Rehberg: Mittelstürmer Mario Götze - nichts anderes als...

Bundestrainer Joachim Löw (links) und Mario Götze beim Training der deutschen Fußballnationalmannschaft im Sportpark Stadion "Kleine Kampfbahn" neben der Commerzbank-Arena in Frankfurt. Foto: dpa

An diesem Freitagabend tritt die deutsche Nationalmannschaft in Frankfurt in der EM-Qualifikation gegen Polen an. Die Kadernominierung von Joachim Löw dokumentiert: Löw hat...

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. An diesem Freitagabend tritt die deutsche Nationalmannschaft in Frankfurt in der EM-Qualifikation gegen Polen an. Die Kadernominierung von Joachim Löw dokumentiert: Löw hat wenige Optionen auf der Mittelstürmerposition. Da liefert die hoch gelobte Ausbildungsstruktur in den Nachwuchsleistungszentren kaum hochkarätige Talente. In der Bundesliga dominieren ausländische Profis. Und diese müssen für teilweise horrende Ablösesummen angeworben werden. .

Löw wird gegen Polen Mario Götze in die Startelf stellen. Das ist der berühmte „falsche Neuner“, ein Begriff aus dem Taktiklehrbuch, der die Spielweise dieses Zentrumsstürmertypen beschreiben soll. Die deutsche Nationalmannschaft ist ausgerichtet auf Ballbesitzfußball. Diese Elf ist als Weltmeister immer Favorit, die Gegner konzentrieren sich in der Mehrzahl auf die Defensive. Das Löw-Team muss demnach durchgehend spielerische Lösungen finden auf eng zugestellten Räumen und gegen massiven Pressingdruck.

Lewandowski wäre bei Löw gesetzt

Der klein gewachsene Götze ist der Mann, der mit seiner Technik, mit seinen schnellen Drehungen und Wendungen, mit seiner Sicherheit im Kombinationsspiel und mit seiner Spielintelligenz im Sturmzentrum Lösungen finden kann in dicht besiedelten Sperrgebieten und gegen die üblichen international erprobten Hünen in den eng verschiebenden Abwehrreihen. Strafraumtore macht Götze eher selten, es sei denn, es handelt sich um ein WM-Finale.

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Hätte Polen-Star Robert Lewandowski einen deutschen Pass, dann würde Löw den spielerisch nicht minder begabten Angreifer vom FC Bayern, dessen Abschlussqualitäten im Strafraum auch einen Torjäger ausweisen, immer aufstellen. Die Nominierung von Götze im Sturmzentrum lässt sich taktisch wunderbar erklären. Letztlich ist das nichts anderes als Mängelverwaltung.

Physisch präsente Mittelstürmer mit deutschem Pass - Mangelware

Physisch präsente Mittelstürmer mit deutschem Pass, die kicken können und die im Strafraum am Boden und in der Luft Instinkt, Handlungsschnelligkeit und Abschlusstechnik haben, sind rar gesät. Mario Gomez, der für die Bayern in 115 Bundesligaspielen sagenhafte 75 Tore geschossen hat? Der 31-Jährige hat 60 A-Länderspiele (25 Tore) in der Statistik, aber hoch im Kurs stand der Torjäger bei Löw nie. Warum? Weil Gomez in einer Ballbesitzmannschaft schnell isoliert wirkt - sobald er mit seiner ausbaufähigen Technik ins Kombinationsspiel eingebunden werden soll. Inzwischen kickt der Hüne bei Besiktas Istanbul, empfehlen kann er sich für eine Rückkehr in den engsten Löw-Kreis ausschließlich mit Toren.

Dann gibt es im DFB-Kader noch den für stramme 12 Millionen Euro von Gladbach zum VfL Wolfsburg gewechselten Max Kruse, ein spielender Mittelstürmer, der sich viel lieber in der zweiten Reihe herumtreibt. Unter DFB-Beobachtung steht noch der 24 Jahre alte Daniel Ginczek. Ob der 1,91 Meter hohe und antrittschnelle Torjäger vom VfB Stuttgart fußballerisch die Anforderungen des Bundestrainers erfüllt, das darf man zumindest in Frage stellen. Ende. Mehr Optionen gibt es nicht.

Sehr viele ausländische Zugänge auf der Mittelstürmerposition

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In der Bundesliga gab es in diesem Sommer wie immer sehr viele ausländische Zugänge auf der Mittelstürmerposition. Borussia Mönchengladbach erwarb als Kruse-Ersatz für zehn Millionen Euro von Bayer Leverkusen den spielerisch limitierten Schweizer Josip Drmic. Leverkusen verpflichtete dafür vom SC Freiburg für sechs Millionen den technisch hochwertigen Admir Mehmedi (Schweizer).

Der FC Schalke 04 stellte Torjäger Klaas Jan Huntelaar den 1,92 Meter großen Franco die Santo zur Seite (da fragt man sich, warum: Dieser Doppelneuner-Versuch war doch schon mit Adam Szalai gescheitert…). Die Bremer kassierten für den Argentinier di Santo sechs Millionen. Neuner-Investition von Werder: 4,5 Mio. für den US-Nationalspieler Aron Johannsson aus Alkmaar – und 4,5 Mio. für den sprint- und sprungstarken Ex-05er Anthony Ujah vom 1. FC Köln.

Die Ujah-Kohle legten die Kölner umgehend an für den stämmigen Franzosen Anthony Modeste von der TSG Hoffenheim; nur eine Leihgebühr wurde fällig für den kleiner gewachsenen österreichischen Nationalstürmer Philipp Hosiner von Stade Rennes.

05er gehen einen anderen Weg

Die Hoffenheimer, die auch noch Sven Schipplock an den Hamburger SV abgegeben haben, besorgten sich den ablösefreien deutschen Altstar Kevin Kuranyi sowie den aus Köln stammenden Deutschen Mark Uth (2,2 Mio. gehen an den holländischen Erstligisten Heracles Almelo). Die Frankfurter Eintracht holte für 2,5 Millionen den langen und schnellen Holländer Luc Castaignos (Twente Enschede). Hannover 96 entschied sich für den langen Holländer Charlison Benschop (1,5 Mio.) von Fortuna Düsseldorf und für den wendigeren französischen Türken Mevlüt Erdinc (3,3 Mio.) von AS St. Etienne.

Die 05er sind einen ganz neuen Weg gegangen. Im Prinzip ersetzen drei Spieler den zu Leceister City gewechselten Shinji Okazaki. Braucht Martin Schmidt einen wuchtigen Abschlussspezialisten im Strafraum, dann spielt der für zwei Millionen Euro vom Zweitligisten 1. FC Heidenheim verpflichtete Bulle Florian Niederlechner. Braucht der Trainer einen Mittelstürmer für die Sprints in die Tiefe, dann spielt im Zentrum der schnelle und wendige Japaner Yoshinori Muto (2,8 Millionen). Braucht Schmidt einen physisch starken Zentrumsstürmer, der auch außerhalb des Strafraums Bälle festmachen und verteilen kann, dann ist der für 600.000 Euro vom FC Granada ausgeliehene Kolumbianer Jhon Cordoba die Option. Wobei Muto in der Startelf auch noch beliebig kombinierbar ist mit den Neunern Niederlechner und/oder Cordoba.

Aaron Seidel - ein Mann für die Zukunft?

Auch eine Variante, wenn keine Mittelstürmer mehr zu finden sind, die den genannten Reigen an Fähigkeiten in einer Person vereinen. Der Trend geht zur Aufgabenteilung. Job-Sharing.

Und für die Zukunft kann es eine Aufgabe sein, den Nachwuchsstürmer Aaron Seydel über die Drittligamannschaft der 05er auf Bundesliganiveau zu hieven. Der 19-Jährige ist 1,93 Meter groß, technisch gut ausgebildet und schnell. Wenn der junge Mann begreift, welche Chancen sich auf der Mittelstürmerposition in den nächsten Jahren in Deutschland auftun mit diesem Gesamtpaket, dann sollte er überragend motiviert sein und sehr hart an sich arbeiten.