Rehberg: Montagsspiele, Stuttgart und angeschlagene Boxer

Jürgen Kramny beim Spiel in Bremen. Foto: dpa

Der VfB Stuttgart hatte Tag der offenen Tür beim ersten Montagsspiel der Bundesliga-Geschichte. 2:6-Niederlage in Bremen. Und was macht das Team jetzt daheim gegen den 1. FSV...

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. Haben Sie auch gemütlich auf der Couch und vor dem Fernseher das erste Montagsspiel in der Geschichte der Bundesliga geschaut? Das war doch unterhaltsam. 6:2 gewann Werder Bremen gegen den VfB Stuttgart. Rauf und runter ging es, harte Tacklings, wildes Tempo, viele Tore. Keine Schachtaktik, keine Betonblöcke vor beiden Strafräumen. Ganz im Gegenteil. Tag der offenen Tür. Und selbst beim Stand von 3:1 für die Werder-Elf hatte man noch das Gefühl, das könnte am Ende auch 4:4 ausgehen, optional auch 8:6 für die Bremer. Herrlich. Nur für die Stuttgarter Anhänger war das ein Grauen. Die Mehrheit ist aus Protest gegen den Montagtermin zu Hause geblieben. Vor dem TV-Gerät im Ländle hat sich das Scheibenschießen an der Weser wahrscheinlich noch fürchterlicher angefühlt. Der VfB ist nun zwei Spieltage vor Saisonende Vorletzter in der Tabelle. Und die Heimpartie an diesem Samstag gegen die 05er rangiert unter der Bezeichnung: Schicksalsspiel. „Do or die“, nennen das die Amis. Machen oder sterben.

Nach Kramnys starker Serie kam der Systemabsturz

Aus der Arbeit von Jürgen Kramny wird man nicht schlau. Vor dem 14. Spieltag übernahm der langjährige U23-Coach des VfB von seinem Vorgänger Alexander Zorniger einen taumelnden Bundesligadrittletzten. Binnen neun Spielen führte Kramny sein Team mit sicherer Hand auf Platz 11. Nur eine Niederlage zum Start (1:4 in Dortmund), am Ende der Serie spektakuläre fünf Siege hintereinander. 23. Spieltag: Acht Punkte Vorsprung vor dem Relegationsrang, nur fünf Punkte Rückstand auf einen Europapokalrang. Alles gut. Hervorragend sogar. Und danach? Systemabsturz. Nur ein Sieg in zehn Spielen mit 27 Gegentoren. Am Ende dieser Negativserie fünf Niederlagen und ein Wackelremis (2:2 in Darmstadt) in sechs Spielen. Und schon wieder muss Sportdirektor Robin Dutt pausenlos Fragen von Journalisten beantworten, die sich mit dem Verfallsdatum des Trainers beschäftigen.

69 Gegentreffer in 32 Spielen. Das ist utopisch. Selbst die als künftiger Zweitligist bereits feststehenden Hannoveraner haben zehn Gegentore weniger gefangen. Da hilft es dem VfB auch wenig, dass er fünf Tore mehr geschossen hat als der Tabellensiebte aus Mainz. Kramny hatte in der ersten Hälfte seiner Amtszeit vor allem die Defensive neu organisiert. Personell und in den taktischen Abläufen. Inzwischen muss sich der langjährige 05-Profi vorkommen, als hätte er die neuen Dichtungsteile durch ein Sieb ersetzt. Der Schlagabtausch in Bremen hat die Misere von Kramny schonungslos offen gelegt: Seine Mannschaft hat Offensivpotenzial, seine Mannschaft ist immer für Tore gut – aber auch für eine Fehlerflut im Defensivverhalten.

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Was macht Stuttgart nun? Kämpfen. Sicher

Mit Daniel Schwaab hatte Kramny an der Weser einen gelernten Abwehrspieler auf die Sechserposition gestellt neben den offensivstarken Lukas Rupp. Die Mittelfeldzentrale bot den Bremern sehr viel Spielraum, selbst der 37 Jahre alte Werder-Mittelstürmer Claudio Pizarro konnte in diesen Zonen nach Lust und Laune Bälle behaupten und verteilen. Im Abwehrzentrum produzierte der vom FC Empoli eingekaufte Italiener Federico Barba ein Eigentor, der routinierte Nebenmann Georg Niedermeier sah bei zwei anderen Gegentoren schlecht aus. Dann erzwang Barba mit einem Hackentrick das 2:3-Anschlusstor. Kurz darauf humpelte er verletzt vom Feld. Rechtsverteidiger Matthias Zimmermann wirkte überfordert bei seinem Saisondebüt, der wacklige Linksverteidiger Insua holte sich auch noch die fünfte Gelbe Karte ab.

Was werden die Stuttgarter nun veranstalten gegen die 05er? Kampf, klar. Angriffsfußball? Vielleicht. Defensivblock mit Umschaltfußball? Wahrscheinlich eher das. Filip Kostic, Martin Harnik und Timo Werner sind klassische antrittsschnelle Konterstürmer. Und Daniel Diadavi ist ein Zehner, der diese Pfeile einsetzen kann. Und nicht nur das, der 25-Jährige, der im Sommer zum VfL Wolfsburg wechselt, hat selbst schon 12 Treffer stehen. Aber auch Didavi musste in Bremen angeschlagen ausgewechselt werden. Gegen die 05er soll der Ur-Schwabe wieder fit sein. Ansonsten müsste der Ballvirtuose Alexandru Maxim das Spiel ankurbeln. Schwer nachvollziehbar, wie diese Mannschaft mit diesen Offensivkönnern in diese Lage geraten konnte. Der VfB fährt mit einem PS-starken Motor, der literweise Öl verliert. „Wir müssen versuchen, das Unmögliche möglich zu machen“, erklärt Robin Dutt. Man spürt, der VfB ist schon der Verzweiflung nahe. Aber wir wissen, wie das manchmal ist mit angeschlagenen Boxern…