Rehberg: Neymars unausgegorene Karriere

Neymar. Foto: dpa

Das ist die spannendste Wechselgeschichte in diesem Sommer. Neymar junior. Bleibt der brasilianische Star beim FC Paris St. Germain – oder landet er für eine neue...

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. Mehrere Steueraffären hängen an Neymar, einige bis heute unaufgeklärte Geldtricksereien über Scheinfirmen, Gerichtsprozesse, Ermittlungen wegen eines Vergewaltigungsvorwurfes, ständige Wechselspekulationen. Seit der junge Mann vom FC Santos ausgezogen ist, mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten die Fußballwelt zu erobern, haben sich windige Parasiten bei ihm eingenistet. Berater, die wenig Interesse daran haben, dem aus armen Verhältnissen nach oben geschossenen Edeltalent einen seriösen Erfolgsweg zu ebnen.

60 Tore in 96 Länderspielen

Natürlich hat Neymar schon ein paar Titel gewonnen. Er war mehrfach Landesmeister und Pokalsieger in Barcelona und Paris. 2015 hat er mit Barca auch schon die Champions League gewonnen. Er hat Gold und Silber gewonnen mit der brasilianischen Auswahl bei zwei Olympischen Spielen. Er hat in 96 Länderspielen 60 Tore geschossen. Aber eine sportlich und im Leben seriöse Fußballikone ist er nicht. Dafür hat er zu viele Skandale am Hals, zu viele Formschwankungen begleiten seine Karriere, er ist oft verletzt, er ist noch nie die strahlende Führungsfigur gewesen – nicht in seinem Klub, nicht in seiner Nationalmannschaft.

Auf einem guten Weg war Neymar bei der WM 2014 in seinem Heimatland. Im Viertelfinale gegen Kolumbien wurde der Stürmerstar zu Boden gestreckt, Lendenwirbelbruch, das Aus. Im Halbfinale kassierten seine Kollegen das denkwürdige 1:7 gegen den späteren Weltmeister Deutschland. Wäre das mit Neymar im Team nicht passiert? Die Frage wird ewig unbeantwortet bleiben. Bei der WM 2018 schieden die favorisierten Brasilianer mit einem formschwachen Neymar im Viertelfinale gegen Belgien aus.

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In Paris hat Thomas Tuchel versucht, den überragenden Techniker, schnellen Dribbler und Torjäger auf neue Beine zu stellen. Der Trainer war darauf aus, Neymar die größtmögliche persönliche Wertschätzung zu vermitteln. Die Bilder, die zeigten, wie Tuchel den sensiblen Profi bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit abklatschte, umarmte, streichelte, ihm lustige Sachen ins Ohr flüsterte, sorgten in den französischen Medien schon für Belustigung und viel Ironie. Als das unausgewogen zusammengestellte Paris-Team in der Champions League früh ausschied gegen eine nicht mehr als solide auftretende Elf von Manchester United, da fehlte Neymar mal wieder. Verletzt.

Tuchel wurde nicht belohnt

Ist Tuchel für seine außergewöhnliche Fürsorglichkeit belohnt worden? Überhaupt nicht. Neymar will weg. Zurück nach Barcelona. Wo es ihm vor 24 Monaten überhaupt nicht mehr gefallen hat. Zwei Jahre hat der Brasilianer in Paris als Markenbotschafter für die WM 2022 in Katar das utopische Gehalt aus dem Haus der milliardenschweren Scheichs eingesackt. Nun erzählt er in einem Interview, er vermisse in der französischen Hauptstadt die Sonne, das Meer, den Strand und den Spaß. Und, natürlich: Er brauche eine neue Herausforderung. Die eigenmächtige Verlängerung des Brasil-Urlaubs mit Internet-Filmchen vom Sandfußball am heimischen Strand gehören dann zwangsläufig schon zu diesen Abschiedssignalen.

Braucht Barca den Superstar überhaupt? Der Klub hat gerade für 120 Millionen Ablöse Antoine Griezmann an die Seite von Lionel Messi und Louis Suarez gestellt. Dazu noch Neymar, der an sonnigen Tagen ein glänzender Solist sein kann, der sich um gruppen- und mannschaftstaktische Belange aber grundsätzlich wenig schert? Zweifelhaft. Die katarischen Eigentümer von Paris St. Germain wollen ihre einst gezahlten 222 Millionen wieder reinholen. Barca bietet 100 Millionen, so wird geschrieben, der Rest soll beglichen werden mit der Abtretung von hochwertigen Spielern wie etwa Coutinho. Dieser Brasilianer ist in seinem Spiel ähnlich launenhaft wie Neymar.

Experten bezweifeln, dass Neymar überhaupt etwas zu entscheiden hat in seinem Konstrukt aus Scheinfirmen und Beratern. Diese Leute kassieren bei jedem Wechsel ihres prominenten Klienten Unsummen. Provisionen, Ablösebeteiligungen, Gehaltsbeteiligungen, Marketing-Abtretungen. Neymar ist ein Goldesel. Der noch nie Einblick hatte in die geschäftlichen Belange seines Berufs. Der Spieler unterschreibt Papiere. Das war's. Der Star, der grundsätzlich mit seiner Jugendgang durch die Lande zieht und diese Feiercombo auch komplett durchfüttert, stolpert zielstrebig durch eine sportlich unausgegorene Karriere. Mag sein, dass sich in ein paar Jahren kaum noch jemand an Neymar jun. erinnert.