassen.

Soviel Berichterstattung als wäre es ein WM-Finale

Die Berichterstattung über die „Homecoming-Ceremonie“ von Jürgen Klopp am Donnerstagabend im Signal-Iduna-Park erinnerte an ein WM-Finale. Eine Kamera fing die Ankunft der beiden Mannschaftsbusse ein (Sensation: Beide Trainer stiegen jeweils als erste aus dem Bus aus…), die nächste Kamera verfolgte den Weg der Trainer in die Katakomben, und eine Kamera war darauf gerichtet, uns zu zeigen, ob der Liverpooler Klopp in seinem alten Wohnzimmer nicht eventuell in die falsche Kabine marschiert. Und Thomas Tuchel war mit seiner filigranen Ballbesitzmannschaft angeblich der haushohe Favorit. Und dann gab es ein schnödes 1:1. Weil die kopflastig agierenden Dortmunder in der Intensität ihrer Handlungen nie so richtig aus den Schuhen kamen, weil der leidenschaftlich pressende FC Liverpool die Räume gut zustellte – und weil Klopps „Reds“ ihre erste ernsthafte Torchance zum Führungstor nutzten. Und danach fragte sich Tuchel vor einem TV-Mikrofon: Äh, hm, habe ich in meiner Ansprache vor dem Spiel alles richtig gemacht?

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Martin Schmidt hat in seiner Zeit als U23-Coach am Bruchweg viel mitgenommen von seinem Chef Thomas Tuchel. Zum Beispiel: Es ist lohnenswert, sich vor wichtigen Spielen auf die eigenen fußballerischen Inhalte zu konzentrieren. Aber: Manchmal ist es auch wichtig, etwas mehr an der emotionalen Schraube zu drehen, das kann jeder Gruppenleiter von Jürgen Klopp lernen. Der Mainzer Anführer aus der Schweiz wählt da in den vergangenen Wochen fast immer die richtige Klangfarbe.

Entschieden wird in Wolfsburg nichts

In der vergangenen Saison hatten die 05er vor dem 28. Spieltag mit 31 Punkten „nur“ vier Zähler Vorsprung vor dem Relegationsrang. Die Elf fuhr in den Breisgau und gewann beim Abstiegskampfkonkurrenten SC Freiburg mit 3:2. Ein Schlüsselerfolg. Diesmal haben die 05er 44 Punkte auf dem Konto, der Vorsprung vor dem hochkarätigen Gegner aus Wolfsburg beträgt satte sechs Zähler. Die Mainzer müssen sich nicht mit den Folgen eines positiven oder negativen Ausgangs in der VW-Arena beschäftigen. Entschieden wird in diesen 90 Minuten überhaupt nichts. Höchstens für den Werksklub, der weiß, dass er bei einer Heimniederlage das internationale Geschäft über den Ligabetrieb mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr wird erreichen können. Schon ein Remis dürfte für den VfL zu wenig sein.

Die Wolfsburger werden nicht nur mit diesem Druck leben müssen, sie werden auch gezwungen sein, das Spiel zu machen. Das liegt dem Team nicht. Dieter Hecking hat keinen Ballbesitz-Zehner und seine besten Angreifer sind Konterstürmer. Von denen Julian Draxler auch noch Gelb-gesperrt ist. Gut möglich, dass es der VfL-Trainer in der Offensive nun mit dem viel rochierenden Zocker Max Kruse und dem lange verletzten Mittelstürmerriesen Bas Dost probiert.

Komplette offensive Umschalt-Armada am Start

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Martin Schmidt hat bis auf Yoshinori Muto seine komplette offensive Umschalt-Armada am Start. Der 05-Coach muss entscheiden, ob er Jairo, Pablo de Blasis oder Christian Clemens auf die Bank setzt. Oder sogar Yunus Malli? Als Umschalt-Zehner könnte auch Jairo Wirkung erzielen mit seinen kurzen Drehungen und seinen Tempodribblings gegen die aggressiven, aber nicht ganz so beweglichen Joshua Guilavogui und Luiz Gustavo. Eine Umbesetzung in der Startelf deutet sich auf jeden Fall an: Leon Balogun wird wohl in der Innenverteidigung den gegen den FC Augsburg unglücklich agierenden Alexander Hack beerben. Was brauchen die 05er: Einen hohen läuferischen Aufwand, eine kompromisslose Defensivarbeit, zielstrebige Konterzüge – und Effizienz im Abschluss. Und ein wenig Glück bei den zwei, drei entscheidenden Momenten in dieser Partie.