Rehberg: Mit zündender Spielidee an die Spitze

Gladbach-Trainer Marco Rose. Foto: dpa

Serienmeister FC Bayern, davor zweimal Borussia Dortmund. An der Spitze der Bundesliga ist es meist eintönig. Das ändert sich in diese Saison. Warum, erklärt unser Kolumnist...

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. Wer hat es geschafft, im vergangenen Jahrzehnt Deutscher Meister zu werden? Viel Auswahl haben wir da nicht. Acht Titel hat sich der FC Bayern abgeholt, zweimal durfte Borussia Dortmund den goldenen Teller durch die Stadt fahren. Das macht den aktuellen Zwischenstand so reizvoll: Wintermeister RB Leipzig, erster Verfolger Borussia Mönchengladbach. Eine ganz neue Ansage. Die noch nichts darüber aussagt, wie das Endergebnis im Mai lauten mag. Aber wir halten fest: Die Spitze ist vielfältiger geworden in der Bundesliga.

Woran das liegt? Bisher lautete die These, die Dominanz der Bayern mit gelegentlichen Ausrufezeichen aus Dortmund ließe sich nur brechen, wenn in Deutschland der Markt freigegeben werde für finanzstarke Investoren. Geldgeber, die drei bis vier Liga-Konkurrenten auf das wirtschaftliche Niveau des FCB und des BVB heben. Die aktuelle Entwicklung ist kein Beleg für diese Annahme.

Im Moment erkennen wir auf der einen Seite, dass die topbesetzten Topfavoriten aus München und Dortmund mit Problemen zu kämpfen haben. Die Bayern stecken in einer Umbruchphase: Verjüngung, neue Spieler, neue Trainer, neues Führungspersonal. Der BVB hat seinen erneuerten Kader wahrscheinlich ein wenig überschätzt, zudem fehlt noch das letzte Vertrauen in den Cheftrainer Lucien Favre.

Erinnerung an Spielstil von Klopp

Auf der anderen Seite haben es RB Leipzig und Gladbach in dieser Saison geschafft, mit guten Mannschaften eine zündende Spielidee sehr konstant in Erfolg münden zu lassen. Die jungen und extrem ehrgeizigen Trainer Julian Nagelsmann und Marco Rose strahlen darüber hinaus aus, dass sie gewillt sind, die vermeintlich betonierte Liga-Reihenfolge nicht kampflos zu akzeptieren. Beider Ansätze erinnern in der mannschaftlichen Geschlossenheit, in der physischen Intensität, in der Pressingwucht, in der Umschaltgeschwindigkeit und in der Zielstrebigkeit stark an den Erfolgsstil von Jürgen Klopp.

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Auch wenn wir konstatieren, dass das RB-Projekt ohne die Millionen aus der Kasse des milliardenschweren Mäzens Dietrich Mateschitz nicht denkbar wäre, müssen wir anerkennen: Die Leipziger haben sich auch oder sogar vor allem inhaltlich nach oben gearbeitet. Transfers zwischen 50 und 100 Millionen Euro hat der Werbeklub für Dosengetränke noch nicht getätigt – und Jahresgehälter zwischen acht und zwölf Millionen Euro werden bei RB auch (noch) nicht gezahlt. Die Gladbacher, die nach der Hinrunde nur zwei Punkte hinter den Leipzigern stehen, haben alles aus eigener Kraft bewerkstelligt. Der Umsatz basiert auf den Einnahmen aus dem Fußballgeschäft. Geschickte Verkaufs- und Einkaufspolitik. Dazu kommt eine Trainer-Entdeckung und dessen ebenso klare wie konsequente, erfolgreiche sowie mit besonderer Bereitschaft der Spieler durchgezogene Spielidee.

Keine Geduld bei Hertha BSC?

Schön zu sehen: Das geht. Jetzt gilt es zu beobachten, ob Hertha BSC sich mit seinem Investoren-Modell an diese „neue“ Spitze heranrobben kann. Sollte das gelingen, dann könnte das die Phantasie vieler Klub-Chefs anregen. Aber schon jetzt ist erkennbar, dass die Hertha mit dem 224-Millionen-Paket des Investors Lars Windhorst im Kreuz unter Zeitdruck geraten ist. Einen geduldigen, organisch wachsenden Aufbau wie etwa in Leipzig kann sich die Hertha offenbar gar nicht leisten. Trainer und Antreiber Jürgen Klinsmann, der verlängerte Arm von Windhorst, drückt aufs Tempo. Spitzenspieler aus der Bundesliga und der Premier League werden umworben. Ein ausgewogenes Gehaltsgefüge ist kein Thema mehr. Die Hertha strebt eine explosionsartige Entwicklung an. Ziel: Big City Player, Champions League – binnen zwei, drei Jahren.

Nachhaltigkeit? Wenn die 224 Millionen mal ausgegeben sind, und das geht schnell, dann muss der hoch gefahrene Kostenapparat gedeckt werden mit Einnahmen aus dem internationalen Geschäft. Europaliga wird da nicht reichen. Ob Klinsmann fußballfachlich auf eine Stufe zu stellen ist mit Nagelsmann und Rose, das lässt sich heute noch gar nicht beurteilen. Aber genau um dieses Thema wird es in Berlin irgendwann eher gehen als ums viele Geld.