Rehberg: Mit erhobenem Haupt aus Europa verabschieden

Foto: Sascha Kopp

Donnerstag gegen den FK Qäbälä. Sollte Mainz 05 ein Sieg gelingen, dann können sich die 05er mit erhobenem Haupt aus Europa verabschieden. Das meint unser Experte Reinhard...

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. Baku in Vorderasien, diese 3.200 Kilometer in den Kaukasus, das war wahrscheinlich die aufregendste Reise für die 05er und ihre Anhänger in diesem Europaliga-Wettbewerb. Der Gold- und Marmor-Prunk im Zentrum der - in den Außenbezirken armen - aserbaidschanischen Hauptstadt. Die sintflutartigen Regenfälle mit stellenweise 30 Zentimeter Wasserhöhe auf der Straße, was dazu führte, dass der Mainzer Mannschaftsbus für die zwölf Kilometer lange Anfahrt vom Hotel zur Bakcell Arena eine Stunde und 40 Minuten benötigte. Das wilde Spiel gegen den FK Qäbälä mit 1:0-Führung, mit dem 1:2-Rückstand nach der Pause binnen fünf Minuten, mit der Wende zum 3:2 binnen zehn Minuten durch die gemeinsam in der 67. Minute eingewechselten Joker Jhon Cordoba und Levin Öztunali. Das sind diese klassischen spannenden, erinnerungswürdigen Europapokal-Erlebnisse.

Es geht auch um ein gutes Gefühl

An diesem Donnerstagabend kommt der Erstligist aus Aserbaidschan zum „Rückspiel“ in die Opel Arena. Danach ist die erste Teilnahme an einer EL-Gruppenphase für die 05er beendet. Der dritte Platz in der Gruppe C ist bereits zementiert. Der RSC Anderlecht und die AS Saint-Étienne ziehen in die Runde der letzten 32 ein. Die Mainzer können sich gegen das punktlose Schlusslicht FK Qäbälä „nur“ noch die Siegprämie von 360.000 Euro sichern. Und in diesem Fall das gute Gefühl mitnehmen, mit dann acht Zählern auf dem Konto knapp gescheitert zu sein. Womöglich sogar punktgleich mit dem Team aus Frankreich, gegen das die 05er keines ihrer beiden Spiele verloren haben (1:1 und 0:0). Das wird die Mainzer Profis ein wenig schmerzen. Denn weit entfernt war die K.o.-Runde mit einem potenziell hochkarätigen Gegner tatsächlich nicht. Wenn denn die ASSE aus Saint-Étienne eine Hausnummer wie Manchester United, Ajax Amsterdam oder AS Rom zugelost bekommen sollten, dann werden die Herzen in Mainz noch mal ein wenig wehmütig klopfen. Wobei: José Mourinho muss mit ManU – bei nur zwei Punkten Vorsprung vor Feyenoord Rotterdam - im Gruppenfinale bei Zorya Luhansk durchaus noch um den Einzug in die K.o.-Runde zittern.

Vielleicht ist das ein Trost: Das große Inter Mailand, inzwischen fest in der Hand eines chinesischen Konzerns, ist in der Gruppe K Tabellenletzter mit drei Pünktchen. Das ist jener Klub, der 2011 unter José Mourinho im Finale der Champions League den FC Bayern München geschlagen hat. Knapp fünf Jahre später ist dieses Inter auf der europäischen B-Ebene nicht mehr konkurrenzfähig. Die einstmals stolzen Mailänder haben vor gerade mal 17.000 Zuschauern im Guiseppe-Meazza-Stadion gegen Hapoel Beer Scheva verloren (0:2) - und sie haben auch das Spiel in Israel abgegeben (2:3 nach 2:0-Führung). Die Mailänder haben in Tschechien gegen Sparta Prag verloren (1:3). Die Mailänder haben in England gegen den FC Southampton verloren (1:2).

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Viele 05-Pfeile in der Europa-Landkarte

Wenn die 05er den FK Qäbälä bezwungen haben, dann können sie im Vergleich mit dem großen Inter diesen Wettbewerb mit hocherhobenem Haupt verlassen. Viel hat nicht gefehlt. Vielleicht nur ein wenig mehr internationale Erfahrung. Und ein wenig mehr Glück in den beiden Heimspielen gegen Anderlecht (1:1) und Saint-Étienne (1:1). In den Geschichtsbüchern des Klubs wird dieses Abenteuer ein besonderes Kapitel sein. Die Pfeile in der Europa-Landkarte stecken inzwischen in Armenien, Island, Spanien, Rumänien, Griechenland, Aserbaidschan, Belgien und Frankreich. Nicht schlecht. Ob in absehbarer Zeit noch ein paar Pfeile dazu kommen, das steht in den Sternen. Ein Antrieb wird diese 05-Europakarte in jedem Fall sein. Fünf bis sechs Millionen werden die 05er nach der europäischen TV-Geld-Ausschüttung am Ende der Saison eingenommen haben in der Europaliga. Das hilft, um den aktuell recht teuren Kader solide zu finanzieren.

Ein ausverkauftes Stadion haben die 05er nicht erreicht in diesem Wettbewerb. Gegen den FK Qäbälä hat der Klub bis Mittwoch 12.000 Karten verkauft. Vielleicht werden es noch 13.000 oder 14.000. Das ist in Ordnung vor dem Hintergrund, dass es sportlich nur noch um den silbernen Eiszapfen geht. Unterhaltsam kann die Partie dennoch werden. Die Aserbaidschaner sind keine Mannschaft, die sich in der eigenen Spielhälfte verbarrikadiert. Die Elf von Roman Grygorchuk will durchaus mitspielen, zumindest zielstrebige Konter fahren über gute Fußballer wie Rashad Sadiqov, Filip Ozobic, Sergej Zenjov oder Bagaliy Dabo. Martin Schmidt wird sicher nicht seine Startelf für die folgende Bundesligapartie in Gladbach präsentieren. Aber das will nicht viel heißen. Wenn diese Saison bislang eines gezeigt hat, dann das: Der Kader ist für Mainzer Verhältnisse qualitativ sehr breit aufgestellt.