Rehberg: Noveski als Stabilisator für 05-Defensive?

Nikolce Noveski. Foto: Harald Kaster

Der FSV Mainz 05 hat nach wie vor Probleme, sich viele Torchancen herauszuspielen. Vor diesem Hintergrund ist es noch wichtiger, dass die Defensive konzentriert und konsequent...

Anzeige

. Manches im Fußball erfasst keine Karrierestatistik, keine Messdatenbank, keine taktische Analyse. Ausstrahlung, Charisma. Das ist schwer zu definieren. Präsenz, Ausstrahlung, Charisma, das erschließt sich mehr über das Gefühl. Die Zuschauer im Stadion haben dafür feine Antennen. Bastian Schweinsteiger, der große Finalkämpfer beim Titelgewinn der deutschen Nationalmannschaft in Brasilien, hat am Samstag die Herzen der Fans erwärmt, als er in der zweiten Halbzeit beim 4:0-Sieg des FC Bayern in der Allianz-Arena gegen die TSG Hoffenheim nach langer Verletzungszeit sein Comeback feierte. Schweinsteiger betrat das Feld - und das Volk huldigte ihm.

Nicht ganz so wild, aber ähnlich emotional gestaltete sich in der Coface Arena das Comeback von Nikolce Noveski. Der Hüne rannte in der 85. Minute auf den Rasen. Die 05er lagen gegen den SC Freiburg mit 1:2 zurück. Kasper Hjulmand wechselte einen Innenverteidiger ein, ungewöhnlich für diesen Spielstand. Aber die Leute auf den Rängen jubelten dem Routinier zu. Und als der Hüne sich dann auch noch direkt Richtung Sturmzentrum einsortierte, da ging noch mal ein Raunen durch die Arena. Noveski als Mittelstürmer, nach 247 Bundesligaeinsätzen als zentraler Abwehrspieler, wunderbar. Der Mazedonier war sofort präsent, er wuchtete sich an der Strafraumgrenze in zwei Kopfballduelle - und es war erkennbar: Dieser Muskelmann hat Ausstrahlung.

Drei Minuten später erzwangen die 05er das 2:2. Und Hjulmand beorderte die Macht aus dem mazedonischen Städtchen Bitola wieder zurück in die Abwehr. Der Cheftrainer aus Dänemark hatte in der vordersten Linie für Unruhe, für ein geplantes Chaos sorgen wollen. Der Plan ging auf. Noveski wurde hart bekämpft. Das Ausgleichstor schoss der in diesem Moment ungedeckte Innenverteidiger Stefan Bell.

Verteidigungsqualität und Ausstrahlung

Anzeige

Noveski ist 35 Jahre alt, er steckt seit zehn Jahren im 05-Trikot. Sechs Eigentore stehen in seinem Buch, dem stehen acht Treffer ins gegnerische Gehäuse gegenüber. Der Hüne ist beliebt in Mainz. Weil er in seinen Zweikämpfen ein Vollstrecker ist, hart gegen sich selbst, hart gegen den Gegenspieler. In dieser Spielzeit war er einige Wochen verletzt. Niko Bungert und Steffen Bell haben sich bewährt und eingespielt. Als Noveski wieder fit war, da hatte der Chefcoach keinen Grund, in seinem Abwehrzentrum etwas zu ändern. Dem gegenüber steht: Noveski kann dieser Mannschaft immer noch etwas geben. Weil er zusätzlich zu seiner extrem verlässlichen Verteidigungsqualität Ausstrahlung hat.

Hier geht es nicht darum, Noveski medial in den Mittelpunkt zu rücken. Hier geht es darum, aufzuzeigen, dass die "Bank von Bitola" - wieder und noch - bereit ist. Acht Kopfballgegentore haben die 05er in dieser Spielzeit schon kassiert. Das ist viel. Das muss man nicht Bungert und Bell ankreiden, aber ganz raus aus dieser Nummer sind Innenverteidiger in diesen Szenen nie. Noveski ist eine Macht in Luftduellen. Mit seinem mächtigen Körper, mit seinem glänzenden Stellungsspiel und Antizipationsverhalten, mit seinem Timing, mit seiner gnadenlosen Nähe zum Gegenspieler, mit seiner riesigen Erfahrung.

Drei Innenverteidiger als Option gegen Schalke?

Seinen ersten Bundesligaeinsatz hatte Noveski im März 1999. Im Trikot von Hansa Rostock. Eingewechselt beim 0:1 gegen den Hamburger SV. Die gegnerischen Stürmer hießen: Anthony Yeboah, Sergej Kirjakow und Thomas Doll. Klingt nach der Steinzeit. Danach kickte er drei Jahre für Erzgebirge Aue. Dort fiel er Jürgen Klopp auf. Seit 2004 findet man kaum eine 05-Mannschaftsstellung ohne den Namen Noveski in der Abwehrreihe. Aggressiv, zuverlässig, selten verletzt, beständig auf hohem Niveau: Noveski ist immer besser geworden mit den Jahren, er lernte die Nachvorneverteidigung, er lernte das konstruktive Eröffnungsspiel. Er wurde unter Thomas Tuchel Kapitän.

Bungert und Bell haben sich etabliert. Vielleicht deutete sich die mögliche Lösung schon am vergangenen Samstag an. Da sah die Abwehrreihe in den letzten drei Minuten so aus: Bell - Bungert - Noveski. Kasper Hjulmand hat die Abwehrvariante mit drei Innenverteidigern im Zentrum immer auf dem Schirm. Das mag auch bei der anstehenden Aufgabe als Gast des FC Schalke 04 eine interessante Option sein gegen Topstürmer wie Klaas-Jan Huntelaar oder Eric Maxim Choupo-Moting. Auch vor dem Hintergrund der Konzentrationsschwächen der 05er bei gegnerischen Standards: Drei Kopfballhünen im Strafraum, das müsste ein Bollwerk sein. Und als Persönlichkeit gibt Nikolce Noveski diesem Team immer Energie und Sicherheit.

Anzeige

Lern- und Entwicklungsprozess

Die Mainzer geben dem Gegner nicht viele Torchancen. Die Gegentore, die das Team bislang kassierte, waren häufig läppisch. Insbesondere dann, wenn die Mannschaft dominant war, viel Ballbesitz hatte. Und wenn daraus eher wenige große eigene Torchancen entsprangen. Dann fühlt sich der Gegner nicht sonderlich beeindruckt - und das Gefühl im eigenen Defensivverhalten geht in manchen Situationen verloren ob der vermeintlich sicheren Spielkontrolle. "Das ist eine mentale Aufgabe", sagt Hjulmand. "Wir müssen immer auch defensiv denken, auch wenn wir 70 Prozent Ballbesitz haben." Das ist ein Lern- und Entwicklungsprozess. Sofortiges Gegenpressing nach Ballverlusten ist ein gutes Mittel, die defensive Umschaltung scharf zu halten. Das schaffen die 05-Profis noch nicht über 90 Minuten.

Auf Schalke dürfte die Ballbesitzverteilung weniger einseitig sein. Die Mannschaft von Trainer Roberto di Matteo wird Druck aufsetzen. Ähnlich läppische Gegentore wie gegen den SC Freiburg werden sich die 05er dort nicht leisten können. Und vielleicht ist Nikolce Noveski für diese anspruchsvolle Defensivaufgabe mit seiner Präsenz und Ausstrahlung gerade der richtige Mann.