Rehberg: Mit Tempospielern in die offenen Räume

Da geht´s lang: Mainz 05-Trainer Martin Schmidt. Foto: dpa

Am Freitagabend treffen die 05er auf Borussia Mönchengladbach. Gegen den Tabellenvierten helfen den Mainzern nur Tempospieler, um womöglich einen Konter siegbringend zu verwerten.

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. Werner Koch scheint nicht sonderlich zufrieden zu sein mit der Aufstellungspraxis des Mainzer Trainerstabs. Der 76 Jahre alte 05-Schiedsrichter-Obmann hat sich in der Pressekonferenz vor der Heimpartie gegen Borussia Mönchengladbach aus der ersten Reihe zu Wort gemeldet.

Koch, der Mann, der vor 28 Jahren in jener legendär turbulenten Mitgliederversammlung Harald Strutz als Präsidenten vorgeschlagen hat, fragte nach, ob Martin Schmidt nicht mal gedenke, auf den Flügeln neue Stürmer zu bringen. Der 05-Chefcoach blieb gelassen. Er stelle im Angriff auch auf nach defensivtaktischen Gesichtspunkten. Wechsel in der Startaufstellung seien aber immer möglich. Werner Koch quittierte diese Antwort mit einem Kopfschütteln. Nach der Pressekonferenz fragte Schmidt bei Teammanager Axel Schuster nach, für welches Medium denn der wissbegierige ältere Herr arbeite. Der Schweizer war erstaunt, als er hörte, dass es sich da um ein altgedientes Vereinsmitglied handelt.

Nun, im Vorrundenspiel in Mönchengladbach hatten Jairo und Christian Clemens (auf Vorlage von Jairo) die Mainzer zu einem gar nicht mal unverdienten 2:1-Sieg geschossen. Beim jüngsten 0:1 in Ingolstadt hatten die beiden seitlichen Offensivspieler nicht ihren besten Tag. Aber dass Schmidt gegen die unter dem Kollegen André Schubert hoch im Feld verteidigenden und stürmisch nach vorn orientierten Gladbacher defensivstrategische Überlegungen im Auge behält, das ist nachvollziehbar. Dass Schubert von seiner forschen Linie abweicht in Mainz, das ist nicht zu erwarten. Seine Mannschaft habe in diesem Stil eine Menge Punkte eingefahren, erklärte der Borussia-Coach in seiner Heimat, da könne er sich nur wundern, wenn jetzt plötzlich die Gegentorquote in den Mittelpunkt der Kritik gerate.

Muto noch mit Defiziten im Spiel gegen den Ball

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Die Defensivarbeit fängt bekanntlich ganz vorne an. In dieser Disziplin ist bei den Mainzern der schnelle Clemens sicher kein Meister. Aber Jairo bringt sich auf diesem Gebiet läuferisch, kämpferisch und taktisch sehr gut ein. Was dem kleinen Spanier bessere Noten verhagelt, das sind seine zu häufigen leichten Ballverluste im Eins-gegen-Eins. An manchen Tagen fehlt dem grüblerisch veranlagten Jairo der Punch. Der wilde, unbekümmerte Pablo de Blasis hat mehr Durchsetzungswillen. Aber der Argentinier ist technisch weniger beschlagen und ihm fehlt in Strafraumnähe das Gen für den kreativen Pass. Möglich wäre gegen die Gladbacher aber auch eine Formation mit Jhon Cordoba im Sturmzentrum. Und mit Torjäger Yoshinori Muto als Linksaußen. Auch wenn Schmidt dem Japaner noch Defizite im Spiel gegen den Ball bescheinigt.

Bei den Gladbachern hat das Flügelspiel eine Topqualität. Und gerade über die Seiten, das hat Martin Schmidt unlängst ausgeführt, sind in dieser Saison gegen die 05er einige Gegentore eingeleitet worden. Deshalb hat der Trainer zuletzt dem athletischen Kämpfer Gaetan Bussmann links hinten den Vorzug gegeben vor dem offensivfreudigen Pierre Bengtsson. Und rechts hinten ist der defensiv sehr disziplinierte, stellungssichere und kampfstarke Winter-Zugang Giulio Donati (sofern seine lädierte Schulter hält) eingeplant für den sprintgewaltigen Daniel Brosinski.

Balleroberung ist die Mutter der offensiven Blitzumschaltung

Zu beachten ist dabei aber, dass sich gegnerische Flügelattacken nicht grundsätzlich über Ein-gegen-Eins-Duelle regeln lassen. Da müssen beide Außenstürmer die Bereitschaft haben, die Kollegen im Rücken zu unterstützen. Die beiden Sechser müssen im Zentrum Passwege schließen und die jeweiligen Ballverteiler unter Zeit- und Entscheidungsdruck setzen. Und auch die beiden Innenverteidiger müssen hellwach den Moment erkennen, wann der Außenverteidiger Hilfe benötigt in seinem Raum, gerade dann, wenn die Gladbacher Seitenliniensprinter Fabian Johnson oder Ibrahim Traoré mit hoher Geschwindigkeit nach innen steuern und den Abschluss suchen. Soll heißen: Flügelverteidigung hat immer auch eine gruppentaktische Komponente.

Balleroberung ist die Mutter der offensiven Blitzumschaltung. Die Gladbacher geben Räume her. Das gehört zu Schuberts Risikoansatz. Kontermöglichkeiten werden sich für die Mainzer ergeben. Wenn die entsprechende Aggressivität auf dem Platz zu sehen ist, wenn die Schmidt-Elf die Mehrzahl der Zweikämpfe für sich entscheidet und wenn die Umschaltpässe präzise geraten, dann können die 05er mit ihren Tempospielern in die offenen Räume einbrechen. Und das sind die Situationen, in denen dann auch das Publikum mitzieht und die Mannschaft nach vorne treibt. Mit weniger Qualität auf allen Ebenen wird am Freiagabend eine Überraschung gegen den Tabellenvierten nur schwer möglich sein. Und dann erscheint Schiri-Veteran Werner Koch eventuell auch zur Pressekonferenz n a c h dem Spiel.