Rehberg: Mix aus Rugby, Football und Eishockey

Die Frankfurter Haris Seferovic (l.) und Sonny Kittel  im Strafraum beim Kopfballversuch. Rechts der Mainzer Suat Serdar. Foto: dpa

Welche Ballsportart haben die beiden Mannschaften da am Sonntag betrieben im Frankfurter Waldstadion, fragt sich Kolumnist Reinhard Rehberg. Er nennt es eine Mischung aus Rugby,...

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. Auch diese Betrachtung hätte ihre Berechtigung: Welche Ballsportart haben die beiden Mannschaften da am Sonntag betrieben im Frankfurter Waldstadion? Nennen wir es kurz und knapp eine Mischung aus Rugby, Australian Football und Fußball angereichert mit dem aus dem Eishockey bekannten Zweikampfelement „knallharter Bodycheck“. Die 05er haben diese merkwürdige Kampfspiel mit 1:2 verloren. Das firmiert nun unter Derbyniederlage. Was die Sache für die Mainzer noch ärgerlicher gemacht hat.

Über sein erstes Saisontor kann sich Daniel Brosinski nicht freuen

Die Eintracht lebt wieder. Oder sagen wir es so: Die 05er haben die Eintracht leben lassen. Die Mannschaft von Trainer Niko Kovac musste lediglich das kleine Einmaleins im Abstiegskampf bemühen, um die 05-Profis in Schach zu halten: Wenn es dir nicht gut geht, und wenn du weißt, dass der Gegner die besseren spielerischen Mittel und mehr Geschwindigkeit am Start hat, dann ziehe den Gegner mit Kampf und Härte bis an die Grenzen der Regelauslegung auf dein Niveau runter. Das hat die Eintracht an diesem Tag geschafft. Und das haben die 05er mit sich machen lassen. Niemand kann behaupten, die Elf von Martin Schmidt wäre läuferisch und kämpferisch nicht auf Augenhöhe gewesen. Aber die Mainzer haben dabei ihre offensiven Stärken ausgeblendet: Schnelles und präzises Passspiel im Gegenzug plus Sprints in die Tiefe. Und deshalb blieb es über 90 Minuten bei einem Gedränge, Gewürge und Gebolze, das die Hausherren für sich entschieden – mit einem Glückstor aus dem Nichts sechs Minuten vor Spielende. Eine logische Herleitung hatte dieser Spielausgang nicht. Es war ein Zufallsergebnis.

Der Pechvogel des Abends war Stefan Bell

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Der Pechvogel des Abends war Stefan Bell. Der 05-Innenverteidiger stand ebenso wie Nebenmann Leon Balogun souverän im Deckungszentrum. Bis auf einen Aussetzer in der Abstimmung mit Giulio Donati fehlerlos am Boden und in der Luft. Und dann kam die 84. Minute. Änis Ben-Hatira drehte sich auf, Bell drehte dem Frankfurter Stürmer mit angelegten Armen den Rücken zu, der im Ansatz wahrscheinlich harmlose Schrägschuss prallte auf den runden Buckel des Mainzer Abwehrspielers – und die Kugel eierte unhaltbar für Keeper Loris Karius im hohen Bogen in den entfernten Torwinkel. Der Frankfurter Siegtreffer. Verdient? Unverdient? Das interessiert im sportlichen Existenzkampf, in dem die Frankfurter stecken, überhaupt keinen. Nur die 05er. Die erneut eine nette Führung – nach Daniel Brosinskis herrlich verwandeltem Freistoßschlenzer – nicht ins Ziel gebracht haben.

Auch der Ausgleichstreffer war ein Zufallsprodukt. Seitlicher Freistoß, Kopfballabwehr von Bell, Ben-Hatira rutschte aus in guter Schussposition, die 05-Abwehr schaltete ab, der Frankfurter Offensivmann, der mal bei Thomas Tuchel nach einem Probetraining am Bruchweg und einem Testspiel in Weisenau durchgefallen ist, stocherte nach, lenkte die Kugel mit langem Bein weiter, am langen Fünfereck grätschte Innenverteidiger Marco Russ die Kugel unbehindert über die Linie. Weitere Torchancen für die spielerisch einfallslose Eintracht? Ein Durchbruch von Haris Seferovic nach dem Doppelfehler von Bell und Donati, den Karius waghalsig ausbügelte, dazu ein Kopfball von Haris Seferovic, den Karius aus dem Winkel boxte. Ende. Das war´s.

Zweite Pechvogel des Abends war Jhon Cordoba

Der zweite Pechvogel des Abends war Jhon Cordoba. Der 05-Mittelstürmer zeigte eine große Malocherleistung. Die Eintracht-Innenverteidiger David Abraham und Marco Russ nahmen den Kolumbianer mit grenzwertigen Bodychecks lange aus dem Spiel. Cordoba steckte nie auf. Nach gut einer Stunde scheiterte er nach einem grandiosen Solo an Torhüter Lukas Hradecky. Cordoba, der allerdings auch den ein oder anderen albernen Faller einbaute, wehrte sich gegen die harten Attacken. Ergebnis: Gelbe Karte nach einem Offensivfoul, Gelb-Rot-Gefahr nach einem Revanchefoul, Auswechslung. Der extrem giftige Abraham, der den 05-Stürmer ständig klammerte und von hinten malträtierte, kam ohne Verwarnung über die Runden.

Als die Eintracht das Siegtor bejubelte, da hatten die 05er gerade mal ein wenig Ruhe in ihr Spiel gebracht. Das passte zu diesem merkwürdigen Kick. Der ausschließlich ein Genuss war für Liebhaber robuster Duelle Mann gegen Mann. Die man in dieser archaischen Art ansonsten eher aus dem Rugby, dem Australian Football oder dem Eishockey kennt.